(562.) Misere

Lassen sie mich erzählen, warum ich so zurückhaltend bin. Meinen Namen nicht sagen geschweige denn lesen will, mein Vorleben geheim halte. Unter Pseudonym schreibe.

Das hat einen ganz bestimmten Grund.

Kennen sie das Stockholm – Syndrom? Kennen sie die bekannten Entführungsgeschichten? Ja, dann kennen sie auch meine. Ich bin, ich war nicht so unbekannt, wie sie vielleicht denken! Ich war berühmt. Also ja, nicht so wie diese aufdringlichen und uns aufgedrängten Bildschirmstars. Das nicht. Aber wer sich je dafür interessierte, wie diese Geschichten, die die dann spielen, wohl entstehen, oder wer gar so altmodisch ist und noch aneinandergereihte Buchstaben ohne Bilder dazwischen zu entziffern sucht, also liest, der kennt mich. Sie kennen Elfriede Jellinek? Sie kennen Toni Morrison? Isabella Allende? Oder auch Patricia Highsmith? Ja, so in etwa. Jetzt haben sie die Kategorie für meinen einstmaligen Bekanntheitsgrad, damals, als ich noch unter meinem echten Namen veröffentlichte, die Verlage sich um diesen Namen rissen. Aber mehr verrate ich nicht. Und das ist ja auch alles schon lange her.

Seither lebe ich im Verborgenen. Gebe Interviews, sicher, aber nur mit verstellter, verzerrter Stimme, kein Bild von mir darf erscheinen, niemand meinen wahren Namen erraten oder den Wohnort! Den ich übrigens öfter einmal wechsle. Ich tue alles dafür, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Deshalb erzähle ich ihnen auch nicht sachlich, was passiert ist. Sondern verkleide es. Verfremde es. Gebe ihm eine etwas abgeänderte äußere Gestalt. Aber im Prinzip war das das, was geschehen ist.

Nehmen wir also an, ich fuhr mit meinem Fahrrad. Dort, wo ich damals seit einiger Zeit, aber auch nur vorübergehend lebte, wohnte, ist es sehr eben, es gibt überall Fahrradwege und fast Jedermann bewegt sich häufig auf solchen Zweirädern fort. Einfache Dinger, oft ohne Gangschaltung oder mit der traditionellen Dreigangschaltung. Mit Verkleidung für die Kette und einem Netz am Hinterrad, damit sich keine Röcke im oft heftigen Wind in den beweglichen Teilen verfangen, denn selbst ältere Damen bewegen sich mit diesen Fortbewegungsmitteln.

Ich wohnte stadtnah, aber doch auf dem Land. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Rad einige Kilometer, um meinen Tagesbedarf einzukaufen. Und so gleich die nötige Bewegung zu haben. Der Bauer auf dem Feld, der mich zwar nur vom Sehen kannte, nickte mir zu. Man redet dort nicht unnötig viel, aber man ist aufmerksam und sieht die anderen. Meistens zumindest.

Es war ein windiger Morgen und ich steuerte gegen den Wind an, der landeinwärts wehte. Möwen und Krähen spielten einzeln oder in Gruppen mit den bewegten Lüften fangen, zischten mit den rasenden Wolken um die Wette dahin, legten sich flach wie die Zweige und Halme. Ich duckte mich über den hohen Lenker des sogenannten Hollandrades. Fluchte ein wenig über mich, der ich, denn es hatte zunächst nach einem sonnigen Tag ausgesehen, einen langen, geblümten Rock angezogen hatte, statt einer für diese Anwendung so viel praktischeren Jeans. Wild flatterte der Stoff. Am Lenker baumelte die Einkaufstasche. Knurrend sagte ich zu mir: „Ich muss jetzt endlich mal auf das Wetter achten. Und überhaupt mir so Satteltaschen zulegen! Das hier könnte ich so viel einfacher haben.“ Dabei war ich wohl ein klein wenig unachtsam, verriss den Lenker in einer plötzlichen Böe und kam vom rechten Weg ab. Zum Glück war an dieser Stelle eine Einmündung in einen ungeteerten Feldweg, ich stürzte nicht gleich, war wider Erwarten gar nicht ungeschickt, fing das schlenkernde Gerät und trat, um es zu stabilisieren, fest in die Pedale. Dabei freilich geriet ich auf die Straße, wo gerade ein Auto daherkam, ein Kombi, wie ich noch gut weiß. Ein roter Wagen, er touchierte mein Vorderrad, riss dieses somit erneut herum und brachte mich jetzt doch zu Fall.

