(5) Anser vulpes

(Fabel. Punkt. Ach ja, zum irreführenden, weil naturkundlichen Hintergrund: von der Halbgans Tadorna tadorna, Brandgans oder -ente wird gesagt daß: „…sie zum Brüten … verlassene Kaninchen- oder Fuchsbaue aufsucht…“ (W. Eigener, Enzyklopädie der Tiere, Georg Westermann Verlag) – aber die Geschichte handelt von einer richtigen, einer Lorenz’schen Wildgans, auch keiner Branta („Meergans,“ bunte Gänse, z.B. Kanadagans, Ringelgans), sondern jedenfalls Anser, aller Wahrscheinlichkeit nach sogar Anser anser. Also die vom Nils, nicht Nil, von Nilgänsen reden wir hier nicht, sondern Holgersson, die Graugans bzw. ihre Zuchtform!)

Ein Wildgansküken, nennen wir es Konrad, denn es ist doch etwas abgeschmackt die Gänse allerweil Martin zu nennen, war im Begriffe zu schlüpfen. Es bearbeitete die Schale ringsum und entschlossen. Derweil waren aber außerhalb der Eierschale allerlei Dinge passiert, von denen das Küken keine Ahnung hatte, was auch besser war, sonst hätte es auf den Versuch, der schützenden Hülle zu entkommen, wohl verzichtet. Was zunächst eine Versuchung sein mag, aber auch keine Überlebensgarantie bietet.
Es war nämlich in der Zwischenzeit ein roter Raubgeselle herbeigeschlichen und hatte eins, zwei und hast du nicht gesehen Vater Ganter und Mutter Gans um ein bedeutendes erleichtert, nämlich um ihr Leben. Post mortem konnten nun weder Vater noch Mutter für das noch nicht einmal geschlüpfte Kleine sorgen. Doch jemanden, der es umsorgt, den braucht so ein winziger Federball doch unbedingt!
Endlich, die Sprünge im Ei wurden größer und in den erschöpfungsbedingten Pausen erklang der weinerliche Ruf des kleinen Bewohners des langsam berstenden Kalkgehäuses, schob sich, wie einen Deckel oder Hut ein fast rundes Stück Eierschale auf dem Haupte, das winzige gelbliche Köpfchen heraus, streckte sich aus dem Ei und rief wieder und wieder.
Der Rote war gerade noch mit der Zubereitung, sprich rupfen und aufreißen, seines Mahles zugange. Da schoss auf einmal von hinten ein weinerlich – zornig rufendes Etwas heran! Es ließ keinen Zweifel: du bist es. Du hast dich bewegt. Du musst mein Elterntier sein, sorge für mich!
Wer nun perplex war, das war der rote Freibeuter, das Maul noch voller Gänsefleisch. „Na, na“ wollte er sagen, brachte aber nur undeutlich – unfüchsische Geräusche hervor, die dem kleinen, neuen Leben völlig ausreichten. Es kuschelte sich zufrieden unter seinen felligen, wolligen warmen, gansgefüllten Bauch, so wie er da saß und schlief unter wohligen Geräuschen sogleich ein.
Der Fuchs, wohlweislich weiter kauend, war völlig überfordert. Die Situation war ungewöhnlich, neu und hatte seiner Erfahrung nach keine Präzedenzfälle. Es war auch niemand zugegen noch kam ihm ein solcher in den Sinn, den er da hätte um Rat fragen können. So beschloss er, sich erst einmal auf das wesentliche zu konzentrieren und fraß weiter.
Die Beutereste wollte er sodann zu seinem Bau bringen. Er packte, so viel er nur auf einmal zu tragen vermochte – die Raben warteten schon – in sein Maul und lief davon. Inzwischen hatte er seinen friedlich schlafenden Gast glattweg vergessen.
Da kam er aber schlecht an! Lauthals aufschreiend erwachte das sich verlassen Fühlende und erregt rufend lief es ihm nach. Mochte es auch fallen, ja, sich überschlagen, es rannte mit aller Lebensenergie, die es nur enthielt, hinterher.
Hämisch keckerten Elstern im Gebüsch. „Na, was haben wir denn da?“ So schienen sie zu rufen.
Endlich hielt es der Fuchs nicht mehr aus und hielt an. Glücklich warf sich das Kleine ihm an die Beine und ließ seiner Freude freien Lauf.
Was tun? Eigentlich, und er ließ seine Beute los und öffnete sein zähnestarrendes Maul, um die Sache kurz und bündig zu beenden, war es doch am besten für alle Beteiligten, dieser unnatürlichen Liaison keine unnötige und verwirrende Zukunft zu geben. Doch als er sein Maul schon um den Winzling schloss wurde ihm klar, dass dieses kleine Etwas bereits ein wenig nach ihm roch, den leicht scharfen Geruch des Fleischfressers schon ein wenig angenommen hatte, nicht Gansgeruch stieg ihm in die feine Nase, sondern sein eigener Duft, ihn sozial betörend, friedfertig stimmend – und er nahm es, statt es mit einem Bissen krachend zu zerteilen, sanft in das Maul, das es ja auch gewohnt war, kleine Welpen zart zu tragen, und trug es zu seinem Bau und hatte es somit adoptiert.
Wie die Geschichte weitergeht? Nun, denkt Euch doch selber was aus. Ich weiß nicht, ob aus Konrad ein guter Fuchs geworden ist, ob er gänseartig grast oder nach Adoptivelternart andere seinesgleichen zerreißt. Ob er das Baugraben, Anschleichen, Mäuselsprung, Schwimmen oder gar das Fliegen gelernt hat. Nein, ich weiß das nicht, aber geht in den Wald zum Fuchsbau – falls eine Gans herauskommt: wird es wohl Konrad sein. Oder aber eine einheimische Halbgans der Art Tadorna tadorna.

