(43) Innovationsstau

Schon bald fahren wir in vollautomatischen Fahrzeugen. Seht ihr es vor Euch, so wie ich?
Über eine wohlausgebaute Schnellstraße fahren von intelligenten Verkehrsleitsystemen geleitete Gefährte. Elektrisch, so gut wie lautlos, angetrieben, autonom. Fahrer gibt es nicht mehr. Diese Straße hier führt, nicht weit von der Überlandtrasse, die den Strom aus den Offshore – Windräderparks ins Binnenland transferiert, durch das Gebiet des ehemaligen Hambacher Forsts. Die Restbestände wurden im Zuge des umweltfreundlichen Verkehrsausbaus – Stromtrassen, moderne, geführte Autobahnen, ICE – Schnellfahrschienen bis 499 km/h ausgelegt, die von Güter- und langsamen Personenzügen nicht befahren werden dürfen, die werden aber eh immer weniger und wer ankommen will, fährt sicher nicht damit – endlich gefällt und gemäß den neuen Naturschutzgesetzen umweltneutral entsorgt, d.h. rauchfrei in speziell dafür konstruierten riesigen Industrieanlagen verbrannt, vergast. In Indien, da bei uns eine Kohlendioxid erzeugende Verbrennung ja schon seit langem durch strenge Umweltgesetze verboten ist.
Mit bis zu 90km/h gleiten hier auf der achtzehnspurigen Straße die Gefährte dahin, jedes für sich und vom eigenen emissionsfreien leistungsstarken aufgeladenen Motor getrieben, doch mit kontrolliertem, immer gleichem Abstand, innen schlafen Menschen oder arbeiten, tippen in ihre Computer, andere, zu mehreren, spielen ein Gesellschaftsspiel oder sind in harte Geschäftsverhandlungen vertieft.
Manche, wie ich, dösen, tagträumen und werfen hin und wieder einen Blick durch die getönten Scheiben auf die dadurch seltsamfarbenen zuziehenden, sich zusammenballenden, dräuenden Wolken. Die Energie kommt aus den Akkumulatoren, eine Aufladung über die paar Sonnenkollektoren auf dem Dach wird wohl nicht mehr stattfinden können.
Meine Gedanken schweifen. Zu sozialen und damit soziologischen Problemstellungen. Zur Umwandlung der Gesellschaft. Früher, ja, in der Antike, aber auch vor nicht langer Zeit oder, allerdings als krimineller Akt, bis heute gab es Unfreie. Sklaven und ihre Abarten wie etwa Leibeigene mit nur geringen Rechten und ohne eigenen Besitz. Bald schon, doch phantastisches Denken wäre es, sich vorzustellen, wie dieses Utopia dann wirklich sein wird, welche noch unvorstellbaren gesellschaftlichen Wandlungen welche gesellschaftlichen Formen hervorbringen werden, wird ein neues Niveau erreicht sein. Heute noch stöhnen empfindsame Kinder auf, wenn ihnen der Lehrer in der Schule von Sklaverei und den damit verbundenen Grausamkeiten berichtet. Wie wird es sein, wenn einst, nein, bald schon der Pädagoge, vermutlich eine einigermaßen intelligente Maschine, wie eben einst in der Antike ein Sklave, von sogenannter Lohnarbeit erzählt, ja, von ihren Auswüchsen, Lohndumping, Lohnsklaverei, Leiharbeit, Wanderarbeitern, Tagelöhnern?
„Wahnsinn,“ werden die Schüler aufstöhnen, „Menschen sollen für Geld, das sie demnach zum Leben brauchten, sich verkauft haben, aufgeopfert haben, ein Leben lang gearbeitet haben, gebuckelt, sich erniedrigt, dumme und krumme Dinge getan haben, nur weil ein Chef sie anordnete? Und das sogar hier, in diesem modernen, fortschrittlichen Land?“
Ja, Wahnsinn. Und er wandelt sich zu vermutlich neuem Wahnsinn, aber ganz anderem und noch nicht vorstellbarem. Wir leben in einer Übergangszeit. Die Automatisierung schreitet voran und schon ist in vielen Bereichen der Mensch nur ein Programmierer, ein Monteur, ein Reparateur der Maschine. Ein Wartender, der die Maschine wartet und darauf wartet, was sie verlangt, begehrt.
Diener keines Menschen mehr, sondern der künstlichen Intelligenz. Dieser überlegenen Weisheit des Algorithmus, die die dümmlichen Entscheidungen und daraus resultierenden schädlichen Handlungen primitiver Primatenhirne längst ersetzte, wie draufgängerisches Überholen, den Vordermann schneiden, den Gegenverkehr gefährden, alle zum Bremsen zwingen und allgemeine Energieverschwendung, Materialverschleiß und ewig lange Staus mutwillig hervorrufen, gefährliche Unfälle wohl gar.