Die Tasche flog in hohem Bogen davon, mit ihr meine Börse und die Einkäufe, die frischen Brötchen. Das Auto hatte auch schmerzhaft mein Bein gestreift, der Schreck und der Schmerz entlockten mir einen Aufschrei, ich fiel.

Der Fahrer des Autos, von der so plötzlich eingetretenen Situation ebenfalls überfordert, riss das Lenkrad herum und so kam sein Fahrzeug auf der gegenüberliegenden Seite in einer Wiese zum Stehen. Schockiert blieb er einige Momente, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, hinter seinem Lenkrad sitzen. Dann raffte er sich auf, entstieg seiner blechernen Festung und sah zu mir herüber. Jetzt entschloss er sich rasch. Packte seinen Verbandskasten und das Warndreieck aus, überquerte die Straße. Ich lag noch. „Sind sie verletzt,“ fragte er besorgt. Ich nickte. Dann lächelte ich schwach: „Vermutlich nicht schwer. Aber auftreten kann ich, glaube ich, nicht.“ Er nickte. Bedeutete mir, zu warten und stellte erst mal sein warnendes Dreieck, also dieses nach dem männlichen Dreieck gestaltete Ding, dessen Spitze nach oben zeigt, in einiger Entfernung auf.

Sie sehen mich fragend an. Nein, ich habe nicht nachgemessen, ob die Entfernung der gegebenen Vorschrift entsprach. Und das Dreieck heißt so, weil an der fraglichen Stelle des Mannes Haare so wachsen, wobei sie freilich nach oben in einem beliebig langen Drachenschwanz sich fortsetzen, oft hoch bis zu den Brusthaaren. Ich hatte in dem Moment ganz andere Sorgen. Ich befingerte mein Bein, was nicht weiter schwer war, da der geblümte Rock – ein Lieblingsrock! – der Länge nach aufgerissen war. Natürlich hatte ich unangenehme Schürfwunden, die kaum bluteten, in denen sich der Straßendreck, kleine Steinchen und anderes Zeug, versammelt hatte.

Der Mann kam zurück. Er war groß, erschien, da ich am Boden lag, noch größer. Ein breitschultriger Kerl, etwa in meinem Alter. Dreitagebart, offener Hemdkragen. Er wirkte nicht unsympathisch. „Ich denke, ich sollte vorsichtshalber zum Arzt,“ sagte ich schwach. „Sicher,“ jetzt lächelte er, „das unbedingt. Aber mal dumm gefragt: was war das eben?“ „Ich hab den Lenker verrissen! Ich fahr doch nicht einfach so auf die Straße. Der Wind, sie verstehen?“ „Hm. Ja, so was passiert. Tut mir leid.“ „Mir doch auch! Können sie mir aufhelfen?“ Mühsam humpelte ich zu seinem Wagen. Fiel schwer auf den Beifahrersitz. Dann versuchte er, der zu meinem Fahrer befördert worden war, den Wagen aus der Wiese zu steuern. Das war nicht so einfach, ein-, zweimal drohte das Gefährt steckenzubleiben. Auf der Straße hielt er wieder an. Lud sein Warndreieck, klein zusammengefaltet – hatte ich schon erwähnt, dass ich es ein männliches Dreieck genannt habe? – und dann auch mein sehr typisches Damenfahrrad ein. Suchte freundlicherweise auch noch meine Börse. Die vor kurzem noch verlockenden Nahrungsmittel überließen wir großzügig den im Windwetter gewandt segelnden Gefiederten. Dann startete er den Motor erneut. Fuhr los. Ich hatte ihm bedeutet, wo mein Hausarzt seine Praxis hatte.

