Tiermagierin

(n Märchen. Sehr bekannt. Aber mal aus einem anderen Blickwinkel)

Hohes Gericht, ich musste meine Stiefmutter töten. Es ging nicht anders. Ich gebe ja alles zu. Aber hören sie meine Gründe, meine, ja, letztlich: Entschuldigungen. Bestrafen sie mich – aber beachten sie, dass ich keine Wahl hatte. Meine und vor allem die Ehre meiner verstorbenen Mutter wurden von ihr zerstört, systematisch zerstört. Und mit der Ehre unser Leben. Warum ist meine Mutter denn tot?
Sie wissen, dass meine Mutter – auf ihr, dieser böswilligen Frau, meiner Stiefmutter Betreiben hin – von allen im Dorf und darüber hinaus nur als Hexe betitelt wurde und so allmählich ging dieser unschöne und gefährliche Titel auch auf mich über. Hexe schrien die Straßenjungen mir nach und, ja, es flogen auch Steine.
Dabei war meine Mutter doch nur, und ich habe diese Gabe auch ein wenig, aber wirklich nur ein wenig, eine sehr einfühlsame Person, die sich sowohl in Menschen als auch in fast jedes nichtmenschliche Geschöpf hineindenken konnte und insofern eine gute Beziehung zu fast allen Lebewesen aufbaute. Auch zu wilden Tieren, zu wildlebenden Vögeln zumal, die sie gerne fütterte. Ja, und daraus machte sie endlich sogar einen Beruf. Jeder, der irgendwie Probleme mit Tieren hatte, kam zu ihr. Ob eine Kuh weniger Milch gab, ein Hund bissig war, ein Huhn von den anderen weggepickt wurde – stets fragten die Leute erst mal meine Mutter. Und oft konnte sie helfen. Und meine jetzige Stiefmutter, nun, die sagte, dass das ja wohl nicht mit rechten Dingen zugehe. Zuging. Und dasselbe, das sagte sie dann über mich. Und, als sie dann meine Stiefmutter war, verbot sie mir auch, die Tiere zu pflegen, zu füttern, meinen freundlichen Tauben Futter zu streuen.
Meine Stiefmutter war eine sehr stolze und auch sehr schöne Frau. Ebenso, das wissen sie, ihre Töchter. Ich habe trotzdem nie verstanden und ihm dies auch nie verzeihen können, wie und warum mein Vater diese Frau heiraten konnte. Denn schon damals war ihr Charakter mehr als deutlich und schon damals war die Rolle, die sie beim Tod meiner Mutter gespielt hatte mehr als dubios.
Ich war damals noch zu jung, ich habe das nicht alles verstanden. Aber warum wurde meine Mutter auf diesen Hof gerufen, den ein Pächter bewirtschaftete, da der Hofherr erst vor kurzem – auch aus unbekannter Ursache – verstorben war? Wegen eines kranken Tieres, von dem im Nachhinein niemand etwas zu wissen schien? Und warum war sie dann tot? – wie gesagt, ich kleines Mädchen war überfordert, einfach nur unglücklich, aber unpassend, unzusammenhängend schien mir das damals schon zu sein. Und dann, kaum 2 Jahre später, heiratete mein Vater, der es ja wegen des Geldes gar nicht nötig hatte, gerade diese Frau, die Herrin dieses Hofes. Ich gebe es zu, ich hatte damals schon und immer ein ungutes Gefühl und ich mochte diese Frau und ihre so stolzen, eingebildeten Töchter nicht. Und die, das war schnell klar, mich ebenso wenig.
