Bemerkenswert

es steht geschrieben

Dies ist die Kurzfassung des Beitrags.

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Was ich so schreibe… na, alles Mögliche! Eben Geschichten, Gedichte, es ist ein bunter Strauß, keiner muß alles lesen (kleiner Hinweis: unten angehängt an diesen Eingangssermon ein INHALTSVERZEICHNIS! folglich kann ein Jeglicher nach seinem Wunsche dort und dann fortfahren und darf diese Litanei gerne überspringen, ran an die Texte!), keiner muß alles mögen, natürlich freue ich mich, wenn etwas dem geneigten Leser zusagt, doch sollen die Texte nicht vorrangig, nicht einfach nur gefällig sein, sondern gerne auch ein bißchen sperrig hier und da, manche auch zum Nachdenken anregend. Wenn mir dies immer mal wieder gelingt (ja, genau, das mit dem Nachdenken), tunlichst ohne dass der Aspekt Unterhaltung untergeht, dann bin ich froh. Wer zum Inhalt oder zur Form Nachfragen hat, auch kritische, aber gerne (wie gesagt errege ich auch gerne Gefallen und hör das auch mit Begeisterung, wer nicht!), ich freue mich auf fachliche, sachliche und sowieso freundliche, gar begeisterte Rückmeldungen, konstruktive Kritik jeder Form wenn’s denn sein muß weil jemand sehr genau liest, sehr genau Textauf- und überbauten betrachtet, aber auch klar, von vorneherein: wer bloß blöd rumnölen will kanns auch gleich lassen. Gelegentlich schreibe ich auch zwischendrin mal zum aktuellen Weltgeschehen, was aber eher nicht so mein Stil ist, denn die Geschehnisse müssen meistens erst mal verdaut, inwendig verarbeitet werden, dann erst, dann wird vermutlich eine Geschichte daraus, die womöglich ihren Anlaß gar nicht mehr erkennen läßt. Wie das halt mit Verdautem so ist, man erkennt selten das Eingangsprodukt. Freilich, manchmal ist noch eine deutliche Färbung zu erkennen oder gar unverdaute Reste, grobe Körner etwa… Und wie alles selbst verdaute: wie schon geschrieben. Copyright. Gell. Privat weitergeben – unter Autorenangabe – ja, gern, in irgendeiner Weise gewerblich: nicht ohne mich zu fragen! – ja doch, fragt mich!
Sodann wurde ich aufgefordert, einen Leseguide zu geben. Was diese Geschichtchen sollen, ob sie zusammenhängen. Nein, jede steht für sich, obwohl es natürlich inhaltliche Zusammenhänge geben mag, thematische. Falls sich eine Geschichte aus der anderen ergibt, so wird, kein Grund zu zweifeln oder verzweifeln, ein Hinweis gegeben werden. Wie schon geschrieben müssen diese ganzen Einträge also nicht mit Gewalt heruntergelesen werden, sondern je nach Lust und Laune – manche mögen zu einer kleinen Besinnung anregen, die Seele bequem baumelnd, nicht aber etwa aufgehängt, sich selbst suchen lassen, besinnlich sein, andere aufgrund ihrer temporeichen Ereignisse oder ihrer spitzen Bemerkungen wegen eher den Verstand ansprechen, aufwecken, den lieben Leser auch dazu auffordern, Stellung zu beziehen, selbst tätig zu werden gegen all das Ungute, das sich überall vermehrt, breitmacht, gestern und heute. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Blatt betrachtend ein Haiku rezitiert wird oder sonstiges Poetisches, diesem poetischen Sinn im Seienden sinnlich nachgespürt wird, oder anders eine unerwartete Wendung, ein frecher Begriff aufregend ist, vielleicht sogar ärgerlich oder aber eher belustigend. Hier mag ergänzt sein, es wiederholt sich, es ist oft das Ernste im Unernsten und sein Zwilling, das Unernste im Ernsten, das sich mir aufdrängt und das ich weiterzugeben versuche. Ist das Geschriebene ein autobiografisch Gekritzel? Eher nein, natürlich fließt mein Erfahrenes, Erlebtes ein, wird aber immer verformt, verarbeitet, bewußt und mindestens so oft unbewußt. Muß man, bei Fachbegriffen begonnen, so klug sein wie der Autor? He, wir leben in Zeiten des Internets! Da kann man nachschauen, was glaubt Ihr denn, was ich mache und nicht zuletzt gibt es auch Bücher, ja, die gibt es noch, Lexika, Fachbücher und so (na o.k., andererseits, haltet mich ruhig für ein Genie, einen Ausbund an Wissen)?! Muß immer, schier mit Gewalt, ein geheimnisvoll tieferer Sinn drinstecken? Nein, es darf auch auf Unterhaltungsmodus geschaltet werden. Am Ende muß ja immer der Rezipient, der Leser sich fragen, kann er, dieser Leser nämlich, da für sich etwas, irgend etwas, ein wenig, viel rausholen oder nicht. Wo nicht, na gut, schade um die so wieder gefundene, verlorene Zeit, wo schon, da freue ich mich mit!
Ja, o.k., eine Betriebsanleitung… na gut, ich habe erkannt, dass ich manchmal Erläuterungen, nicht so sehr Kommentierungen abgeben muß und vielleicht auch einen Hinweis, um was es geht, also mindestens in etwa ein Genre angeben. Dann will ich das mal tun. In Klammern. Also meinend: Du, der Du dies liest mußt das nicht so übernehmen, nicht so lesen, es ist nur ein Hinweis, eine Hilfestellung, aber bitte: das Lesen sei frei! Kein Leser verdammt! Ach kommt: Leseguide! Wenn ich das schon höre, lese, liese, lase: ja lest doch selber oder, um es mit Heinz Erhard zu sagen: das Schwarze, das sind die Buchstaben!