„Wer sind sie denn überhaupt,“ fragte nun der Fahrer. Ich nannte meinen Namen, meinen echten Namen. Dabei hatte ich mich im Sitz stolz aufgerichtet, denn ich rechnete durchaus damit, dass der Klang meiner Stimme nun erkannt werden würde, ich war ja nicht irgendeine ungeschickte Fahrradfahrerin, ich war durchaus prominent!

Aber mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Und er nicht damit, mich hier zu treffen. Er würgte vor Schreck den Motor seines Autos ab. Starrte mich an. „Sie sind… sind sie es wirklich? Ich, ich muss ihnen gestehen: ich bin ihr größter Fan! Ich verehre sie und ihre Kunst seit langem, ich glaube, ich habe alles, alles von ihnen gelesen!“ Dabei hatte sein wie vielleicht schon angedeutet durchaus nicht unattraktives männliches Gesicht einen geradezu naiv – dümmlichen Ausdruck angenommen, so dass ich kurz auflachen musste: „Oh ja, den Eindruck kann man gewinnen! Ich wollte sie nicht gleich nochmal so erschrecken! Und ja, ich bin es schon wirklich. Offenbar sind sie nicht hier aus der Gegend, denn hier kennt mich eigentlich kaum jemand.“ „Unmöglich!“ Er schrie fast. „Sie nicht kennen! Was sind denn das für Banausen? Außer ihrem Schafsdreck, den sie vom Deich kratzen, interessiert die nichts, wissen die hier wohl nicht viel? Ich selbst wohne schon hier in der Gegend, aber noch nicht lange, ein neuer Job, sie verstehen. Hören sie, sie müssen mir unbedingt erzählen, an was sie derzeit arbeiten. Was sie sonst so machen.“ Er war wirklich etwas überschießend, doch war ich ihm ja auch verpflichtet und so sagte ich: „Gern. Natürlich. Aber ich habe auch Schmerzen, können wir bitte fahren?“ „Oh ja, sicher doch!“ Er startete wieder einmal sein Auto. Ich lehnte mich zurück, murmelte: „Wenn ich ihnen den Weg zeigen soll, sagen sie es bitte.“ Dabei hatte ich für einen Moment die Augen geschlossen, denn mein Bein schmerzte mich wirklich.

„Ich finde da schon hin,“ hörte ich ihn sagen. Aber er bog doch falsch ab. Und nochmals, obwohl ich ihm jetzt sagte, wie er zu fahren hatte!

„Wo wollen sie denn mit mir hin, das ist ja eine ganz falsche Richtung!“ Ich war jetzt etwas verstört. Gab ihm wieder Anweisungen, doch er ignorierte sie, wiederholte nur sein: „Ich weiß schon, was ich tue. Ich finde mich schon zurecht.“ Ein Mann eben. Der weiß den Weg, auch wenn er keine Ahnung hat. Dachte ich und zuckte die Schultern: „Mir wäre es lieber gewesen, wir wären auf dem kürzesten, direkten Weg gefahren. Mein Bein tut weh.“ Er nickte nur und fuhr weiter.

Um schließlich in eine Einfahrt einzubiegen, die hinter wild wuchernden Büschen und hohen Bäumen zu einer alten, halbverfallenen Kate führte. Es war ein romantischer Anblick, wenn man in Stimmung für derlei ist. Was ich nicht war. „Ich will zu meinem Hausarzt und nicht hierher!“

„Das ist mir klar. Und ich habe versprochen, sie zum Arzt zu bringen. Ich halte meine Versprechen. Aber seien sie so gut, steigen sie mit mir aus und geben sie mir die Ehre, für einen Moment, für eine Tasse Kaffee und, die spendiere ich gern, eine Schmerztablette mein Gast zu sein und mir ein Autogramm zu geben!“ Ich sah ihn kopfschüttelnd an: „Also wirklich. Das hätten wir doch danach machen können! Das ist die wirklich und wahrhaftig verkehrte Reihenfolge. So dürfte man keinen Roman anfangen. Das heißt doch, das lahmende Pferd von hinten her aufzuzäumen!“ Doch er war nicht umzustimmen, war jetzt auch beinah etwas grob, als er mir aus dem Auto half. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er sah aus, als ob er gerade einen Schatz gefunden, im Glücksspiel gewonnen hatte. Ein Fan, gewiss, aber ein Fanatiker!