 

Noch eine kurze Gänseerzählung, wenn auch von einem anderen Autor:

Das Nilspferd

(Hippopotamus amphibius (Unterart Suecicus Lagerlöf (nicht gesichert))

Über diesen Teil der Geschichte breitete Selma – nebenbei eine wunderbare Geschichte, nicht nur eine wunderbare Reise – Martins Halbmantel des Schweigens. Martin war aber keine Halbgans vom Nil (Alopochen aegyptiacus), sondern eine echte Gans (domestizierte Form von Anser anser)

Das Pferd hier ist des Nils, gibt jedoch auf, noch weit des Ziels. So kam Nils auf den Ganter drauf.

(wer noch nicht genug Gans hat: auch in 178, 342 sind diese Federtiere Hauptakteure!)

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

5 Kommentare zu „(5) Anser vulpes“

  1. Wer kann denn so einem kleinen, niedlichen und wuscheligen Gänseküken widerstehen?
    Nicht einmal ein böser Fuchs… 🙂
    Denn quietschvergnügt und zutraulich kuschelt es sich an den Unheil bringenden Reineke, der plötzlich gaaaanz freundlich ist. 🙂

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    1. Mich hat der Konrad, also der Lorenz mit seinen Tieren immer fasziniert. Und auch das sogenannte Böse. Als wir dann selbst Entenküken hatten (unser erstes nahmen meine Töchter heimlich mit ins Bett und es schlief in den Haaren..) war es fast genau so. Und dann ist auch der Findefuchs eine schöne Geschichte, irgendwie kam das bei mir zusammen. Während der Fuchs, der sich eines unserer Entenküken geholt hat, sich nicht ablenken ließ…

      Gefällt 2 Personen

  2. Die von Lorenz am Exempel der Graugänse beschriebene Prägung ist es ja, welche das Verhalten der Gänseküken als Epigonen ihrer vermeintlichen Elterntiere bestimmt. So konnte aus Ihrem kleinen Konrad durchaus ein prädatorischer Beutegreifer geworden sein, wie das Beweisfoto dokumentiert:

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