Die meisten Stücklein sind kurz. Was alles dabei erläuternd in Klammern steht kann weggelassen werden, das eigentliche Stücklein steht für sich, nur falls zusätzliche Erläuterungen gewünscht werden mag es sich empfehlen. Warnen will ich nur Diesen und Jenen vor den Teilen, die eventuell religiöse Gefühle (warum grad diese Schonung? weil die Leicht- und Strenggläubigen so leicht beleidigt sind! Ja und dann auch wegen einer gewissen Neigung, die auch mir innewohnt und die mir Respekt vor jenen Suchenden einflößt, die da nach der Wahrheit suchen oder nach der berühmten schwarzen Katze der Erkenntnis in einem verdunkelten Zimmer, die gar nicht da ist – das wäre die gute alte Wissenschaft -, die da aber nicht gleich rufen, sie hätten sie, obwohl sie wie gesagt gar nicht da ist, denn dies ist bekanntlich Theologie.) treffen und damit verletzten könnten, ich verseh sie mal mit einem + als Warnung. Also, weil es sonst ja nichts bewirkt außer leichtfertig erzielte negative Affektausbrüche, lest das nicht, lest eure heiligen Schriften und nichts Anderes! Aber mein Gott! – und alle die anderen Deines Schlages, die ich nicht neben Dir haben soll! – ja, ich weiß ja, dass das nichts nützen kann, frevelhafte Neubegierde wächst unter der frömmsten Scheuklappenhaube egal welcher Machart nach welcher Bekleidungsvorschrift welchen Ordens, welcher (vornehmlich alleinseligmachender Bekehrungs- und Verkündigungs-) Religion auch immer. Jene diesen Herumirrenden  Gleichgestellten aber, die heilig – absolute, obwohl gottlose Schriften für sich in Anspruch nehmen, sei es das bedenkenswerte, aber alles andere als unkritisch zu lesende Kapital, sei es ein übles Machwerk wie sein Krampf oder dergleichen, denen gestehe ich auch diese vorgebliche Suche nach der Wahrheit nicht mehr zu, es sei denn, sie wären völlig verblödet, was aber nur die wenigsten sind, die meisten wollen sehr bewußt und oft sogar sehr intellektuell überbaut und untermauert genau das: eine einfache, menschenverachtende Glaubenslehre für eine überschaubar definierte In-Group mit möglichst vielen Grausamkeiten gegen die Anderen und Abweichlern und persönlichen Gewinnmöglichkeiten – nicht umsonst hatten die damals wie heute keine Finanzsorgen, Vertreter des Großkapitals wissen, wie Mord und Totschlag zu fördern ging und geht.

INHALTSVERZEICHNIS oder: im Anfang war das Wort, aber der modernen Zeit entsprechend habe ich dann auch noch ein Bildnis von dem oder jenem gewagt.

(beachte die umgekehrte Reihung, das erste ist also tatsächlich das ersteingestellte, scrollt man runter – und ich habe noch nicht entdeckt, wie man etwa blättern könnte, es muß also augenverwirrend gescrollt werden – also das letzte Stück! Na typisch, den armen (mehr pflügenden als fliegenden?) Gaul von hinten her aufgezäumt!) Als denn, beginnen wir mit dem Ältesten:

1. Im Ungefähren verloren – Lyrik/Gedicht (Achtung, kann Hund enthalten!)
2. Die einheitliche Feldtheorie – Science fiction
3. Nachrichten aus finsteren Folterzeiten – Lyrisches Gedicht
4. Parabel von Schwaben und Leuten – Parabel
5. Anser vulpes – Fabel. Oder halt Tiergeschichte
6. Ich, Autor – Kurzgeschichte
7. Tiermagierin – Märchen (eine der ein klein wenig längeren Geschichtchen)
8. Bericht für den AAK – Science fiction
9. Bukowski, Charles – Lyrik/Gedicht
10. The real horror of the heights (in Deutsch! – Fantasy/Science fiction)
11. Als er das Brot brach – Lyrik/Gedicht – +!
12. Lehrer und Schüler im Zwiegespräch – Dialog
13. A Gsangl für’n Jandl – Lyrik/Gedicht
14. Aus dem Wörterbuch der Caniden – Spielerei, unvollendete, kann Hunde enthalten!
15. Schnodahüpferl – eben das
16. Haiku 1 – Haiku

17. Haiku 2 Glockenblume – Haiku
18. Haiku. Benn. 2x. – auf der Haiku – Zählung beruhende Gedichte
19. Gebet – Lyrik/Gedicht, +!
20. „Komm mit“ – Fabel
21. Gemeinsame Interessenlage – Kurzgeschichte
22. Klassische Bahnfahrt – Fantasy
23. lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit, geschweige denn den Viechern jeder Species! – Fabel
24. Trudeln – Kurzgeschichte
25. Joan Maynard! – Lyrik/Gedicht
26. den poet frag konkret/dekonstruktion – Lyrik/Gedicht
27. Nächtliche Erscheinung – Haiku
28. Wintersonnenstrahlen – Haiku
29. Auf den Tod eines Rollstuhlfahrers: – Lyrik/Gedicht
30. Das Tagebuch von Tarascon – Legende, also +!!; ein bißchen länger
31. Eine Piratengeschichte mit Irish Wolfhounds – unfertig, eigentlich Ankündigung
32. Im Zeichen lesen – Kurzgeschichte ohne passendes Happy End
33. „Carpe diem“ oder „die Müh ist klein, der Spaß ist groß, du glaubst zu schieben und du wirst geschoben“ – Kurzgeschichte mit arg vielen Zitaten
34. Bushi, der Weg des Kriegers und das Handwerk – historisierende Kurzgeschichte
35. Jenny Killerbee or if it snows, if it snows… – nicht unbekanntes Märchen (deutsch)
36. Altsteinzeit – Dialog
37. Conus oder: Ferien am Meer – Lyrik/Gedicht
38. I’m the tiger! – Kurzgeschichte (deutsch. Ja doch, einschließlich der fremdsprachigen Einwürfe)
39. Schutzrituale bei Vollmond – Fantasy – Kurzgeschichte
40. Von Affen und noch anderen Affen. Ein dystopisches Märchen. – Fabel
41. Harry und die Zwänge – Ein Sachbeitrag zur Diskussion Sonderbeschulung versus Inklusion – Kurzgeschichte
42. Der spinnt, der Junge – Kurzgeschichte
43. Innovationsstau – Kurzgeschichte
44. Reinkarnation – Fantasy – Kurzgeschichte, + nur für ganz Überempfindliche
45. Min Deern! Dat du min Leevsten büst! – Kurzgeschichte (deutsch, aber ja doch)
46. Wenn Gott eine Türe schließt, so öffnet er ein Fenster – Kurzgeschichte
47. Dinner for only one – Kurzgeschichte (deutsch)
48. Den Frauen von Augusta Vindelicum gewidmet, in Memoriam heilige Afra und Agnes Bernauerin – Gedicht mit volkstümlichen Anklängen Typ Schnodahüpferl
49. Wieso das Füttern der Elefanten verboten ist und wie Eva und Max das herausfanden – Kriminalkurzgeschichte
50. Informationstafel – Lyrik/Gedicht
51. Dichterlesung – Kurzgeschichte
52. El Cid – Kurzgeschichte, aber nicht auf spanisch

Ab hier habe ich auch Bilder eingefügt, zur Auflockerung und Erbauung sowie um den digitalen Apparat (Canon EOS 500D, vorher wollte ich nie eine C., da ich ja am allerwenigsten in Schluchten fotografiere) auszuprobieren, denn ich war noch etwas aus der Zeit gefallen. Für Interessierte: nach der Agfa Clack, die auch das Eingangsbild lieferte, lang ist’s her, und die einen Ehrenplatz auf dem Regal hat kam als tatsächlich eigene richtige Kamera gleich die Minolta Spiegelreflex (Dynax 5000i), und lange hab ich mich geweigert, so richtig zur digital – elektronischen Fraktion zu wechseln, die ersten kleinen Digicameras waren insbesondere objektiv ja nicht so das Wahre. Für Schnappschüsse zu langsam, für Bilder zu schlecht, zum Mitnehmen, zugegeben, ganz praktisch.

53. Bilder aus einem angeblich hundefreundlichen Landstrich (Bilddokumentation)

54. Phytagoras‘ Kiefer (Bild)

55. das Geheimnis des Waldbauern (Bild)

56. das rindige Rind (Bild)

57. die Wahrheit über die Liebe (mit Abbildung)

58. hochauflösende Grafik (so eine Art Kurzinterviews)

59. rötlich erblüht der Garten (Blumenbilder)

60. aber ein großer Schritt für die Menschheit (Bild)

61.Vor Pygmalion (Bild)

62. Lamageister (Bild)

63. Löwenkindheit (Bild)

64. Ernest oder: der Tod, der Tod – Versuch eines Essays mit notizhaft angedeuteter Rahmengeschichte, folglich etwas länger trotz fehlender Cocktailrezepte

65. Gesprächsangebot an linkische Freunde oder: dem unaufrichtigen Kommunisten gewidmet – wirklich nur Gedanken über ein neueres Buch, nicht mal essayistisch

66. Das Tier im Käfig – lyrisch in Zeilen Gepresstes

67. Meine Nächte sind heißer als deine Tage oder: aus Lilis frühen Erzählungen – Fantasy, +, Kurzgeschichte

68. Bin ich der Hüter meines Bruders? – sozusagen historisierende Fantasy, +, Kurzgeschichte

69. Zwei Segel – Lyrik, auch wenn das C.F. Meyer ungleich besser kann

70. Unerwartete Impression.  – Lyrischer Versuch aus den Liedern Aotearoa

71. Gesang in der Badewanne – durchaus musikalische Kurzgeschichte

72. Ne Kuh – Lyrik mit philosophischem Anspruch

73. Des Menschen guter Kern – Kurzgeschichte

74. Naja Pallidas Tanz – Kurzgeschichte

75. Matratzentango – Kurzgeschichte

76. die fehlenden betenden Hände – Bild

77. Beim Lesen eines Gedichtes (C.F. Meyers zwei Segel) – zwei Gedichte

78. Tanz Ania – nur eine VORANKÜNDIGUNG

 

 

 

Tanz Ania

– Vorankündigung –

ich fürchte, jetzt wird eine kleine Pause, Durststrecke für meine zahllosen unersättlichen Leser entstehen. Weil ich eine gewisse Zurückhaltung, elektronische Medien betreffend, üben werde. Nicht aus Pseudo – religiös – gesundheitlichen Gründen, sondern weil ich teils in unwirtlichem Gelände unterwegs sein werde. Ein kleiner Hinweis war auch schon in Nr. 70 versteckt – aber auch ein irreführender, denn im Land der weißen Wolke war ich schon (vor doch auch schon langer Zeit, inzwischen ist der Tongariro noch mal ausgebrochen, aber ist das auf diesen Inseln eine Zeitangabe?). Aber möglicherweise eventuell vielleicht entsteht ja dabei eine Geschichte, vielleicht sogar die in der Überschrift angedeutete – deren Anfang ist schon geschrieben. Ach ja, eigentlich könnte ich allen hier versammelten ja den Mund erst recht wässrig machen… also gut, wenn mich schon Alle, Alle so sehr betteln! Ein Stückchen, das bisher geschriebene Stück, hier ist es:

Antanzen oder Ania, tanz

(Tanzt du gerne? Allein oder ebenso gerne auch mit anderen? Mit und zur Musik, oder hast du deine innere Musik, die nur du hörst – manchmal vielleicht auch summst, pfeifst, singst – und zu der du deine ganz eigenen Tanzschritte zeigst?

Du tanzt also gerne. So komm mit mir. In Anias Land. Das ist das Land des Tanzens, das Land des Antanzens und Mittanzens. Nein, du musst keine Angst haben. Natürlich sind die Menschen dort nicht immer gut und lieb und nett, aber das, eben dass sie mit dir tanzen, das machen sie aus Freude, aus Lebensfreude!)

I. Wie ich sie zum ersten Male sah und traf

Ania, ich nenne sie Ania. Sie war jung, sie war hübsch, sie war das Leben! Sie tanzte, tanzte bei allem, tanzte den ganzen Tag, tanzte den Alltag, tanzte das Leben. Schwarze Haut, eine Haut wie Samt, weiße Zähne, die aus einem vollen Mund lachten. Ania lachte.
Bint Ania nannte ich sie. Und ich war ihr Beschützer. Sozusagen, freilich. Denn Ania war schwarz und ich war weiß gekleidet, wie es die Tradition meines Stammes verlangt. Ania war mir so wert wie eine Tochter, eine Lieblingstochter, eine schöne Tochter, die zu viel wert ist, um sie dem ersten besten zu verheiraten.
Oder, nicht nur in Anias Fall, zu verkaufen.

Ich sorgte mich sehr um sie. Ich sorgte auch für sie. Für ihr Wohl. Ihre Halskette war aus Silber, ein, wenn auch schweres und massives, Schmuckstück, anders als die eisernen der anderen, ob Frauen, ob Männer. Ihre Ketten an Armen und Beinen, ihre Hand- und Fußfesseln, ebenso. Nackt musste sie nicht laufen, sie erhielt ein feines, rotes Tuch, um sich zu bedecken, wenn sie es auch in der Art ihres Stammes nur um die Hüften schlang und ihre jungen, steilen Brüste in die freie, flirrend heiße Luft Afrikas ragen ließ.

Ania, die ich abends am Lagerfeuer tanzen hieß, die dies auch tat, mit der Anmut und der Wildheit ihres Volkes, ihres Geschlechts. Wie stierten die Männer! Doch sie kannten das Gebot. Keiner vergreift sich an Ware, zumal an wertvoller Ware. Und wir wussten, Ania alleine lohnte den Zug, die Reise ins Landesinnere, dorthin, wo sich die schwächlichen, feigen Europäer nicht trauen, die sich nie weit von der Küste, ihren Forts, Schiffen und Kanonen entfernen. Schon längst gab es Überlegungen und Pläne, sie auch von dort wieder zu verjagen, doch andererseits, sie waren gute Kunden, verkauften uns Dinge von Glasperlen, wie sie die Häuptlinge des Binnenlandes liebten und ihre eigenen Leute dafür verkauften, über billig gemachte Beile und Messer bis hin zu den Gewehren, die wir zu nutzen wussten.

Auch Ania hatte uns ihr Vater, der Häuptling, nicht gutwillig überlassen wollen. Ja, er hatte sie zunächst mit anderen jungen Frauen versteckt. Alte, herabgekommene Weiber wollte er uns andrehen und Mädchen, die seine Leute aus anderen Dörfern geraubt hatten. Aber wir kannten die Schliche, waren keine Anfänger. Und so sagte ich ihm auf den Kopf zu: „du verbirgst die beste Ware vor uns! Und wir bezahlten dich mit so wertvollen Dingen! Willst du uns betrügen?“ Er stritt alles ab, beschwor seine heidnischen Götzen.