Kurz darauf saßen wir in der kleinen Küche der Kate an einem noch kleineren Tisch. Er war fahrig, als er den Kaffee machte. Ich bekam auch ein Glas Wasser und dazu eine Tablette, „gegen die Schmerzen. Und später dann zum Arzt, versprochen!“ Was sollte ich tun, außer nochmals betonen, dass es mir anders lieber gewesen wäre? Ich war schließlich auf ihn angewiesen.

Brav schluckte ich die Tablette. Er verschwand kurz, kam einen Moment später schon wieder. Legte mir ein Buch vor, dazu einen Füller. „Würden sie bitte…?“ Jetzt lächelte ich wieder: „Gern doch. Wenn wir danach…“ Ich schlug das mir wohlbekannte Buch auf. Es war der Thriller „der Tag, an dem sie vom Erdboden…“ – ich Dummerchen! Beinahe hätte ich jetzt den Titel verraten und dann ja auch mich! Gerade noch rechtzeitig bemerkt. Nebenbei vielleicht wirklich nicht mein bestes Werk, von den Lesern zwar dankbar angenommen und einige Wochen auf der Bestsellerliste, aber von der Kritik verrissen, preislos geblieben. Ich gebe ja zu, der Plot ist etwas einfallslos, so haben schon andere geschrieben. Eine einigermaßen an den Haaren herbeigezogene Entführungsgeschichte.

Ich zückte die Feder und begann zu schreiben. Ich habe eine schöne Handschrift, immer gehabt! Doch irgendwie kamen mir meine typischen Kringel seltsam vor. Endlich brachte ich meinen herzlichen und lieben Gruß an meinen Leser und, nebenbei, Retter und Ritter auf der Landstraße samt meiner schwungvollen Unterschrift zu einem guten Ende. Ich konnte schließlich gar nicht dick genug auftragen, ich brauchte den guten Mann ja noch!

Jetzt aber fiel mir der Stift aus der Hand. Was war mit mir los? Mir war eigenartig, wie schwindelig. War ich doch schwerer verletzt, als ich gedacht hatte? Ich riss die Augen auf, dachte an innere Verletzungen. Aber dann kippte ich vom Stuhl. Wurde bewusstlos. Spürte gerade noch, dass ich aufgefangen wurde. Jetzt würde er mich zum Arzt, am besten gleich ins Krankenhaus bringen.

Als ich erwachte, lag ich weich in einem Bett. Ich trug nur noch meine Unterwäsche. Das war verständlich, die Ärzte hatten mich ja untersuchen müssen. Ich bekam die Augen noch nicht recht auf, auch schien es recht dunkel zu sein. Bestimmt gibt es hier irgendwo so einen Knopf, auf den ich nur drücken muss und über kurz oder lang kommt eine die Kranken Pflegende herein und fragt mit beruhigendem Unterton nach meinem Befinden.

Aber ich brauche nichts. Ich bin noch ziemlich benommen. Ich bin jetzt ja versorgt, in guten Händen. Ich spüre eine Nadel in meinem Arm, sie haben einen Zugang gelegt. Wenn ich seitwärts blicke, ist da dieser auf Rädern stehende Metallbaum, an dem das Fläschchen baumelt, aus dem ein Elixier in mich tröpfelt, in meine Adern. Mein Bein schmerzt nicht, das ist schon einmal gut.

Ich dämmere wieder weg. Diesmal ist es ein erholsamer Schlaf, der mir guttut. Ich träume seltsames Zeug. Ich sitze auf einem Fahrrad und strample wie wild, ich rase durch die Luft, mit den Wolken, mit den kreischenden Möwen und Krähen um die Wette. Dann falle ich, falle tiefer und tiefer, ich weiß, der Aufprall wird wehtun. Aber es ist ein Traum, und der Wind fängt sich in meinen Kleidern, meinem weit flatternden Rock, hebt mich, trägt mich und ich schwebe, leichter als die Vögel, leichter als die Luft selbst, schwebe einem Gesicht entgegen, das ich schon einmal gesehen habe, einem Männergesicht, sehr maskulin geschnitten, kantig, entschlossen, es lächelt mir zu, das große Gesicht, verspricht mir etwas, verspricht mir alles, will meine Wünsche erfüllen. Aber ich bin misstrauisch, wer wollte schon meine Wünsche, all meine Wünsche kennen und erfüllen? All meine Wünsche. Seit längerem hege ich heimlich einen, den mir kaum einer der Männer erfüllen konnte, die ich traf. Meine Hand wandert. Sie wandern, sie bedeckt mein weibliches Dreieck, diese Haare, die oben idealerweise fast eine gerade Linie bilden, anders, als dies bei den Männern der Fall ist. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und starre in das Gesicht von eben, meine Hand zuckt zurück. Es ist das Gesicht des Mannes, der auf mich herabblickt!