Ich habe, wenn sie so wollen, Unrecht an diesen neuen Familienmitgliedern getan. Das ist wahr, das ist so, ich bin ehrlich, aber ich war ein junges Mädchen, gerade über die erste Pubertät hinaus. Denken sie, meine Mutter starb, und ich meine immer noch dasselbe wie damals, sie wurde getötet, blutig ermordet, als ich gerade meine erste Periode bekam. Ich verließ gerade eben das sichere Sein des Kindes, geborgen bei seiner Familie, als das furchtbare blutige Geschehen begann. Und ich war mit einem Schlag alleingelassen. Mein Vater, er konnte mir nicht helfen. Er hatte seine eigenen Probleme und meine, nun, die sah er nicht. Er war kein schlechter Mensch. Aber junge Frauen zu verstehen, die sich gerade einmal vom Mädchen zur Frau wandeln, diese seltsamen Wesen, die sich ja selbst nicht verstehen, das zu sehen und gar zu verstehen, anzunehmen, das war ihm nicht gegeben. Und nun, nun, er ist ebenso tot wie alle anderen. Und wiederum – ich habe nicht verstanden, was geschehen ist, aber heute mehr denn je unterstelle ich meiner Schwiegermutter, dass sie auch da ihre Finger, ihren Einfluss, ihre giftigen Ideen im Spiel hatte.
Meine Familie war wohlhabend und angesehen. Das hatte auch meine Mutter immer, trotz aller übler Nachrede, vor Anfeindungen geschützt. Früher hatten wir in den allerersten Kreisen verkehrt, mussten in die Hauptstadt reisen, um uns sehen zu lassen – die bedrückendsten und langweiligsten meiner Kindheitserinnerungen. Gleichwohl glaubte mein Vater, seinen Wohlstand und Einfluss nochmals mehren zu können und zu müssen, indem er jene heiratete, die dadurch zu meiner Stiefmutter wurde. Ich bin überzeugt, dass es vielmehr so war, aber von ihm in typisch männlicher Selbstbezogenheit und Naivität nicht gesehen wurde, dass sie diese Sache, diese Heirat von langer Hand her geplant hatte und Schritt für Schritt ihrem eigentlichen Ziel, nämlich der Mehrung ihres Wohlstandes und ihrer Macht, näherkam. Und dafür über Leichen ging.
Schon als mein Vater noch lebte war ich nur noch geduldet, kaum aber war der alte Herr unter der Erde behandelten mich Stiefschwestern und –mutter nur noch als Dienerin, ja Sklavin, denn die eigentlichen Dienstboten behandelten sie keineswegs gut, jedoch ungleich besser als mich armes Ding.
Hohes Gericht, ich kann viele Beispiele dafür nennen, und es gäbe auch Zeugen genug unter unseren ehemaligen Dienstboten und anderen Leuten, die etwas aus unserem Hause mitbekamen: es war die erklärte Absicht dieser drei bösen Hexen, ich kann sie nicht anders nennen, zuerst meinen Willen zu brechen und mich letztendlich auch in den Tod zu jagen. Und es hätte nicht viel gefehlt, es wäre fast so gekommen.
Zuerst einmal wurde ich eingesperrt, ich durfte nie mehr unseren Hof verlassen. Auf Anfragen hieß es immer, ich sei zu krank – was bei Überprüfungen dann auch der Fall war! Ob Verletzungen, die mich nicht aufstehen ließen, oder innere Krankheiten – von Prügeln mit Stöcken oder sonstigem bis zu diversen Mittelchen, die mir ins Essen oder Trinken gegeben wurden war nichts zu schade für mich. War ich aber halbwegs entgiftet, wieder auf, so kam es gleich zu allerlei Geboten und Verboten: mich nicht draußen sehen lassen, aber im Haus alle niedrigen Arbeiten verrichten. Teilweise freuten sich natürlich auch unsere Dienstboten, dass sie die schmutzigsten und anstrengendsten Tätigkeiten nicht selbst tun mussten, sondern dieses Mädchen, ich, teilweise hatten sie aber auch Mitleid – aber wehe, eine half mir oder tröstete mich auch nur, denn das war untersagt, ja, sie durften nicht einmal mit mir reden.
Harmlos waren noch die kleinen Scherze, etwa wenn ich gerade den rußigen Ofen reinigte mir ein Schwesterchen die Asche überleerte und mich verspottete oder aber Erbsen in die Asche leerte und mich sie herauszulesen hieß.