Noch in derselben Nacht brannte das Dorf. Die Männer, die sich zur Wehr setzen wollten, waren tot. Die anderen gefangen, gefesselt, zusammengebunden. Zuerst wollten die Gefangenen nicht verraten, wo sich die jungen Frauen versteckt hielten. Doch wir brachten sie bald zum Sprechen.

Es waren ein paar hübsche Mädchen dabei, schlankhüftig, großgewachsen, großbusig, doch Ania, als wir sie sahen, da wussten wir, dass wir uns richtig entschieden hatten, dass sich diese Reise, diese Safari gelohnt hatte.

II. Der Kampf. Die Jagd.

„Erinnerst du dich an Abu Hamed und diesen Riesen? Es ist immer ein Fehler, sich mit den entfesselten Kräften der Wildnis einzulassen! Der Riese aus dem Urwald, dieser schwarze Berg, hat ihn einfach totgeschlagen!“

Und ob ich mich erinnerte. Abu Hamed war ein Krieger, ein Kämpfer, der beste, der mir je begegnet ist. Einmal, auf einer unserer Handelsreisen, hatten wir einen erbeutet, das war kein Mann mehr, das war ein Gigant aus den Märchen. Zwei kräftige Männer – er hatte mindestens ebenso viel Kraft.

„Natürlich erinnere ich mich. Weiß du noch, das Nashorn? Es kam auf uns zu, und alle gerieten in Panik, „Kifaru, Kifaru“ und „Haraka“ oder „Hatari“ – ein Geschrei. Der Riese packte sich eine Panga und rannte seitwärts auf das Tier zu. Und mit ein paar schnellen Hieben durchtrennte er ihm die Sehnen an den Hinterbeinen!“

„Ja, es war nicht zu glauben. Danach war es ein Kinderspiel, das Tier zu töten und sein Horn abzusägen, das jetzt bestimmt irgend einem jemenitischen Scheich als Dolchscheide dient. Auch den Riesen hätten wir leicht einfangen können, mit unseren Gewehren in Schach halten können.“

„Aber Abu Hamed, richtig, der wollte das partout nicht. Er sah hier einen Kämpfer, der seinen Ruhm als Bester in Frage stellen konnte!“

„Als wenn das ein Mensch gewesen wäre. Dieser schwarze Riese. Das war eine Naturgewalt, ein fleischgewordener Dschinn. Mit so etwas soll man sich nicht einlassen. Das ist es, was ich dir sage. Das bezieht sich nicht nur auf riesige Machetenschwinger, so ein Dschinn, so ein Uchawi, so ein böser Wildniszauber, so eine schwarze Hexe kann auch ganz anders daherkommen!“

„Laß Ania aus dem Spiel. Sie ist keine Mchawi, keine Hexe. Aber Abu Hamed, ja, der wollte mit dem Riesen kämpfen! Ohne Waffen gingen die beiden aufeinander los. Und Abu Hamed schlug auf den Riesen ein, der sich keinen Schritt bewegte, der dann zurückschlug! Und Abu Hamed brach zusammen.“

„Und erhob sich nicht mehr von seinem Lager. Er wurde immer schwächer, immer blasser und verschied.“

„Er hatte sich aufgegeben. Er hatte verloren. Und der Hakim erklärte uns ja, dass der Riese mit seiner Kraft ihm wohl ein paar Rippen gebrochen hatte und diese sich wohl in ein Organ gebohrt hätten. Oder auch dieses einfach gerissen sei, das sei bei einem starken Schlag möglich.“

„Den Riesen haben wir noch an Ort und Stelle getötet. Seinen verfluchten Leib den Geiern und Hyänen überlassen. Und Abu Hamed begraben, wie es sich für einen frommen Gläubigen gehört. Aber ich glaube heute noch, dass der Riese einen bösen Zauber in sich trug, der unserem Kämpfer zum Verhängnis wurde.“

Beim Lesen eines Gedichtes (C.F. Meyers zwei Segel)*:

I. Schuhkartoniade

 

Zwei Schuh

Geben Ruh

Doch wenn sie laufen, steigen und hasten,

eilen und trippeln und nimmer rasten

dann sieh dazu:

es tun beide Schuh!

Und bleibt einer stecken, stehen, sucht Halt:

Sei sicher, sein Gesell, der folget ihm bald.

Dann endlich zur Ruh

Kommen zweisam die Schuh.

 

II. Botanische Philosophie

 

Zwei Grashalm beugen sich im Wind,

Und auch zwei Bäume sich verneigen.

Sie über die Richtung stets einig sind,

wie verschieden auch sonst in den Zweigen.

 

Zwei Menschen streben nach einem Ziel,

der eine rennt vor, der andre zurück.

Zwei Menschen nur und Gedanken so viel!

Sie wären nicht Mensch in Grashalms Glück –

sie müssen in alle Winde sich streu’n

um auf ein Treffen sich wieder zu freu‘n.

 

*(Erstmals für A.) Diese mögen zum Beweis dienen, dass ich mich den ehrwürdigen Alten nicht nur in Form einer vielleicht gar despektierlichen Parodie nähere, sondern ganz allgemein, wenn mich ein Text besonders berührt, sich der inwendig in mir bewegt – ein Akt, der gewöhnlichen Verdauung nicht unähnlich – und dann verändert wieder heraus will. Nicht immer kommt dabei etwas Ansehnliches heraus. Wenn ich aber meine, dass es ganz nett geworden ist, geht es mir wie dem Kinde bei der Sauberkeitserziehung – guck mal! Und was die Altehrwürdigen anbelangt: gerade Conny ist einer von denen, die ich für ihre großartige Sprachschönheit (noch mehr, außer H. Heine? Stefan Zweig – Erstempfehlung für Jungs Sternstunden der Menschheit, für Mädchen Ungeduld des Herzens (o je, die Genderleute drohen – aber stimmt’s etwa nicht?) oder Kleist) liebe. Auch inhaltlich hat er oft so schöne, anrührende wie eben die zwei Segel. Klar, wir alle kennen die Füße im Feuer. Und manchmal ist er auch ein bißchen arg rührselig, da erreicht er beinah eine Selma Lagerlöf, der alle Bigotterie verziehen sei für ihren Nils und seine beschwingte Reise (nicht irgendwelche fürchterlichen Nachproduktionen, lesen müßt ihr das Original! Gut, ja, übersetzt. Aber keine pseudokindgerechte Primitivfassung! Man hätte Selma an dem Nobelpreis, den Konrad Lorenz bekam, beteiligen müssen.). Bei den einschlägigen Ausfällen der in Ewigkeit Amen Protestierenden verhärtet sich mein sonst so weit offenes Herz plötzlich, da wird mir ganz anders (Anderson hat auch so Anfälle), da wird mir ganz katholisch. Dass freilich Menschen am liebsten mit religiöser Begründung einander kleinliche Vorhaltungen machen und den Schädel einschlagen sollte speziell in Deutschland/Mitteleuropa seit dem Dreißigjährigen niemanden mehr erstaunen. Aber zurück, zurück zu C.F.M. und seiner wundervollen Sprachbeherrschung – lest seine Gedichte, sie sind wunderschön!