Des Mannes, der mich zum Arzt fahren sollte. Ich bin verwirrt. Aber gut, er hat mich begleitet oder eben wieder besucht, was weiß ich denn, wie lange ich bewusstlos war, wie lange ich geschlafen habe! Ich lächle, obwohl ich zunächst erschrocken bin: „Sie? Kommen sie mich besuchen? Bin ich hier im Krankenhaus? Im Städtischen?“ Er nickt bedächtig und ernst. Ist es so schlimm um mich bestellt? Moment mal, ich spüre keine Schmerzen im Bein, es wird doch am Ende… nein, nein, ich kann es fühlen, ertasten, es ist noch da, aber die Empfindungen sind alle gedämpft, ich habe wohl Medikamente bekommen. Ich nicke beruhigt. „ich weiß nicht, mir war auf einmal so anders! Aber sie haben mich dann ja hierhergebracht.“ Er schaut immer noch ernst. Dann hebt er an zu sprechen: „Ich möchte, dass sie nicht erschrecken. Ich habe ihnen gesagt, dass ich sie zum Arzt bringe, nicht wahr? Was ich ihnen verschwiegen habe: ich bin Arzt.“ Mir wurde etwas seltsam zumute. Was war hier los? Ich sah ihn groß und verständnislos an. Er fuhr fort: „Ich habe ihre Wunden versorgt. Gesäubert. Desinfiziert. In dem Mittel ist für alle Fälle auch etwas antibiotisch Wirksames enthalten. Aber verstehen sie mich recht: in erster Linie, so wie die Tablette eine Schlaftablette war, ist die Mixtur etwas Sedierendes. Als sie dann schliefen, habe ich sie hierhergebracht.“ „Wohin? Was haben sie mit mir gemacht? Wo bin ich?“ „Das möchte ich im Moment noch nicht ausführen. Lassen wir es dabei.“ „Ich will es aber wissen!“ „Wir müssen uns über ein paar Dinge einig werden. Ich will ihnen bestimmt nichts Böses, ganz bestimmt nicht. Ich bewundere doch ihre Kunst viel zu sehr! Aber immer nur aus der Entfernung. Nie kam ich an sie ran. Wie viele Briefe habe ich ihnen geschrieben!“

Der Narr. Die werden doch im Verlag schon wegsortiert und füllen die Papiercontainer. Was denkt er denn, dass ich Fanpost beantworte? Sie selbst lese?

Irgendwie verstand er, was ich dachte. Ich muss wohl einen recht sprechenden Gesichtsausdruck gehabt haben. Jedenfalls lächelte er jetzt, aber sardonisch: „Deshalb möchte ich jetzt ihre Gesellschaft ein wenig genießen. Für ihre Versorgung ist in jeder Weise gesorgt. Und ich habe auch noch etwas Urlaub.“