Ja, ich wusste mir oft zu helfen. Wenn ich nicht beobachtet wurde öffnete ich die Fenster, die Tauben, die mich kannten und mir vertrauten flogen herein und die verstreuten Erbsen waren ruck – zuck weg! Ich hatte mir dann zwar anzuhören, dass ich diese ja wieder einzusammeln statt wegzuwerfen gehabt hätte, aber mit Hinweis auf den Schmutz konnte ich mich da leicht herausreden!
Genau. Bis auf ein paar wenige, eben deshalb immer nur kurz anwesende hilfsbereite unter unseren Dienern waren es nur die Tiere, die meine Freunde und Verbündeten waren. Freilich, die Begabung meiner Mutter hatte ich nicht im gleichen Maße, aber gerade dadurch, dass ich ja sonst niemanden hatte, wurde mein Verhältnis zu unseren Haustieren immer enger. Doch das merkten die drei natürlich auch und schafften ein Tier nach dem anderen ab und verhinderten und verboten meine Kontakte.
Zuerst kam der Hund weg, dann nach und nach alle anderen Geschöpfe. Zu den Vögeln konnten sie mir den Kontakt verbieten und meist verhindern, aber oft genug war ich mit meiner Arbeit, obwohl eingeschlossen, ganz und gar alleine, einsam, und so gelangen mir Streiche wie der mit den Tauben und den Erbsen.
Hohes Gericht, mir wurde vorgeworfen, aus Eifersucht gehandelt zu haben. Der angebliche Bräutigam meiner Stiefschwestern – alleine schon aus dieser Formulierung geht ja hervor, dass das so nicht sein kann, wenn, dann hätte er doch der Bräutigam einer Einzigen sein müssen, nicht wahr – den hätte ich diesen ausspannen wollen und durch heimtückische und gewaltsame Handlungen sei mir dies auch gelungen.
Hohes Gericht, es war beinah genau umgekehrt. Freilich wurde ich vor dem jungen Mann, der sich da sehen ließ, versteckt, aber ich begegnete ihm ja doch. Zugegeben, indem ich die Verbote meiner Stiefmutter übertrat. Aber mehr, und das dürfte doch wohl kaum strafrechtlich relevant sein, habe ich mir in dieser Frage nicht vorzuwerfen! Und es ging mir dabei auch keineswegs um ihn und ich bitte darum, mir zu glauben: ich kann doch nichts dafür, wenn er sich in mich unscheinbares Ding verliebte, wie er behauptet! Ich jedenfalls wollte einfach nur unter meinesgleichen, junge Leute, Menschen, und auch einmal auf ein Fest, und deshalb schlich ich mich aus dem Haus, wohl wissend, dass die drei eh fort waren. Und ja, ich verkleidete mich so gut es eben ging. Einmal konnte ich mich ja schlecht in den Lumpen sehen lassen, die ich sonst zu tragen hatte und zum anderen wollte ich nicht erkannt werden, nicht von jemand, der mich vielleicht doch schon mal bei uns zu Hause gesehen hätte, vor allem aber nicht von den dreien!
Ja, ich tanzte mit dem jungen Mann. Aber nicht nur! Und ich geriet in Panik, als meine Schwestern dort auftauchten und floh. Und auch das ist richtig, ich verlor einen Schuh. Und der junge Mann suchte nach dem Mädchen mit dem einen Schuh, wie lustig. Und richtig, meine Stiefschwestern probierten den Schuh und hatten zu große Füße, ich bin ja auch nicht die allergrößte.
Der junge, gutaussehende Mann war ihnen ins Auge gefallen. Er war reich, so hieß es, fuhr ein schickes Auto und so weiter. Sie wollten ihn unbedingt, und als deutlich wurde, dass er nach einer Unbekannten mit kleinen Füßen suchte, die ihn irgendwie beeindruckt hatte, wurden sie eifersüchtig und böse. Das ließen sie ihn natürlich zuerst nicht merken.