Matratzentango

Als ich mich müde und erschöpft einfach fallen ließ, auf meine alte, kaputte Sprungfedermatratze fallen ließ, da krachten wir beide gemeinsam durch das Bettgestell hindurch auf den Boden, ich auf ihr, aber sie landete auf ihren durchgestochenen Spiralfedern und sprang, sprang in die Höhe, fiel wieder, ich natürlich auch mit ihr und auf sie, aber da war dieser Moment, in dem ich schwebte. Sie fiel also zuerst und ich erst danach, prallte auf sie, und sie sprang wieder vom Boden ab. Verzweifelt ob des unkontrollierbaren Auf- und Abgehopses versuchte ich mich in ihr festzukrallen, aber sie war doch noch fest, so dass ich nur das Bettzeug erwischte, abzog. Als ich es dann an ihren Rändern versuchte knallten meine Hände schmerzhaft gegen die Bettkanten, rissen auf. Ich schrie, ließ los. Und wieder und wieder sprang sie wild mit mir empor.

Wirr wie ich im Kopf nun war warf es mich umher, sie warf mich ab. Ich fiel über die Bettumrandung hinaus auf den harten Boden und da sprang sie mir nach, sprang auf mich drauf, einmal, zweimal, nur um dann weiterzuspringen und in einem weiten Satz durch das zum Lüften geöffnete Fenster das Weite zu suchen.

Noch schwindelig lag ich da. Was war das eben gewesen? War sie mit Absicht auf mir herumgesprungen? Hatte sie sich befreien, hatte sie sich rächen wollen für die täglichen Misshandlungen, für all das, was sie mit ansehen, was sie miterleben musste? Für die körperlichen Nöte, die ich auf ihr ausgestanden hatte, für den rücksichtslosen Gebrauch als, nun ja, Matratze, für das Herumgelümmel auf ihr, ich ruhend, sie jedoch rücksichtslos belastend, die langen Schlafenszeiten, in der sie bewegungslos unter mir gefangen war oder gar die Zeiten, in denen ich der Lust frönte, ich allein oder auch nicht allein, sie aber immer wehrlos passives Opfer war?

War sie entflohen? Mir entwischt, wollte sie ihr Schicksal selbst in die Hände, vielmehr in die Sprungfedern nehmen? Langsam wich der Schwindel und ich war nun der Überzeugung, dass ich einen verwirrten Idioten abgeben könnte, aber keinen Philosophen. Obwohl, wer kennt schon gleich den Unterschied? Als gewiss gilt doch und wird uns beigebracht, die toten Begleiter unseres Lebens sind nicht in der Lage, zu leiden. Sie können keine Gefühle entwickeln und keinen Willen, also auch keine Fluchtgedanken. Trotzdem war es ein eigenartiger Ritt, war es eine nebenbei auch noch schmerzhafte Rodeoveranstaltung gewesen. Sicher mein wildester Matratzenritt aller Zeiten, selbst frühem kindlichem darauf Herumspringen eingedenk. Und, ich rappelte mich allmählich auf und sah auf meinen traurig leeren Bettkasten und dann zum Fenster, wie hatte es die breite Matratze eigentlich durch das Fenster geschafft, hinaus in einem Sprunge, da wir sie doch nur mit Mühen hochkant durch die weiter öffnende Türe geschleppt hatten? Damals hatte sie nicht mitgeholfen, damals waren aber auch noch nicht ihre Federn herausgestanden, war sie noch jungfräulich gewesen, neu, weiß leuchtend wie im Hochzeitskleide, ungebraucht.

So hatte sie sich ganz passiv über die Schwelle schleppen lassen. Nun aber war sie als Folge ihrer gedankenlosen Flucht dort draußen in einer ihr unbekannten, ungewohnten und sehr rauen und wilden Welt. Was wusste sie denn schon davon? Was wissen denn die üblichen horizontalen Hausmatratzen vom harten Überleben auf der Straße? Sie wird untergehen, verunglücken, in schlechte Gesellschaft geraten, wenn ich sie sich selbst überlasse, ich muss sie retten!

Ich raffte mich also auf, warf schnell eine Jacke über und lief die Treppen hinab – damals hauste ich im dritten Stockwerk, doch der wagemutige Sprung in die Freiheit wird ihr aufgrund ihrer Bauart und Konsistenz nicht viel geschadet haben, dachte ich – und auf die Straße. Diese hinauf- wie hinabblickend sah ich Nichts. Das heißt, ja, Passanten, Automobile, Mülltonnen, einzelne Bäume, jedoch keine umherspringende Matratze. Also rief ich sie, nannte sie bei ihrem Namen. Doch keine Antwort.

Wo sollte ich suchen? Nun, stehenbleiben würde erst recht nichts nützen, also eilte ich in eine Richtung, immer wieder rufend, mit erstickter Stimme, denn allmählich fürchtete ich, sie zu verlieren.

Meine Matratze! Und so rief ich: „komm zurück, komm heim. Ich will dir auch nichts Böses. Ach, das weißt du doch! Du bist es doch, du bist die Genossin meiner einsamen Nächte, meine einzige, meine getreue Matratze!“

Irgendwann, ich hatte diverse Straßen gequert, hielt ein Auto neben mir an. Mein Blick war undeutlich, tränengetrübt. Zwei Personen stiegen auf und fragten, wer ich sei. Ich nannte meinen Namen und meine hehre Absicht. „Wen genau suchen sie nochmal“ fragte die weiblich klingende der beiden Stimmen. Sie machte einen sehr netten Eindruck. Inzwischen war mein Auge wieder so klar, dass ich die besondere Kleidung der Polizistin erkennen konnte. Endlich Hilfe, professionelle Hilfe!

„Gott sei Dank, Frau Meisterwächterin, Frau Wachtmeister natürlich, Entschuldigung. Ich bin ganz durcheinander. Ich suche meine Matratze!“ Mir entging der zweifelnde Blick nicht, mit dem sich die beiden Uniformierten anschauten. „Doch, ich versichere ihnen. Sie ist aus dem Fenster gesprungen und einfach auf und davon! Aber ich muss sie doch finden, sie ist doch ganz verloren, so alleine hier draußen! Deshalb bin ich auch sofort los, ohne mich lang anzuziehen, hab nur eine Jacke über meinen Schlafanzug geworfen. Wer weiß, was noch passieren kann!“

Die Polizisten waren überaus höflich und zuvorkommend. Sie versicherten mir wortreich ihre uneingeschränkte Hilfsbereitschaft, sie würden sogar Verstärkung holen. In der Zwischenzeit sollte ich Matratze beschreiben, Größe, Alter, besondere Kennzeichen. Das war ja selbstverständlich, die Polizei könnte ja sonst eine beliebige fremde Matratze dingfest machen. Ich wies nochmals besonders auf die nicht ungefährlichen freiliegenden Sprungfedern hin.

Nach kurzer Zeit hielt einer dieser wie eierschalig bemalten Rettungswagen neben uns. Ich erschrak: „mein Gott, ist ihr etwas passiert?“ Wie wenn sie nicht zugehört hätte fragten die Polizisten: „wem?“ „Na, Matratze!“

Daraufhin forderten die heller gekleideten Herren mich auf, in ihren Wagen zu steigen. Da dieser etwas höher ist, könnte man von dort aus die Straßen besser beobachten, dachte ich mir und wunderte mich nur, dass sie nicht die noch größeren Gerätschaften in Rot angefordert hatten, wenn sie schon so weit dachten.

Ich vermisse Matratze immer noch. Schön, hier in diesem Zimmer habe ich eine, und um ehrlich zu sein, sie ist neuer, intakt und viel besser als meine alte Spielgefährtin. Aber trotzdem, es ist nicht das Gleiche! Außerdem finde ich es nicht in Ordnung, dass ich mit dieser mir doch fremden Matratze praktisch eingesperrt bin, nur heraus kann, wenn so ein weißgekleideter Bediensteter mir aufsperrt. Ich komme mir ja vor wie im Kloster! Wenngleich deren Matratzen oder Strohsäcke sicherlich wenig Komfort boten. Aber hier, ich komme mir ja vor wie in einer Zelle, wie eingesperrt!
Wie soll ich denn von hier aus meine langjährige Gefährtin suchen?

Naja Pallidas Tanz

Rajesh war ein armseliger Schlangenbeschwörer, noch nicht einmal sein Flötenspiel überzeugte. Und folgerichtig unter seinesgleichen nicht besonders angesehen. Dass Abinash aber öffentlich darüber schwadronierte, dass er seiner Schlange, wie durchaus viele seiner Zunft, die Giftzähne ausgebrochen hatte, und er somit den Spott der Menge erdulden musste, sollte er ihm nicht verzeihen.

Tatsächlich musste er vor diesem Hohn der aufgebrachten Masse fliehen. Er verdingte sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs bei Diesem und Jenem, bis er im besser dotierten Dienst eines weißen, sprich also europäischen Sahibs landete, der ein seltsames Interesse für Schlangen zeigte wie auch für andere Geschöpfe der Wildnis. Diesem konnte er manches Wesen zeigen und zahlreiche Handgriffe beibringen, schließlich war er den Umgang mit den Reptilien gewohnt und auch nicht ungeschickt, sonst hätte ihn schon längst eine gefährliche Kobra gebissen.

Üblicherweise diente den Schlangenbeschwörern Naja naja, die Brillenschlange Ostindiens in ihrer vorderindischen Spielart. Ihr Aussehen, ihr gespreizter Rückenschild mit der als brillenförmig beschriebenen, aber häufig auch anders aussehenden Zeichnung und die mit diesem eindrucksvollen Aussehen einhergehende Folklore und Legendenbildung prädestinierte sie dafür.

Aber auch andere Giftschlangen fing Rajesh für seinen neuen Herrn wie sich nächtlich der Wärme nähernde Kraits, die kleine, hochgiftige Efa oder die gefürchtete Daboia. Und so, da ein immer stärkeres Vertrauensverhältnis zwischen ihnen entstand, weihte ihn Rajesh auch zunehmend in die Sitten und Riten Indiens ein, erläuterte ihm die Verehrung Vishnus durch ein großes Fest, bei dem die Kobra die Hauptrolle spielt.

Wissbegierig war der Fremde. Und so überzeugt von Rajeshs Diensten, dass er ihn zuletzt mitnahm auf seine weiteren Reisen in ferne Weltgegenden. Auch nach Afrika reisten sie, wo es ebenso, neben anderen Giftschlangen, Kobras gibt.
Doch auch der Fremde kannte sich mit Schlangen aus, und so musste er Rajesh warnen, der eine solche, die er ganz richtig als Kobra angesprochen hatte, in der üblichen Art fangen wollte. Es ist nämlich möglich, sich gerade dieser äußerst gefürchteten Giftschlange recht gefahrlos zu nähern, wenn man weiß wie. Die Kobra vermag es nicht, direkt nach oben zuzustoßen. Ein wagemutiger oder besser tollkühner Mensch kann also einer drohend aufgerichteten Giftnatter dieser Art durchaus die Hand auf den Kopf legen, denn sie stößt nur nach vorne. Dort allerdings sollte sich kein erreichbares Körperteil befinden, sonst geht die aberwitzige Mutprobe fatal, sehr oft auch direkt letal aus.

Eine solche Entwicklung verhinderte der Sahib denn auch durch sein Einschreiten. Und riss Rajesh blitzschnell zurück. Er erklärte ihm auch, was es mit diesem rötlich gefärbten Tier auf sich hatte. Und hatte einen überaus aufmerksamen Zuhörer.

Als Rajesh endlich in sein Heimatland zurückkehrte hatte er in einem sicheren Behältnis eine Begleitung. Er würde Abinash überraschen. Ja, er würde ihm ein Geschenk machen, ein würdiges Geschenk, passend für den meisterhaften Schlangenbeschwörer!

Zurück in seinem Heimatort ließ er sich, als weitgereister Mann, der gemessen an den örtlichen Verhältnissen auch ganz gut verdient hatte, erst einmal gebührend bewundern. Er hatte Zeit. Abinash seinerseits beachtete ihn gar nicht besonders, als wenn er nicht Ursache seines Unglücks und späteren Glücks, das ihm der nachtragende Rajesh freilich nicht zugutehielt, gewesen wäre. Das ist eine alte Erfahrung, dass der spottende Quälgeist, der Mobber oder Bully, wie man diese netten Leute heute gern nennt, der, der üble Nachrede pflegt, seine Taten und sein Opfer rasch vergisst, dem ganzen eh keine besondere Bedeutung beimisst. Im Gegensatz zu diesem gequälten Unschuldslämmchen, das sich meist sehr gut erinnert, das sich schlaflos wälzt, Angstfantasien pflegt, sein Leben an den Bösewichten dieser Welt und ihrer Vermeidung ausrichtet. Ja, sich oft genug vor der Welt verkriecht und in andauernder Tatenlosigkeit versumpft, in traurigen Stimmungen versinkt.

Selbst die endgültige Flucht in den Suizid veranlaß der Täter oftmals leichten Herzens, der, darauf angesprochen, höchstens ehrlich erstaunt, ja erschüttert fragen würde, um was es denn eigentlich geht. Und dass er sich höchstens bei scharfem Nachdenken an das eine oder andere harmlose Späßchen erinnern könne. Denn übermäßig ausgeprägte empathische Befähigungen widersprechen dem, was einen ordentlichen, robusten Verfolger der Sensibelchen ausmacht.