Ich war schockiert. War ich einem Verbrecher in die Hände gefallen, einem Entführer? Oder war das hier ein schlechter Scherz? Ich hatte etwas gezögert, aber jetzt hakte ich nach: „Sie machen Scherze, wenn auch herzlich schlechte? Das kann doch nicht sein! Sie sind doch kein böser Mensch.“ „Böse? Nein, beileibe nicht. Nur vernarrt in sie, die große Künstlerin. Ich wiederhole mich. Ich werde mich um sie kümmern. Ich werde ihnen alles, alles besorgen, was sie brauchen. Ihnen ermöglichen, weiterzuarbeiten. Es wird ihnen gutgehen bei mir.“ Ich murmelte vor mich hin: „Der Herr ist mein Gefängniswärter, mir wird nichts mangeln.“ Er lachte: „sehen sie, gerade auch wegen ihres Humors sind sie mein absoluter Favorit, ich könnte ohne sie, ohne ihre Geschichten gar nicht leben! Und das schon so lange, ja, immer mehr!“ „Ich komme mir schon vor, wie Richard Löwenherz auf der Trifels. Sie werden mir also opulente Empfänge gestatten, Partys mit Freunden und Kollegen?“ „Ich bitte sie! Das würde doch ein völlig falsches Bild ergeben. Nein, derlei Öffentlichkeitsarbeit wollen wir doch noch etwas aufschieben, Zurückhaltung üben.“ Ich nickte: „Hab ich mir gedacht. Ich bin also einfach eine Gefangene eines Irren. Ist das der Plot?“ Seine Gesichtszüge verzerrten sich. „Sie verstehen überhaupt nichts,“ zischte er, „sie leben nur in ihrer Phantasieblase, und was sie anrichten mit den Menschen, mit den Seelen ihrer Leser, das ist ihnen egal.“ Wieder konnte ich nur nicken, obwohl ich gerne den Kopf geschüttelt hatte. War ich Therapeut? Ich schrieb Geschichten, Verlage druckten sie, ich bekam Geld, weil die Bücher verkauft wurden. Und weiter?

Ich hob an: „Ein halbwegs intelligenter Mensch muss doch eine erfundene Geschichte als das nehmen können, was sie ist. Und den Autor getrennt von seinen Geschichten sehen. Ein Handwerker installiert, repariert die Wasserleitungen in ihrem Haus. Er liefert Pfusch ab, sie beklagen sich und nehmen nächstes Mal einen anderen Meister seines Fachs. Er liefert gute Arbeit ab und sie verlieben sich unsterblich in ihn? Was soll das?“

Der Mann vor mir wurde rot. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. „Na,“ setzte ich gleich noch nach, „den armen Installateur, in dem Fall ihrer Seelenheilgeschichten, dann zu entführen ist mir ja eine nette Art, seine Liebe und Verehrung zu zeigen! Machen sie mich hier los und lassen sie mich gehen, verdammt noch mal!“ Er reagierte nicht. Ich atmete tief durch, setzte nach: „Ich wäre bereit, sie für einen verschrobenen Kerl zu halten, einen Fan, der ein wenig übertreibt, Schwamm drüber. Da muss keiner etwas davon erfahren. Auch nicht, bis jetzt nicht, die Polizei. Sie verstehen mich schon, bis jetzt. Ist das alles hier seltsam genug, aber ich bin bereit, darüber hinwegzusehen. In Ordnung?“

Jetzt war er es, der tief durchatmete. Hatte er verstanden? Kam er zur Vernunft?

Ich wurde gleich eines Besseren belehrt. Ich sprach schließlich mit einem Mann. Der etwas Dummes getan hatte. Seit wann können Männer einen Fehler zugeben? Nein, sie müssen ihn bestenfalls überspielen, ansonsten noch einen draufsetzen! Der Typ hier war auch nicht anders.

Frauen, übrigens, sind viel besser im Fehler zugeben und sich entschuldigen. Dreimal wehe dem Mann, bei dem sich die Frau leichthin und gern für ihre Dummheit entschuldigt. Sie meint das schon ernst, doch, das schon. Aber er sollte die bei erster und jeder weiteren Gelegenheit zu erwartende Rache fürchten.

