(561.) Sie rannte

Sie rannte. Sie rannte seit einer geraumen Weile und ihr Seitenstechen und ihr Keuchen gemahnten sie an eine dringend nötige Pause. Ja, sie zwangen sie immer einmal wieder, langsamer zu werden, stehenzubleiben oder wenigstens nur zu gehen. Doch dann zwang die Angst sie wieder, loszulaufen, so schnell sie nur konnte. Es konnte doch nicht mehr weit sein!

Sie waren gewiss hinter ihr her. Sie wusste nicht genau, wer dabei war, wer zu ihren Verfolgern gehörte. Aber sie wusste bestimmt, dass sie nichts Gutes mit ihr vorhatten. Ihr wehtun wollten. Ja, sie womöglich töten würden, bekämen sie sie zu fassen. Jedenfalls ihr Böses wollten!

Deshalb rannte sie weiter, immer weiter, obwohl sie eigentlich nicht mehr konnte. Sie hätte den Schulsport ernster nehmen sollen, auch sonst mehr Sport treiben sollen. Sie hätte sich nicht mit diesen Freunden einlassen sollen, die sie in eine derartige Situation gebracht hatten. Sie hätte sich nicht aus dem Haus schleichen, die Anordnungen der Eltern missachten sollen. Sie hätte nicht dorthin gehen sollen.

Sie hätte nicht darüber nachdenken sollen, was alles sie jemals besser nicht getan hätte. Oder zumindest mehr auf den Weg achten. Sie stolperte über ein ungesehenes Hindernis und stürzte, rollte seitwärts vom Straßenrand weg und plumpste unvorteilhaft und schmerzhaft zugleich in den Straßengraben.

Sie schrie vor Schmerz auf. Vermutlich würde sie morgen nur noch aus blauen Flecken bestehen, wenn sie sich nicht sogar ernsthaft verletzt hatte! Ja, wenn sie morgen noch… sie schlug sich die schmutzige, schlammverschmierte Hand vor den Mund. Sich nicht verraten, das war das Wichtigste! Jetzt konnte sie ohnehin nicht weiter. Sie weinte leise. Sie weinte vor Angst und Schmerz zugleich.

Ihrer rundlichen, mit üppigen weiblichen Attributen gezierter Figur geschuldet war sie unschwer zur tiefsten Stelle des Grabens gerollt. Tief in den Schlamm eingesunken. Oben auf der Straße hörte sie Schritte. Schritte von schweren Schuhen, Schritte von Läufern. Keuchenden Atem. Stimmen. „Wir müssten sie doch schon längst eingeholt haben!“ „Weit kann sie nicht sein!“ „Spart euch die Kommentare. Lauft! Und schaut, ob ihr sie irgendwo seht!“

Im Graben hatte sich etwas bewegt. Ganz langsam und vorsichtig freilich nur. Eine Mülltüte mit irgendetwas gefüllt, die ein sparsamer Zeitgenosse hier preiswert entsorgt hatte, um auch Waschbär und Ratte etwas zu gönnen. Die hatte sie sich über das helle Gesicht gelegt. Ihre langen, blonden Haare waren ohnehin mit dem Schlamm eins geworden.

Die eiligen Schritte, die Stimmen mit ihnen, entfernten sich.

Sie atmete auf. Und musste würgen. Hastig unterdrückte sie den Husten, richtete sich auf. Holte tief Atem.

Was sollte sie jetzt tun? Hierbleiben war gefährlich, irgendwann würden sie zurückkommen. Den Weg absuchen. Auf die Straße konnte sie keinesfalls zurück. Sie musste ihren Weg querfeldein suchen. Mühsam und unter unterdrücktem Stöhnen rappelte sie sich auf, kroch aus dem Grabenschlamm hervor und auf die Weide nebenan.

Sie lauschte wiederholt, verharrte. Doch sie hörte keine Schritte oder Stimmen, nur ihren eigenen Atem. Schließlich stand sie auf, wobei sie jetzt erst deutlich merkte, was alles wehtat. Und ging über das hohe Gras, stieg in der Dunkelheit wiederholt in etwas, das eindeutig nicht Gras war, manches war weich und roch, doch sie versuchte, nicht darauf zu achten, wusste, dass andere Probleme größer und vorrangig waren.

Zum Beispiel das fremde Atmen, tief und mächtig, das sie mit einem Mal hörte. Und die Augen, die sie vor sich zu erkennen meinte. Sie blieb stehen. Sie war ein Stadtkind. Hatte mit Landwirtschaft nichts am Hut, aber dass das vor ihr lebendiges Landleben war, das erkannte sie auch. Rinder!

Sie wusste, dass diese Tiere meist harmlos sind. Aber sind sie das eigentlich auch, wenn man sie nachts auf ihrer Weide stört? Sie hatte Angst. Und wich zurück. Die Rinder rückten nach. Sie versuchte, seitwärts zu gelangen, schrie mit einem Mal auf. „Au!“ Sie war an den Elektrozaun gekommen. Als sie auf die Weide gekrochen war, war sie so tief am Boden gewesen, dass sie ihn nicht berührt hatte. Die Rinder hatten, durch ihren Ruf ebenfalls erschreckt, geschnaubt und waren kurz zurückgewichen, kamen jetzt aber wieder näher. Sie duckte sich und schlüpfte unter dem Zaun hindurch, nutze die eben entdeckte Fluchtmöglichkeit. Immerhin, dieser vergleichsweise harmlosen Gefährdung war sie entkommen. Jetzt aber weiter! Sie näherte sich einer dunklen Wand, die sie ganz richtig als ein Wäldchen interpretierte. Erreicht es schließlich und schlüpfte durch die teilweise dornigen Büsche am Rand hinein, zwängte sich zwischen den tiefhängenden Zweigen und Ästen, die ihr das Gesicht zerkratzten, Haare ausrissen, sich auch in ihrer Jacke verfingen, hindurch.

Endlich kam sie auf einen holprigen Weg. Sie stolperte in mit Pfützen gefüllte tief ausgefahrene Rinnen. Über herumliegende Äste. Stürzte auch ein paarmal. Aber folgte dem Weg und kam zu einem asphaltierten Sträßchen. Folgte jetzt diesem, zunächst unschlüssig über die Richtung, die sie einzuschlagen hatte. Sie war jederzeit bereit, wenn sie etwas hören oder Lichter sehen würde, ins Dickicht zu verschwinden.

Aus dem Wäldchen, das nicht groß war, heraus kam sie an eine Gabelung, die zu ihrem Glück mit einem Wegweiser versehen war. Mühsam entzifferte sie diesen im schwachen Licht der ländlich dunklen Nacht, nur von einem wenig hilfreichen Mond und einigen fernen Sternen unterstützt.

Sie war natürlich in die falsche Richtung gegangen. Das hatte sie sich schon gedacht. Das passte doch wieder mal zu ihr und ihrem Geschick, ihrem Glück. Sie musste zurück.

In dem Moment hörte sie in der Ferne Sirenengeheul. Irgendwo da draußen suchte die Polizei nach Verbrechern. Sie kniff die Lippen zusammen. Das war weit weg, betraf sie und ihr Problem im Moment nicht wirklich, egal, ob es jetzt damit zu tun hatte oder nicht. Sie musste sich selbst helfen, konnte sich momentan auf Niemanden stützen oder verlassen. Entschlossen kehrte sie um und ging weiter. In die laut Wegweisern richtige Richtung. Es würde noch eine weite und vor allem eine Tour voller Anspannung werden.

Nächtliche Spaziergänge ganz allein auf einsamen Landstraßen waren noch nie ihr Ding gewesen. Also, nüchtern. Mehr als das, angespannt, auf jedes Geräusch, jede Bewegung lauschend, lauernd. Erst dann bemerkt man ja, wie wenig still Wald und Feld sind. Was da alles bewegt wird, und sei es von einem lauen Windchen, was alles sich bewegt, dabei still zu sein versucht. Das Geräusch eines Wesens, das still zu sein versucht, heimlich schleicht ist noch viel unheimlicher als ein Lärmen. Das unterdrückte Quieken, dann Stille – der Schleicher hat seine Beute. Ihr lief es kalt über den Rücken. War sie die Maus, die nächste Maus, die die Häscher packen würden?

Doch ein plötzliches Rascheln, Knacken von Zweigen, Schnauben erschreckte sie dann doch noch mehr. Ließ die Theorie, dass leise Geräusche die Eindrücklicheren seien, fragwürdig erscheinen. Und dann das Ungeheuer, das mit einem Mal knapp vor ihr die Straße querte! Was war das überhaupt gewesen? Ein Wildschwein?

Hätte sie im Biologieunterricht besser aufgepasst hätte sie den Dachs womöglich erkannt.

Sie hatte die Arme um sich geschlungen und stand wie erstarrt. Sie begann zu zittern und zu hyperventilieren. Dann, kurz bevor sie zu Boden gesunken, zusammengebrochen wäre, raffte sie sich auf und ging entschlossen, wenn auch auf wackeligen Beinen und vor Angst schlotternd weiter. Angst, Angst vor ihren Verfolgern, Angst aber auch vor der Nachtschwärze, vor der Zukunft, vor dem finsteren, Geheimnisse bergenden Wald, dem matten Mond… existentielle Angst.

Angst vor dem langen Weg, vor dem Unbekannten, Angst auch vor dem Nachhausekommen.

Es wurde ein langer, anstrengender Weg voller Schreckmomente. Zwischen den ersten Häuserreihen war die Umgebung vertrauter, die Straßenlaternen gaben ihr die gewohnte Sicherheit des Weges. Aber dafür wurden die Schreckmomente häufiger. Sie war besser zu sehen, es gab immer wieder spätnächtliche Spaziergänger und vor allem Fahrzeuge. Immer wieder suchte sie, teils vergeblich, nach Verstecken. Zäune und Mauern wehrten sie ab. Und sie wählte zuletzt den sonst tunlichst vermiedenen Weg durch den Park.

Hier gab es Gebüsch und dunkle, unbeleuchtete Abwege, genau die Stellen, an denen sich finstere Gestalten der Nacht bergen konnten. Die Helligkeit fliehende, wie nun auch sie. Sie begriff allmählich, wohin sie inzwischen gehörte. Sie war eine von ihnen geworden, die die Schatten nicht floh, sondern, wiewohl immer noch angstvoll, was sie dort erwarten könnte, suchte.

Sie wischte, nicht zum ersten Mal in dieser Nacht, Tränen weg. Ging weiter, scheute weiter jede Begegnung. Schlüpfte endlich und glücklich zu Hause angekommen durch die nie abgeschlossene Kellertür hinein, stopfte ihre schmutzige, zerrissene Kleidung in die Waschmaschine und schlich nach oben. Es würde draußen bald dämmrig, bald hell werden. Sie nahm ihre Schultasche hervor, leerte ihren Inhalt und füllte das Behältnis mit all dem, was ihr wichtiger erschien. Zerwühlte rasch das Bett, nahm den Schminkkopf, mit dem sie als kleines Mädchen viel gespielt hatte, vom Kopfkissen. Holte neue Kleidung aus dem Schrank, prüfte sie auf Tauglichkeit und legte die Sachen bereit, zog sich schnell einen Schlafanzug über und ging ins Bad.

Im Bad betupfte sie ihre Verletzungen, wusch sich den Schmutz ab. Barfuß und somit auf leisen Sohlen ging es weiter in die Küche. Dort zog sie die Schüssel hervor, hinter der, wie sie wusste, stets ein sogenannter Notgroschen verborgen war. Sie hatte Glück, ihre Mutter hatte eben Haushaltsgeld erhalten und noch einen Rest vom Vormonat. Damit käme sie ein Stück weit! Sie stopfte sich die Scheine in den Bund, die Münzen in die Tasche der Pyjamahose.

Dann bereitete sie leise das Frühstück vor. Auch für Vater und Mutter deckte sie. Die beiden würden freilich noch nicht so schnell erwachen. Also müsste sie nichts erklären. Sie beeilte sich also mit ihrem Frühstück, nahm noch ein paar Vorräte mit und ging, fertig angezogen und frisch, wenn auch notdürftig geschminkt, aus dem Haus.

Die Eltern konnten aber nicht ausschlafen. Sicher, die Tochter war längst gegangen. Es war alles still, und der Vater, der im Schichtdienst arbeitete, hätte noch gut und gerne ein Stündchen im Bett verbringen können, doch es klingelte schrill. Und anhaltend. „Was sind denn das für Terroristen! Man sollte die verhaften,“ brüllte der schlaftrunkene Mann. Die Frau warf einen Morgenmantel über und ging nachsehen. Es waren keine Terroristen und es wäre schwierig geworden, jemanden mit der Verhaftung der Verüber des morgendlichen Klingelstreichs zu beauftragen.

Die junge Frau stieg in einen Bus. Es war kein Fahrzeug der Linie, die zur Schule fuhr. Am Bahnhof stieg sie aus, löste ein Ticket nach irgendwo. Tatsächlich war es ihr auch egal, wohin der Zug fuhr. Hauptsache, weg. Weit weg.

Der Zug fuhr ein. Sie sah sich noch einmal um. Offenbar hatte sie ihre Verfolger abgeschüttelt. Sie würde einige Male umsteigen, für Verwirrung sorgen. Und dann sich einen Plan zurechtlegen. Zum Glück hatte sie aus der schrecklichen Nacht einen Teil ihrer Ausrüstung gerettet, zumindest dieses Kartenhandy, das nicht auf sei zurückverfolgt werden konnte, da sie es ja auch nicht gekauft hatte, war in ihrem Gepäck.

Inzwischen hatte die Frau im Morgenrock den Läutenden geöffnet. Sie begann noch während sie die Türklinke drückte zu schimpfen, was das um diese Zeit solle. Verstummte. Draußen standen zwei höfliche Polizisten, die sich gleich für die frühe Stunde entschuldigten. Und fragten, ob die Tochter des Hauses daheim sei. „Die müsste auf ihrem Schulweg sein!“ Frage ergab Gegenfrage, so bekamen die Uniformierten heraus, in welche Schule die Tochter ging. Informierten sogleich Kollegen. „Worum geht es denn,“ wollte die Mutter der Gesuchten endlich wissen. „Können wir das Zimmer ihrer Tochter einmal sehen?“ „Sicher. Aber da werden sie nicht viel Interessantes finden! – Was ist denn los?“ „Wissen sie, wo ihre Tochter heute Nacht war?“ „Ja, natürlich. Hier in ihrem Bett.“ „Das bezweifeln wir. Es gibt Hinweise, dass sie mit ein paar ihrer Freunde unterwegs war. Und dabei in eine ziemlich üble Geschichte hineingeraten ist.“ „Meine Tochter, die friedlich schlief, eine Verbrecherin?“ „Das haben wir nicht gesagt! Im Moment würden wir sie nur gerne als Zeugin vernehmen.“ „Aber ich sag doch, die war…“ Inzwischen war man am Zimmer des Mädchens angekommen. Es war ein typisches Jungmädchenzimmer, Serienmöbel, einige Poster, bunter Firlefanz als Schmuck gedacht. Das Bett schien jemand benutzt zu haben. Die Mutter wies sogleich darauf. Die Polizisten nickten. Im Kleiderschrank fiel weniger das Fehlen einiger Teile auf, sondern die Anwesenheit eines Haufens. Bestehend aus Schulbüchern, Schulheften. Auf den Boden des Schrankes gekippt. Ein Polizist wies nun darauf: „Hatte ihre Tochter wirklich vor, zur Schule zu gehen?“

Doch die Frage erübrigte sich bald, die Nachfrage an der Schule hatte ergeben, dass die Schülerin heute offenbar fehle.

Letztlich wurde, nachdem einige Zeugen der nächtlichen Aktion vernommen worden waren, die abgängige Schülerin zur Fahndung ausgeschrieben.

Die weiter Flüchtende träumte im Zug. Sie war mit ihrem Freund zusammen zu dem Treffpunkt gekommen. Er hatte ihr neben der nach seiner Ansicht notwendigen Ausrüstung strikte Anweisungen gegeben, sich versteckt im Hintergrund zu halten. Es war stockfinstere Nacht und ihr war nicht wohl bei der Sache, aber es musste wohl sein. Der Fremde kam mit einer Tasche. Stellte die Tasche auf den Boden. Der Freund der jungen Frau öffnete die Tasche. Zog ein Päckchen hervor. Nickte. Der Fremde sagte etwas. Der andere lachte. Aus den Schatten tauchten zwei weitere junge Männer auf, die sich drohend an den Seiten des Fremden aufbauten. Der trat einen Schritt zurück, sagte etwas Unverständliches und zog irgendein Ding aus der Tasche. In dem Moment sprang sie aus ihrem Versteck, richtete ihrerseits das schwarze Ding, das ihr ihr Freund gegeben hatte, auf den Mann mit dem Ding in der Hand und zog den Abzug durch. Es knallte laut und ihre Arme flogen nach oben. Alle sahen sie erschrocken an. Der Fremde taumelte zurück. Und brach zusammen. Ihr Freund griff nach der Tasche, aber da trat ihm einer der anderen in den Weg. Es wurde gestritten. Sie stand da, wusste nicht, was tun, verstand nicht recht, was geschehen war, nicht, was sie eben getan hatte, was ihr Finger da eben getan hatte. Da kam der dritte der noch aufrechten Männer auf sie zu. Sie richtete die Waffe auf ihn. Da er weiter auf sie zukam, die Hand vorstreckte, schoss sie.

Der Streit der anderen war eskaliert. Ihr Freund lag auf dem Boden, er hatte ein Messer im Bauch stecken. Wieder richtete sie die Waffe auf einen Menschen, wieder schoss sie.

In der Ferne hörte man das Heulen eines Einsatzfahrzeuges. Sie waren hier nicht im Niemandsland, irgendwelche Anwohner eines einsam gelegenen Hauses mochten die Schüsse gehört oder auch schon vorher das eigenartige, verdächtige Treffen beobachtet haben. Ihr Freund keuchte, rief: „Lauf weg! Lauf!“ Sie ließ die Pistole fallen. Lief los. Blaue Lichter erschienen in der Straße. Rufe, schwere Schritte. Dann Schritte hinter ihr. Sie wurde verfolgt.

Sie hatte im Traum gezappelt, gestöhnt. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf sich. Sie schlug um sich. „Na, na. Ich wollte sie doch bloß in ihrem Albtraum beruhigen. Sie müssen mich nicht gleich schlagen.“ Ein Mann saß mit ihr im Abteil. Er schien etwa so alt zu sein wie ihr Vater. War aber ein ganz anderer Typ. Sonnen- oder Solariumgebräunt. Mit goldenen Kettchen behängt, das Hemd weit offen, eine Sonnenbrille trug der Mann, er wirkte, wie eine Nachahmung eines Filmschauspielers, nur dass der Film eher in Kalifornien, als in einem einheimischen Zugabteil hätte spielen müssen.

„Wer… wer sind sie?“ Sie war jetzt wach. Und es stellte sich nach einigem hin- und her heraus, dass der Mann von ihren Traumselbstgesprächen einiges mitbekommen hatte. Und dass er in der nahen Kreisstadt ein nettes, kleines Etablissement betrieb, in dem junge Frauen jederzeit ihr Auskommen fanden.

Sie hatte ihre Zuflucht gefunden. Es würde für die Polizei sicher nicht leicht werden, sie dort aufzuspüren. Natürlich würde sie noch einen gefälschten Ausweis brauchen, der sie ein paar Jahre älter machte und ihr einen netten Künstlernamen, der zu ihrem neuen Job und Typus passte, schriftlich gab.

„Meine Tochter? Meine Tochter soll auf Menschen geschossen haben? An einem Verbrechen beteiligt gewesen sein? Was für ein Unsinn! Ich weiß nicht, was mit ihr ist, aber sie war heute Nacht zu Hause in ihrem Bett. Und sollte eigentlich in der Schule sein. Suchen sie sie! Sie wird ihnen sagen, dass das alles so nicht stimmt. Nicht stimmen kann.“

„Wissen sie, wir haben Fingerabdrücke. Sehr wahrscheinlich einer Frau. Auf dem Griff der Pistole, der Tatwaffe. Und wir vergleichen diese Fingerabdrücke gerade. Mit denen, die wir in dem Kinderzimmer, auf den Sachen ihrer Tochter nahmen.“

„Das könnten dann doch meine sein! Oder die einer Schulfreundin!“

„Wenn wir sie gefunden haben, vergleichen wir natürlich noch einmal. Aber im Moment kann ich ihnen leider nichts anderes, nichts Besseres sagen. Es ist so, wir verdächtigen ihre Tochter Totschlags und des versuchten Totschlags. Hören sie: niemand vermutet, dass sie eine eiskalte Killerin ist. Sie war einfach in einer üblen Situation, die sie komplett überfordert hat!“

Die Mutter weinte.

Die junge Frau arbeitete sich mit Engagement in ihren neuen Job ein. Sie lernte schnell und hatte auch einen guten Lehrmeister. Ihr neuer Pass war auch bald fertig. Sie hörte nun auf einen osteuropäisch lautenden Namen. „Warum das?“ „Nun, das ist einfach,“ erklärte ihr eine Kollegin, die sich freilich sehr um die passenden deutschen Worte bemühen musste: „wir kommen hierher. Um anzuschaffen. Meist hat man uns vorher erzählt, wir wären Kindermädchen oder Putzfrauen oder sonst irgendetwas. Ihr kommt dafür in unsere Länder, verschwindet dort. Wo euch niemand kennt. Das muss dir doch klar sein!“

Bald darauf stellte sie ihren Lehrmeister und Arbeitgeber zur Rede. Sie saß bereits in seinem Büro, als er kam. „Was kann ich für dich tun, meine Schöne,“ fragte der Nichtsahnende. Sie konfrontierte ihn mit dem, was sie erfahren hatte. „Aber ich bitte dich! Wir waren uns doch einig, dass du weit weg willst, in Sicherheit!“ „Aber doch nicht in so ein … Land! In dem ich verratzt bin, verloren, keinerlei Rechte mehr habe!“ Sie war bei der Beschreibung in ihrer Wortwahl nicht sorgfältiger als, sagen wir, ein amerikanischer Präsident. Der braungebrannte, mit grau melierten Schläfen versehene Mann vor ihr lachte schallend, rief: „Rechte! Mein kleiner Flüchtling, meine kleine Verbrecherin! Ich werde dich bei der Polizei hinhängen, verstehst du!“. Er lachte nicht mehr, als er sah, was sie nun plötzlich in der Hand hielt. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass sie offenbar seine Schreibtischschublade aufgebrochen hatte. Der erste Schuss traf ihn, eher symbolisch, etwa in der Höhe der Blase. Dann zielte sie höher. Es war eine Hinrichtung, mit der sie sich für viele, viele Frauen rächte.

Sie hatte alles Geld, das sie hatte finden können, bereits an sich genommen. Und ein paar Pässe, noch ohne Foto aber mit einigen verwendbaren Daten. Dann war sie wieder unterwegs. Nahm aber diesmal die Waffe, einen kleinen, stupsnasigen 38.er Revolver, mit.

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

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