Es war eigentlich ein blöder Zufall, dass er, dieser Schuhfetischist, und ich betone nochmal, ich wollte nichts von ihm, mir in unserem Haus über den Weg lief. Na ja, es steht im Protokoll: er bestand auf der Schuhprobe, der Schuh passte, er meinte mich wiederzuerkennen, wollte mich wiedersehen, wiederbesuchen – und ab diesem Moment war ich meines Lebens nicht mehr sicher.
Mir war völlig klar, dass ich diesmal nicht einfach eine krankmachende Dosis in mein Essen bekommen würde, sondern ein klein wenig mehr. Es war Zeit, auch mich beiseitezuräumen. So war ich auf der Hut und vertauschte mein Essen. Und die alte Hexe starb unter den grässlichsten Krämpfen. Aber nicht ich habe sie vergiftet, sie fraß ihr eigenes, für mich gedachtes Gift! Und das ist die reine Wahrheit.
Die beiden Schwestern wussten natürlich, was geschah, und deshalb, kaum zeigten sich die ersten Anzeichen, gingen sie mit allem, was sie fanden, auf mich los. Ich war aber durch die viele Arbeit doch recht kräftig geworden und war mir im Klaren, dass ich jetzt um mein Leben kämpfte. So gelang es mir, die beiden abzuwehren – nur aus diesem Kampf rühren ihre Verletzungen her. Während ich kräftige Arbeitsschuhe trug hatten die beiden nur hübsche Schühchen an, und es genügten ein paar heftige Tritte, so dass ihnen das Blut unter den Zehennägeln herauslief. Ich floh, floh ins Dorf, floh zur Polizei und machte dort meine Aussage, und sie werden erkennen, dass ich dort nichts anderes erzählte als hier und heute. Dass mir die Polizei nicht glaubte, dass ich eingesperrt wurde, lange Zeit keinen Anwalt sah, einen desinteressierten Vormund vom Jugendamt bekam, meinen Stiefschwestern mehr Glauben geschenkt wurde – wieso wundern sie sich, dass ich durchdrehte, verrückt wurde, irgendwann dummes Zeug phantasierte? Wieso wird dieses Zeug jetzt gegen mich verwendet, mir unterstellt, ich sei verrückt, leide unter Wahnvorstellungen und habe in diesem Zuge den Mord geplant und begangen? Mag sein, dass ich in der Klinik, in der geschlossenen Abteilung der Forensik aus Servietten Tauben faltete und mit diesen sprach und ihnen vorsang: „Ruckedigu, Blut ist im Schuh!“ Oder beim Hofgang mit dem Haselnussstrauch oder dem Brennesselbusch zu reden versuchte.
Das bestreite ich ja gar nicht, wenn ich mich auch nicht dran erinnern kann. Können sie sich nicht vorstellen, wie man sich als Jugendliche mit einer derart scheußlichen Vita fühlt, noch dazu, wenn einem dann keiner glaubt, man sich einer Welt von Feinden gegenübersieht?
Natürlich danke ich dem jungen Herrn, dass er für einen ordentlichen Rechtsanwalt gesorgt hat, anders als der desinteressierte Vormund, gleichwohl , auch wenn es ihm wehtut, sehe ich mich nicht als seine Braut, was er, wie ich gehört habe, schon behauptet hat.
Hohes Gericht, ich danke für die Aufmerksamkeit und Geduld, mit der sie mir zugehört haben. Ich habe alles gesagt, was mir wichtig erschien, habe nichts hinzuzufügen. Bestrafen sie mich, ich bin es eh gewohnt, ich nichtswürdiges Aschenputtel, aber sehen sie bitte auch die Umstände und die Handlungen der Anderen, die Taten und Untaten, ich bitte nur um Gerechtigkeit, nicht um Barmherzigkeit. Ich weiß nicht, ob ich eine der Guten oder eine der Schlechten unter den Linsen und Erbsen bin, ich weiß nur, dass ich nur getan habe, was ich tun musste, getrieben, gezwungen von den Umständen! Ich bin nicht stolze darauf, o nein. Aber ich schäme mich dessen auch nicht, so wenig ich mich schäme, Erbsen aus der Asche gelesen zu haben.

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Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

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