Dieser hier, der Mann, sagte sehr ernst: „Sie haben noch nicht begriffen. Ich werde sie nicht gehen lassen. Und sie sollten mir wirklich nicht drohen! Ich will ihnen nichts Böses, aber ich muss doch auch einmal betonen, dass sie nicht in der Situation sind, in der sie mir drohen können. Was wollen sie denn tun?“ Jetzt schrie ich: „Wo ist meine Handtasche? Geben sie mir meine Handtasche, ich will meine Handtasche, mein Handy, ich werde jetzt auf der Stelle meinen Rechtsanwalt anrufen, das wird ihnen noch leidtun!“ Außerdem versuchte ich aus dem Bett zu steigen. Allerdings wurde mir sofort schwindelig, ich taumelte, er fing mich auf, mit starken Armen und doch sanft, vorsichtig, ja, liebevoll. Ich konnte es nicht würdigen. Aber mich auch nicht dagegen wehren. „Was haben sie mir denn in diese Suppe gerührt,“ fragte ich, und deutete schwach auf das Fläschchen, aus dem irgendeine Flüssigkeit in meine Adern tropfte. Er lächelte süffisant: „Das feine Rezept wird nicht verraten. Aber sie sollten sich dringend hinlegen, sie hatten einen Unfall und sind noch ein bisschen schwach auf den Beinen!“ „Das merke ich selbst,“ fauchte ich, „glaube aber, das liegt mehr an meinem Kerkermeister!“ „Aber, aber,“ kam die Antwort, „wie reden sie denn mit ihrem Arzt.“ „Ich will eine zweite Meinung einholen! Ein Symposium! Ich bin schließlich kein einfacher Fall!“ Während wir so sprachen, hatte er mich wieder zurück in das Bett gelegt, mich zugedeckt. „So besser?“ Er murmelte es nur und ich, fast schon bewusstlos und immer noch vom Schwindel ergriffen, nickte leicht. „Dann bin ich es für jetzt zufrieden,“ sagte er, „sie haben natürlich recht. Sie sind kein einfacher Fall. Bestimmt nicht. Aber vor allem brauchen sie, was alle Patienten sich gönnen sollten, Ruhe!“ Und ging.

Ich war allein. Mutterseelenallein. Und verlassen. Von allen guten Geistern. Von den unser System stützenden, mäßig bezahlten Kräften, die Kranke pflegen. Verbrecher verhaften. Feuer löschen, Dinge verkaufen oder durch die Gegend fahren. Sich sonst um alles kümmern. Ich brauchte sie jetzt, wo waren sie denn alle?

Ich schlief wieder. Lange und tief. Kann mich an keinen Traum erinnern. Was wohl in diesem stetig tropfenden Elixier war? Sicher etwas stark Beruhigendes, ein Schlafmittel gar. Als ich erwachte dauerte es nicht lange und er kam mit einem Tablett, mit einer dampfenden Suppe. Zunächst weigerte ich mich, es kam zu einem kleinen Wortgefecht. Dann gab ich nach. Was hatte ich denn schon für Möglichkeiten? Und ich musste den Koch für seine selbst gekochte Kartoffelsuppe loben. „Das ist schon viel besser als irgend so ein Krankenhausfraß, das muss ich zugeben! Ganz ausgezeichnet, ich weiß gar nicht, ob ich schon mal so eine Gute gegessen habe. Ich könnte das jedenfalls nicht.“ „Sehen sie, hier ist es doch viel besser, als in einem Krankenhaus, in dem sie nur eine Nummer wären, eine von vielen, die nach Schema F abgehandelt wird.“ „Na, immerhin bin ich Privatpatientin!“ „Schon. Aber so groß ist die Extrawurst dann wieder nicht. Wir wissen beide, von was wir reden. Und im schlimmsten Fall kommen sie in ein Einzelzimmer und werden dort vergessen.“

Stimmt ja alles. Ist alles schon vorgekommen. Trotzdem war ich hier eine Gefangene und wollte das auch nicht vergessen, auch wenn man sich im Krankenhaus manchmal ebenso vorkommt, es bei entsprechender Bettlägerigkeit ja auch eigentlich ist. Nur das Faktum der Freiheitsberaubung, der Entführung fehlt, selbst wenn einen die Rettungssanitäter bewusstlos dort abgegeben haben sollten. Ich könnte mich zumindest theoretisch selbst entlassen. Das geht hier nicht. Oder doch?