Abinash gehörte zu den wenigen Schlangenbeschwörern, die eine unverstümmelte, giftbezahnte Kobra tanzen ließen. Der Trick ist, sich der Schlange nicht zu sehr zu nähern, die natürlich den ihr fremden Gegenstand, die nicht umsonst so lang ausgeführte Flöte, fixiert und auf eine möglicherweise gefährliche Annäherung dieses unbekannten tanzenden Objektes wartet. Und sich folgerichtig entsprechend der Bewegungen dieses befremdlichen Dings, dieses zumindest auf Englisch sozusagen UDOs, entsprechend hin- und herwiegt. Die eigenartige Musik, die die taube Schlange ja gar nicht hört, sie nimmt Geräusche höchstens als Bodenvibration wahr, interessiert das Tier nicht. Sie sieht nur ein sich hin- und herbewegendes Objekt, das ihr wie ein angriffslustiges Geschöpf vorkommen muss.

Dies alles wohl wissend ließ Rajesh extreme Vorsicht walten, als er Nächtens in Abinashs Unterkunft einbrach, die durchaus gefährliche Schlange des Beschwörers vorsichtig entfernte und seine Überraschung mit ebensolcher Umsicht und Sorgfalt im Korb platzierte.

Diese, die Überraschung, gelang perfekt. Anderntags öffnete Abinash den Korb, um auf dem Markt seine Künste zu Ehren der Götter, zu Ehren Vischnus vorzuführen und sein Scherflein zu verdienen.

Statt der vertrauten Schlange erhob sich ein sehr ähnlich aussehendes Geschöpf, zweifellos auch eine mit gespreizten Rippen drohende Kobra, rötlich gefärbt. Kurz darauf schrie Abinash vor Schreck und Schmerz laut, sprang auf, drehte sich wie verrückt geworden im Kreis und rief in einem fort, er könne nichts mehr sehen!
Rajesh verließ den Ort, um nun nie mehr dorthin zurückzukehren. Die afrikanische rote Speikobra der Art Naja pallida ließ er zurück. Er würde sein Glück dort draußen in der Welt suchen, vielleicht fand er ja den fremden Sahib wieder, der ihn vor diesem auf so ungewöhnliche, so heimtückische Weise gefährlichen Geschöpf gewarnt und gerettet hatte.

Dieser, er war ein bekannter Zoologe mit dem Fachgebiet Herpetologie namens Max, war ein bei seinesgleichen wohlgelittener Gesellschafter und großzügiger Gastgeber, doch als arger Witzeerzähler verschrien. Er behauptete dementsprechend ständig und unter meckerndem eigenem Gelächter, von Rajesh, seinem ständigen Gehilfen auch in dem großen zoologischen Garten, für den er inzwischen beratend tätig war, gelernt zu haben, dass Schlangen die Flöte der Schlangenbeschwörer UDO nennen, unknown dancing object. Da er schon mal angefangen hatte, machte er weiter mit seinen Witzen, ohne zu merken, dass die anderen den gastlichen Tisch langsam verließen, spätestens als er wie so oft anmerkte, dass Efa, die Sandrasselotter, wahrhaft gefährlich giftig sei, aber natürlich nicht so gefährlich wie eine beliebige Eva oder Evastochter.

(Na gut, wie so oft: ein paar Erläuterungen: Naja naja, Brillenschlange oder Kobra, in der vorderindischen Spielart meist mit der bekannten (altmodisch aussehenden) Brillenzeichnung auf dem gespreizten Rückenschild; Naja pallida, rote Speikobra (ich habe zwar von verschiedenen Speikobras in Asien gelesen, fand aber keine vorderindische Art, so dass ich es gewagt habe, diese Geschichte zu schreiben! Hier könnte ich natürlich falsch liegen.), Bungarus fasciatus, die Pama oder Krait, hochgiftige bunte kleine Schlange mit auffälliger Dreiecksform, die nachts gern in die Häuser kommt, und nach den Giftnattern jetzt weiter mit Ottern: Echis carinatus, Sandrasselotter Efa, sehr giftiger Wüstenbewohner, Vipera ruselli, Kettenviper oder Daboia, ebenfalls recht giftig und bekannt für ungewöhnlich viele Beißunfälle, da sie als bewährter Mäusejäger gern in landwirtschaftlich genutzten Gebieten haust.

Die Schlangenbeschwörer, die heute wohl überwiegend aus touristisch – monetären Gründen ihrer Arbeit nachgehen, betrieben dies ursprünglich aus kultischen Gründen zu Ehren des Gottes Vishnu und seiner speziellen Beziehung zur Kobra. Man muß schon ein Gott sein, um sich ausgerechnet dieses Wesen als Rastplatz auszuwählen..)

Des Menschen guter Kern

In einem jeden Menschen steckt ein guter Kern. Gerade auch gemäß der christlichen Religion und aller darauf sich berufenden Philosophien muss man davon ausgehen, immer, ohne Ausnahme, so schwer es einem auch ab und zu fallen mag.

Luigi B. fiel es diesmal schwer. „Madonna,“ rief er, inbrünstig und auch überzeugt, denn der Anblick, der sich ihm bot, war schrecklich. In einer Seitengasse hinter der Pizzeria war Abfall, hier eine Tüte, dort lose hingeworfenes Zeug, aber dieses Stück hier, dieses unkenntliche, nicht mehr zu identifizierende, zerhackte, zerfließende war einmal ein Mensch gewesen. Vor gar nicht langer Zeit. Luigi selbst hatte ihn gekannt, hatte ihn gesprochen, hatte ihn beauftragt.

Er war ein junger Bursche gewesen, etwas haltlos, etwas naiv, ja, aber doch kein schlechter Kerl. Er wollte etwas Geld verdienen, sich wichtig fühlen, bei den Mädchen Eindruck machen.

Und Luigi hatte ihm die Möglichkeit gegeben. Kleine Botendienste, einfache Sachen, bei denen man nicht viel verkehrt machen konnte. Er war mit einer Botschaft zum Bürgermeister getrabt oder zum Pfarrer. Sie hatten seine Botschaften vernommen. Selten gab es Rückfragen. Er hatte seine Sache ordentlich gemacht.

Und deshalb hatte ihm Luigi einen neuen Auftrag gegeben. Einen sehr gewöhnlichen, auch wieder recht einfachen natürlich, aber doch schon ein bisschen anspruchsvoller als die bisherigen. Bisher hatte derlei immer Georgio erledigt.

Und jetzt das. So eine Sauerei. So eine Sünde. Ein durchaus hoffnungsvoller junger Bursche, kein Heiliger, sicher nicht, aber doch kein Unmensch! Luigi bekreuzigte sich. Dann verließ er die Seitenstraße. Er hielt sich in den Schatten, denn niemand sollte ihn unnötig mit so etwas in Verbindung bringen, das könnte seiner Reputation schaden. Aber sich darum kümmern, das würde er, das bedurfte keines Schwures bei allen Heiligen, das verstand sich von selbst.

