Das Tagebuch von Tarascon

(Erläuterungen am Ende. Aber was…? Legende? Einfach nur erfundene Geschichte, ist doch klar!)

Das soll mein letzter Eintrag in meinem Tagebuch sein, hier in Tarascon, wo wir uns nach langen Irrfahrten endgültig niedergelassen haben, wir, diese verschworene, verworrene Gruppe aus Auswanderern, Flüchtlingen – ich bin ja, wenn ich dies alles mir recht überlege, eine regelrechte Wandertaube, zuletzt das bei weitem kürzeste Stück über Avignon hierher nach Tarascon. Wäre es nach mir gegangen, wir hätten auch ins wilde Inntal ziehen können, nach Mühlau, Arzl, Rum, Thaur, Absam, eines dieser, nun, zu meiner Zeit nicht einmal Dörfer. Mein letzter und schwerster Eintrag in Tagebuch, der Aufschrieb den ich so lange aufschob, denn, liebe Schwester, ich habe ein schlimmes Geständnis abzulegen. Ich muss es gestehen, meinen inneren Widersacher, meinen inneren Drachen endlich besiegen. Und ich sage zu diesem inneren Drachen: steht auf und komm heraus! Um dann endlich wieder meine eigene Herrin zu sein, vollständig und ohne dunkle Ecken, in denen etwas anderes als ich selbst gebieten könnte. Auch wenn du, meine liebe, verleumdete Schwester dies nicht mehr lesen wirst. Vielleicht niemand dies je erfahren, lesen wird: ich muss es gestehen, vor mir selbst meine Verfehlung bekennen. Vielleicht halten mich die guten Leute glattweg für eine fehllose Heilige, ich bin ja auch meistens recht brav und pflichtbewusst, aber auch ich habe ziemlich üble Dinge gedacht, gewollt, getan.
Im Nachhinein denke ich freilich, ich hätte nicht so gemeine Sachen über meine Schwester erzählen dürfen. Im Nachhinein ist man ja immer klüger. Es war falsch, es war böse und ich kann mir auch nicht verzeihen, dass ich es getan habe. Ich hoffe nur, dass das, was ich damals herumerzählt habe, so schnell wie das meiste andere dumme Zeug vergessen wird. Ich kann es mir ja so schon nicht, aber ich könnte mir nochmal nicht verzeihen, würden die Menschen, völlig fremde Menschen die uns überhaupt nicht kennen, die nur dumme Geschichten über uns gehört haben, schlecht von meiner Schwester denken.
Damals war es eben so, ich hatte mich verliebt. In diesen so überaus beeindruckenden Mann. Da war ich nicht die Erste, nicht die Einzige und auch nicht die Einzige, die eifersüchtig wurde, eifersüchtig auf meine Schwester, denn das war schnell klar, sie war bald, sehr bald schon, seine Favoritin! Nicht, dass er deshalb zu uns anderen weniger nett gewesen wäre, vielleicht sogar gemein oder herablassend, das war er eigentlich nie, na gut, vielleicht dieses eine Mal, als er das zu mir gesagt hat, das habe ich ihm wirklich übelgenommen. Da hat das dann auch angefangen bei mir, ihm konnte ich nicht böse sein, obwohl er es doch gesagt hatte, wohl aber meiner Schwester! Es stimmt ja auch, ich war immer die, die sich um alles und um alle gekümmert hat. Mein kranker Bruder, der ja auch nachdem er wieder unter uns war noch ziemlich pflegebedürftig war, wer hat sich denn um ihn gekümmert? Ich! Und ich habe es ja gern getan, aber auch ihm konnte ich lange nicht wirklich verzeihen, dass er mir, so empfand ich das damals, in den Rücken fiel, zu meiner Schwester gehalten hat.
Nachdem es ja wirklich klar war, dass meine Schwester und er, den wir beide liebten, den wir alle liebten, zusammengehörten, hätte ich einsehen müssen, dass es so ist und mich um alles Mögliche andere kümmern sollen, mich anders orientieren sollen, alles das, das sehe ich ein, aber ich war eine junge Frau, wie hätte ich das einfach so können, ich war doch verliebt! Ich habe es einfach nicht fertiggebracht. Dass mir dann auch noch mein Bruder in den Rücken fiel, sagte, es sei so richtig, meine Schwester sei die Richtige, mein geliebter Bruder, für den ich doch so viel getan hatte, das verletzte mich dann noch mehr, stachelte mich noch mehr zu all dem Bösen an, das ich dann auch getan, na ja, besser: gesagt habe.
Ich gestehe, ich habe den guten Ruf, den Leumund meiner Schwester beschädigt, ja, zerstört. Und mir kam es damals, in meiner Verblendung, auch so vor, als wäre das so, als wäre da was dran! Denn was ist für eine Frau eine andere Frau, die mit dem von ihr Geliebten rummacht? Eben.
Und wie es so heißt, im Krieg und in der Liebe… was für ein Unsinn. Für beides müssten Regeln gelten, Genfer Regeln, beziehungsweise man müsste trotzdem alle lieben können, auch die Konkurrenz, und böse Dinge wie Krieg sowieso ganz lassen. Hat er uns denn nicht immer wieder erzählt, in guten Worten erklärt was unser eigentlicher Auftrag im Leben ist? Hat er nicht dir, mir, allen gesagt, dass wir alle letztlich Brüder und Schwestern sind, sein sollen? Uns folglich anständig und richtig den anderen gegenüber verhalten sollen, nicht eigensüchtig sein, obschon uns selbst auch was Gutes tun, halt ohne anderen zu schaden?