Das Automobil blinkt und piepst in meine Gedankengänge hinein, freilich das wenig beachtete Alltagsgeräusch unserer Welt. Schneefall hat eingesetzt, die Wolken eine dichte Masse. Der wirbelnde Schnee verwirrt die Systeme, optische wie Radar. Die Abstandsautomatiken fallen aus, die selbstfahrenden Automobile, also selbstfahrenden Selbstfahrer fahren an den Straßenrand und halten an, schalten die Systeme ab.
Aufgrund der Wetterlage und Temperatur werden sie bald auf Stand – by gehen um Energie zu sparen, werden die Heizung herunterdrehen. Wer jetzt unvorbereitet ist, seine aktualisierte, vom Verkehrsminister empfohlene Überlebensration nicht dabeihat, wird bald die Härte der Natur erfahren, frieren und, womöglich, bald auch dürsten und hungern.
Alles steht. Hilfsfahrzeuge werden so bald keine kommen, denn diese sind selbstfahrend und bei diesem Wetter untauglich. Der jüngst erfolgte hilfreiche Einsatz des Militärs im Inneren, dessen Roboter über ganz andere Sensoren und vor allem Energiereserven verfügen, in ähnlicher Situation wurde nach einem nur notdürftig verschwiegenen Desaster nicht mehr wiederholt. Das Gemetzel war kurz aber nicht zu verhindern, die Sensoren der Geräte sprachen zwar auch bei schlechtem Wetter an, hatten aber keine funktionierende Freund – Feind – Erkennung mehr geschweige denn ein aktiviertes Programm zum Erkennen und Schutz von Nichtkombattanten. Es war ein ziemlicher Skandal, was aber aufgrund der Vielzahl ständiger und nicht eben billiger Eskapaden der Friedensstifter mehr oder weniger mit einem Schulterzucken und einer Massenbeerdigung abgetan wurde. Natürlich wurde viel über Sabotage spekuliert und über untaugliches Gerät räsoniert, obschon die Apparate ja eigentlich getan hatten für was sie mal konstruiert worden waren, aber durch derlei Verdächtigungen konnten etwaige Regressansprüche weithin umgelenkt werden.
Bald schon ist sich hier auf der Straße jeder selbst der Nächste, herrscht das Gesetz des Stärkeren, erscheinen aus nebelverhangenem Restgebüsch neben der großen Verbindungstrasse ländliches Raubgesindel, wilde Wölfe, Wildschweine, halbverwilderte, halbvergessene Restbevölkerung netzunabhängiger Dorftrottel. Diese Landpiraten warten nur auf solche sich immer mehr häufenden Gelegenheiten. Sie vegetieren in selbstgegrabenen, selbstgebauten Unterständen, in hinterlassenen Waldrodungs- und Straßenbauarbeiterbaracken, völlig ohne Zugang zum Internet oder auch ohne Mobilfunkempfang, abgetrennt von der Zivilisation. Ja, manche sollen sogar frevelhafter Weise traditionelle Feuer entfachen und unvorstellbares treiben, sich daran wärmen und darauf, wie auch immer, Nahrung zubereiten! Sogenannte flat Countryworker, also ehemalige, umgeschulte Streetworker, die nach der umfassenden Legalisierung aller Drogen arbeitslos wurden, versuchen sie immer wieder zu erreichen, physisch zu erreichen, da ja die normalen elektronischen Zugänge funktionsuntüchtig sind, anerkannt der gefährlichste Job unserer Zeit.
Doch von diesen ist jetzt gewiss keiner in der Nähe oder könnte vermutlich auch nicht helfen. Geifernde und sicher hungrige Mäuler übelgesinnter haariger Unwesen umschleichen bei immer dunkler werdender Umgebung die Gestrandeten. Auch mein Gefährt, das Stehende, wird umlagert. Doch ich fühle mich vorbereitet. Dies wird nicht lange dauern, irgendwann, ach was, bald wird es wieder aufklaren, die Energie zurückkehren, auch Helfer erscheinen, wir müssen nur durchhalten. Wie der weise Verkehrsminister empfiehlt habe ich meine Ausrüstung dabei, ich muss nur durchhalten, abwarten, was soll schon…

(in (94) tauchen nochmals diese selbstfahrenden Mobile auf.)

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: