Klassische Bahnfahrt

(Fantasy. Einfach Phantasie, literarisch klassisch geerdet. Also Bitte: die Klassiker sollte man schon mal angeschaut haben! Auch auf ihre, wie auch immer historisch einzuordnenden, nun, wie sag ich’s, Spezialitäten. Kunst ist Kunst und andererseits, sie waren auch nur Menschen, Männer, Mastur.. ach, lassen wir das. Aber was mir dabei auch, bei aller kritischen Betrachtung, wichtig ist: es bleibt Kunst! Und muß nicht weg!)

„Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen / Hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch“ murmelte der distinguiert dreinschauende recht große Herr mit scharfen Gesichtszügen und einer prominenten Nase, der mir im Zugabteil gegenübersaß und mich direkt ansah, ja, neugierig und somit unverschämt anstarrte. Ich war entrüstet. Zum einen, weil er ganz offen und ja offensichtlich prahlend pädophil war, zum anderen, weil er in meiner Gegenwart sexistische Sprüche übelster Art von sich gab. Absichtsvoll, lässig und verächtlich die Dame in mir nicht sah, und nicht zuletzt dadurch eben die weiblichen Reize, sparsam verteilt, die mir zu eigen sind auf dem Markt der Lächerlichkeit Preis bot.
Natürlich sagte ich ihm das. Also das mit den sexistischen Sprüchen, die so einfach nicht gehen, nicht das mit der Lächerlichkeit und meinen wohl verborgenen sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen. Sehr deutlich und direkt in klaren, unverblümten Worten. Und er grinste süffisant und sagte: „Alle Weiber sind Ware; mehr oder weniger kostet / Sie den begierigen Mann, der sich zum Handel entschließt. / Glücklich ist die Beständige, die den Beständigen findet, / Einmal nur sich verkauft und auch nur einmal gekauft wird.“ Ich errötete, ein Gefühlgemenge aus Wut und Scham und anderen Empfindungen stieg in mir hoch, mir graute vor ihm und ich verließ hastig, in schneller Flucht das Abteil, ordnende Hilfe in Form eines offiziellen Bahnbediensteten suchend, verfolgt von durchaus meldodischen Pfiffen, die ich als die bekannte Werner’sche Vertonung von „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ erkannte. Doch als ich mit diesem Offiziellen zurückkam saß auf dem Platz des beeindruckenden Herrn von eben, der diese unwürdigen, schweinischen, frauenfeindlichen Äußerungen getan hatte, ein dürres, bebrilltes Männchen, das ihm äußerst unähnlich war.
Dieses fragte ich, wo der auffällige Herr von eben geblieben sei, er äußerte Unverständnis, der uniformierte Schaffner zuckte die Schultern. Als ich dem Männlein aber die Rede des Fremden benannte bekam dieser vor Entsetzen, wie ich zunächst meinte, große Augen. Er aber stellte sich als Germanistikprofessor vor und ließ sich das Aussehen des Verschwundenen, der in der Tat altertümlich gekleidet gewesen war, bis ins Detail beschreiben. Endlich flüsterte er ergriffen: „Sie sind ihm begegnet. Wahrhaft begegnet.“
Nicht nur ich, auch der Zugbegleiter war jetzt verwirrt und konsterniert. Letzterer hatte ja schon nicht mehr an meine ohnehin seltsame Geschichte von der entwürdigenden sexuellen Belästigung geglaubt. Aber die Verwirrung stieg noch, als uns jetzt der Professor im schönsten Oberlehrerton erklärte, wer mir da die Ehre oder vielleicht auch Unehre gegeben hätte. „Er war es, er selbst. Goethen, sein Geist, seine Erscheinung oder wie auch immer. Sie haben ihn so treffend beschrieben, wie von Tischbein gemalt. Und seine Zitate!“
„Göten?“ fragte verständnislos und von einem zur anderen blickend der Schaffner. Ich schaltete schneller: „der Goethe? Johann Wolfgang von? Der Freund vom Schiller Friedrich? Und vom Weimar August?“
Nun begann der angebliche Germanist ein wahrhaft diabolisches Gelächter. „Der Freund! Ja, der gute Freund Schiller, der von ihm sagte, er, Goethe, sei wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Gesellschaft zu demütigen? Ganz so wie sie! Ja, genau wie sie, wie sie da vor mir stehen, so dumm, so blödäugig arrogant, so ganz verletztes Weib, das sie ja sind, das sie ja noch lange nicht genug sind, um die Klassiker ernsthaft zu interessieren, um ein Gretchen zu ergeben oder eine andere verdiente Figur, sich also um die großen Männer verdient zu machen, sie sich somit zu verdienen! Diese wackeren, strammen Burschen, diese aufrechten Riesen, die prallen Recken der Dichtkunst, die noch richtige Männer waren, noch richtig Mann sein durften, nicht so wie die Schlaffis und Nabelschauer heutzutage.“
Und unter Schwefelgeruch war dieser, ich zweifle nicht, Mephistopheles mit fensterklirrend brüllendem Gelächter verschwunden. „Ich, ich möchte mich beschweren. Über die, über diese anderen Passagiere hier“ flüsterte ich tonlos, kraftlos, wehrlos zitternd zu dem entgeisterten Schaffner. Dann brach ich in Tränen aus.

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Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

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