Ich hab’s nicht gekonnt. Nicht in dieser einen Sache. Ich habe erzählt, rumerzählt, dass meine Schwester, meine eigene Schwester nicht nur ein faules Luder sei, sondern vor allem Letzteres! Dass sie mir nicht hilft, im Haushalt nicht und nicht bei der Sorge um unseren Bruder, was, das gebe ich zu, so nicht stimmt. Es stimmte nur, dass sie, wie bekannt, wenn er da war für nichts mehr zu gebrauchen war, nur noch Augen und Ohren für ihn hatte! Sie war ja auch, mindestens ebenso sehr wie ich, in ihn verschossen! Gerade deshalb bat ich sie natürlich, mir zu helfen, gerade auch, wenn er da war. Um sie da weg zu bekommen, aber auch, um ihm zu zeigen, was ich für eine famose, fleißige Person war! War und bin, ich bin ja immer noch die rührige, fleißige, umtriebige die sich um alle kümmert.
Aber ich hatte genug Energie übrig, um über meine Schwester, meine eigene Schwester, mein eigen Fleisch und Blut zu lästern. Ich betonte ihre, in Wirklichkeit gar nicht gegebene, Faulheit und ließ, völlig aus der Luft gegriffen, denn wir waren ja nicht arm, anklingen, dass sie ihre angeblich so teuren Kleider, ihren Schmuck ja wohl nicht so einfach hätte bezahlen können, irgendwoher das Geld bekommen haben müsste.
Da war es dann ein kurzer Weg, bis die Nachbarinnen, diese liebenswürdigen Hausfrauen, lästerten, sie, meine Schwester, sei wohl ein unanständiges Ding, das es nicht nur mit allen möglichen Männern treibe, irgendwie müsste sie sich ja die verfaulenzte Zeit vertreiben, sondern, jawohl, womöglich gar gegen Bezahlung! Und ich steuerte nicht dagegen. Haltlose Gerüchte, und sich wirklich schick machen, so auf die tatsächlich angeberische und teure Art, tat sich meine Schwester äußerst selten, klar, wenn er kam, da donnerte sie sich auf, obwohl sie wusste, dass er darauf aber schon überhaupt keinen Wert legte.
Über meine ständigen Ermahnungen, mitzuhelfen, ärgerte sie sich schon, wurde aber nicht wirklich wütend, überließ es ganz ihm mich mit diesem einen Satz zurechtzuweisen, der mich mitten ins Herz stach, dass sie, die ihm zu Füßen saß und mit den Anderen zusammen zuhörte, statt mir zu helfen, letztlich klüger entschieden habe, besser gewählt habe, aber zum Streit zwischen uns Schwestern kam es über das Andere. Sie bekam natürlich mit, wie über sie gesprochen wurde und war entrüstet, entsetzt und wütend! Nein, sie hat nie herausgefunden, dass ich die Urheberin war, und ich habe früher nie gewagt, ihr das zu gestehen, aber sie verlangte von mir, dass ich sie in Schutz nehmen sollte gegenüber diesem Mob da draußen! Das wäre auch meine Aufgabe als Schwester gewesen, ganz selbstverständlich, es beschädigte ja nicht nur sie selbst, sondern auch die Ehre unserer Familie, wir waren eh nicht mehr so viel wert, mit dem kranken Bruder und diesen herumziehenden Leuten als häufige Gäste, auch wenn er selbst, der diese anderen ja mitbrachte, von allen, ja, von fast allen bewundert und verehrt wurde.
Aber ich war zu verletzt und wütend und brachte es nicht über mich. Vielmehr fertigte ich meine Schwester ab, dass sie sich gefälligst selbst um ihren Ruf kümmern sollte, dass es ja sicher nicht von ungefähr komme, wenn man so über sie rede!
Mannomann, so wütend hatte ich meine Schwester, meine geliebte Schwester noch nicht erlebt, noch gar nie vorher und auch nie wieder, aber da tobte sie und nannte mich auch allerlei Unschönes, eine dumme und widerliche Person, die alle möglichen Gerüchte glauben würde, eine Ungetreue, die nicht zu Familie und Schwester halte, womöglich auch feige, eben nur für die einfachsten Hausarbeiten und sonst nichts zu gebrauchen, weil ich ja auch nichts, Garnichts kapieren würde.
Das hätte mir den Kopf waschen sollen, aber ich war immer noch zu verblendet, zu vernarrt in ihn, zu böse auf sie, da sie ihn sich geangelt hatte. Es verletzte mich, wie sie von mir sprach und ich zog mich ganz zurück, bekam dann auch von den ja bald sich überschlagenden Ereignissen kaum mehr was mit. Erst als mir mein Bruder, der doch selbst so Schlimmes erlebt hatte, berichtete, warum meine Schwester nicht mehr nach Hause kam, was Furchtbares geschehen war, wachte ich auf. Und machte mich auf die Suche nach ihr. Um sie zu trösten, um uns zu trösten, um seine arme, unglückliche Mutter zu trösten.
Und sie waren alle in ihrem Unglück froh, als ich zu ihnen stieß, tröstete, obwohl ich doch selbst Trost gebraucht hätte, hatte auch ich ihn doch endgültig verloren, an den Tod verloren, ihnen natürlich, denn ich bin doch die eifrige, die immer an alles Notwendige denkt, zu Essen und zu Trinken brachte, sie hatten in ihrem Unglück ja wieder einmal alles vergessen, nur noch an ihn und seinen furchtbaren Tod gedacht. Nicht so wie ich, die immer praktische, rührige Marta.

Ach ja, wer weiß, vielleicht erinnert sich in späterer Zeit doch noch jemand an uns, schreibt etwas über mich, eine Oper vielleicht gar, oder ein Lied über meine wunderbare Schwester, ihren Namen, über uns, die wir auf die westliche Seite zogen.

(Anm. d. Übersetzers: das vorgefundene war zum Teil schwer leserlich, wies Lücken auf und war auf aramäisch verfasst, so dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass einzelne Wörter und Umschreibungen falsch verstanden wurden und somit letztendlich auch Sinnverfälschungen entstanden sein könnten.

Dem Autor, nicht dem Übersetzer, wurde wieder einmal geraten, Hinweise für den Leser zu geben. Einmal einen zoologischen, Ectopistes migratorius, die amerikanische Wandertaube, ausgerottet von den frömmlerischen christlichen Siedlern (wie auch der Elfenbeinspecht oder der Karolinasittich…), letztes Exemplar, benannt nach Frau Washington, Martha Washington, im Zoo von Cincinnati, + 1.9.14. Zweitens geografisch: Tarascon: Ort im weitgehend katholischen (Paris ist eine Messe wert) Frankreich, an dem einst ein Drache gehaust haben soll, den eine wichtige Heilige besiegte. Immer noch geografisch: die Inntaldörfer: sind die sogenannten Martha – Dörfer. Auch darauf vielleicht noch, dass es außer dem obigen Tagebuch keinen historischen Hinweis oder Nachweis auf etwaige Fehltritte, Promiskuität, Hurerei der in dem obigen Text gemeinten Schwester gibt, sich Marta also gar keine Gedanken und Sorgen in dieser Hinsicht hätte machen brauchen – was nicht ist, muß ja auch nicht vergessen werden. Aber das sollte bei erfundenen Geschichten, Personen, Verhältnissen ja eigentlich immer so sein.)

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Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

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