Zurück in seinem Büro rief er nach Pietro. Pietro kannte sich aus. Er war schon lange im Geschäft. Er war durchaus auch ein Mann fürs Grobe. Vor allem aber wusste er Bescheid, kannte alles und jeden. Sicher auch, wer so etwas getan haben könnte.

Ruhig, ohne Überschwang, begrüßten sich die beiden Männer. Sie waren alte Freunde, aber beide wussten, nach Pietro wurde nicht geschickt, weil hier in der großen, nördlichen Stadt oder damals in der Lomellina, wo sich Pietros und Luigis arme Großeltern als Saisonarbeiter aus dem Süden schon getroffen hatten, oder gar im fernen China ein Sack Reis umgefallen war, sondern weil es ein Problem gab. Ruhig hörte sich Pietro an, was ihm geschildert wurde. Er verzog keine Miene. „Also tot, der Junge,“ fragte er halb, halb stellte er es fest. Die Antwort war ein Nicken, dann bekreuzigten sich die Beiden. Halblaut murmelten sie einen frommen Wunsch.

„Er war kein schlechter Junge,“ sagte Pietro, halb im Aufstehen, „ich werde in der Pizzeria nachfragen.“ Wieder ein Nicken.

Pietro war mit seinem Kastenwagen in den Wald gefahren. Es gab hier überall Wald, das war praktisch. Er öffnete die Hecktür und zerrte an etwas im Inneren, worauf ein Klageschrei ertönte und stolpernd ein Mann, die Hände auf den Rücken gefesselt, die Augen verbunden, geknebelt, herauskam. Pietro entfernte den Knebel.

„Ich, ich weiß nichts. Ich habe nichts getan, bei allen Heiligen,“ keuchte der Gefesselte heiser. Pietro sprach ruhig: „Knie dich hin! Fang an zu beten.“ „Bitte, ich habe doch nichts getan! Ich war den ganzen Abend in meiner Pizzeria, ich weiß gar nicht, was los sein soll! Nichts weiß ich! Ich habe auch immer bezahlt!“ „Beten. Du hast ihn ermordet, statt zu zahlen.“ „Nein! Nein, ich habe niemand ermordet! Ja, da war Giorgio an diesem Abend, das stimmt. Ich dachte auch, der kommt zu mir, will Geld, aber nein, da kam ein anderer junger Bursche, du weißt schon, der sonst immer kam, und die gingen zusammen weg! Keiner von denen wollte von mir Geld! Ich schwöre es dir, wirklich, bei der heiligen Mutter…“

Es war still geworden. Der durch die Augenbinde blinde Wirt wandte seinen Kopf: „Bitte?“

Pietro hatte genug nachgedacht: „Gut. Erzähl nochmal. Giorgio war also bei dir?“
Und der Wirt erzählte, die Worte sprudelten aus ihm heraus. Immer wieder beteuerte er die Wahrheit seiner Worte, beschwor sämtliche Heiligen, von einem sonst gänzlich unbekannten Märtyrer aus seinem Heimatdorf bis zur Madonna persönlich.

„Deine Geschichte – können mir deine Leute diese Geschichte bestätigen? Dein Koch?“ „Ja, ja, die, die da waren, sicher! Es war so, ich schwöre!“ „Gut. Bene. Nun fang wieder an zu beten!“ „Aber, aber nein, ich habe doch nichts getan, bitte!“ „Beten sollst du,“ sagte Pietro und presste dem knieenden Besitzer der Pizzeria den stählernen Lauf seiner Beretta in den Nacken, was diesen endlich überzeugte, mit dem Verlangten zu beginnen. Pietro war kein barbarischer Unmensch. Er ließ, halblaut murmelte er mit, sich einen ganzen Rosenkranz Zeit.

Pietro fuhr in die Stadt zurück. Er wusste, wo Giorgio wohnte. Solche Dinge hatte er zu wissen. Er wartete im Verborgenen. Spät in der Nacht kam Giorgio nach Hause. Er hatte gefeiert, war leicht angetrunken, seine Kleidung saß nicht richtig, offenbar war er bei einem Mädchen gewesen. Er taumelte auf seinem Weg nur leicht, doch dann, auf einmal, fiel er schwer hin, kam auch nicht mehr hoch.

Pietro ging mit Luigi am Fluss entlang. Viele gingen dort, Rentner, Hundebesitzer, Mütter mit kleinen Kindern. Pietro berichtete in kurzen Worten, Luigi nickte.
Bei einer Kirche hielten sie kurz an, gingen hinein, zündeten Kerzen an. Jeder sprach stumm ein Gebet für die Verstorbenen, bekreuzigte sich.

Für die armen Sünder, für die Toten müssen wir beten, auf dass ihnen ihre bösen Taten und Nachlässigkeiten vergeben werden. Doch keiner ist durch und durch böse und schlecht, einem jeden mag verziehen werden, denn ein Funken des Guten, ein guter Kern, der steckt in jedem. Auch wenn wir nicht laut darüber sprechen wollen, denn dem sei das Gesetz des Schweigens vor.

 

Ne Kuh

Ne Kuh, die stand da auf der Wiese

Und aß.

(Hauptsächlich Gras.)

Dasselbe wieder ging durch Liese

Ihr’n Darm und hinten kam’s dann wieder

Auf die Wiese, platsch, hernieder.

Jedoch es stand am falschen Platze

Mauslauernd eine Miezekatze

Getroffen schrie sie Weh und Ach!

Jedoch dem Scheiß folgt noch ein Bach.

Was lernen wir? Noch gar nichts, harre

(zum Beispiel auf die Miststreukarre).

Ein ander‘ Mal stand eine Dame

Auf des Löwenzähnchens Same‘

Und prompt entlud sich’s, ziemlich viel

Auf teure Schuh, ein weises Ziel.

Je nun, Geschrei, wir wissen’s schon,

doch das Bedürfnis künd‘t dem Hohn.

Ein Drittes noch, damit sich’s runde

Zu der Weisheit Lehr und Kunde:

Ein Hirtenknab an kaltem Tage

Barfüßig stand mit Blick zur Lage.

Jedoch die Kuh macht nicht nur Muh,

sie schiebt, sie drückt, mit einem Nu

kommt dampfend frisch der große Flad‘

direkt auf Knäbleins Fuß voll Gnad.

Der schaut beglückt zur ollen Liese

Die weiterkaut auf ihrer Wiese:

„Hab Dank, du Edle Spenderin,

hab Dank Du Kältewenderin,

jetzt wärmt Dein wunderbarer Fluß

mir den schon fast erfror‘nen Fuß!“

Und die Moral? Je nun und ach:

Es gilt zu wenden jede Sach

Auf’s Gute, auf den Nutzen hin!

„Ein jedes Ding hat seinen Sinn.“

Sprach einst und klug, dass ihr’s nur wißt

ein heil‘ger Käfer auf dem Mist!