„Was tun sie denn, wenn ich jetzt einfach aufstehe und gehe?“ „Das hatten wir doch schon. Und sie sind zusammengebrochen. Waren auf meine Hilfe angewiesen.“ Peinlich genug, aber, „wollen sie mich denn die ganze Zeit unter Drogen halten?“ Man merkte ihm an, dass dieser Punkt nun wieder ihm peinlich war. Ich setzte also nach: „Nun? Was ist ihre Absicht? Mit welchen Maßnahmen wollen sie mich zur wehrlosen Gefangenen machen?“ „Aber das will ich doch gar nicht! Ich will, dass sie nicht nur die Kartoffelsuppe, ich will, dass sie ihren Aufenthalt hier genießen. Genießen können, sich von dem zugegeben misslungenen Start erholen und freiwillig bleiben!“ Ich zuckte innerlich zusammen, hatte aber keine Ausweichmöglichkeiten. Also sah ich ihm lange in die Augen. Dann warf ich den Teller zu Boden. Er zersprang.

Er nickte. „Ablehnung. Auf kindische Art geäußert. Schön, gut. Ich werde mal saubermachen. Wenn sie barfuß aufstehen, könnten sie sich verletzen!“ „Ich würde anders protestieren. Aber sie lassen mir ja keine Wahl, keine Möglichkeiten! Wie einem Kind, das Stubenarrest bekam!“ Er nickte wieder: „Sie können das so sehen, da kann ich gar nicht viel dagegen sagen. Ich wäre so glücklich, wenn sie es anders sehen könnten. Es macht mich traurig, dass sie sich so gar nicht wohl fühlen möchten, dass sie so feindselig sind.“ „Was dachten sie denn, die gefangene Sklavin ist glücklich mit ihrem Los?“ „Also bitte! Mit Beutefrauen, mit gefangenen Sklavinnen geht man normalerweise anders um!“ Ich lenkte ein: „Das stimmt. Über das, was sie tun, über ihre Umgangsformen und ihre Fürsorge kann ich mich bisher nicht beklagen. Bis eben auf den einen, leidigen Punkt: dass sie mich einfach entführt haben, mich nicht freilassen wollen. Der Punkt, der leider alles andere zunichte macht!“ Wieder nickte er traurig und enttäuscht und holte Schaufel und Besen.

Als der Kidnapper so gebückt vor mir stand, kniete, kehrte stiegen widerstreitende Gefühle in mir auf. Ein klein wenig Mitleid, das war das eine. Das andere, stärkere war, dass ich gerne einen schweren, harten Gegenstand auf sein Haupt hätte fallen lassen, ja, schlagen wollen, ihn aus dem Weg räumen, meiner Wut auf ihn freien Lauf hätte lassen wollen. Aber ich hatte nichts Adäquates zur Hand und sowohl die Aufwallung als auch die Gelegenheit verstrichen.

Ich bin keine gewalttätige Person. Das füge ich hier erklärend ein, weil man ja vielleicht einen anderen Eindruck gewinnen könnte. Auch aufgrund meiner Geschichten, teilweise Kriminalromane, mir selbst, mir persönlich fremde Leser womöglich in diese Richtung fehlgeleitet werden. Das wollte ich hier an dieser Stelle passenderweise einmal feststellen und festhalten. Und noch etwas!

Man braucht einige Zeit, um zu realisieren, was eigentlich geschehen ist, vor sich geht. Und einige Zeit, um seine Bedeutungen zu erfassen. Was sage ich da, man! Man sagt das so leichthin, nicht wahr. Ich, ich brauche so meine Zeit, ich brauche so lange, sitze des Öfteren auf der sprichwörtlichen Leitung, auf der andere nur kurz stehen! Das Stehen hatte mir ja vor ganz kurzer Zeit nicht recht gelingen wollen. Aber jetzt begriff ich allmählich.

Ja, ich war gefangen. Wie andere berühmte Entführungsopfer. Wie manche Romanhelden. Die einer Verschwörung oder einer Gewalttat eben dazu, zum Opfer nämlich, fallen. Bei Dumas beispielsweise. Wenn ich auch kein Graf bin. Oder eben einem überkandidelten Fan in die Hände geraten, wie es auch schon Stephen King für seinen Schriftstellerkollegen Sheldon gefiel.

Das ist eben der Preis des Ruhms. Da muss ich wohl durch. Und es wird, das ist sicher, diesen meinen Ruhm nochmals mehren. Wenn auch nicht durch eigene Leistung, nicht durch meine Romane selbst, aber Reklame muss in dieser Welt auch sein. Wenn ich auch lieber durch diese, durch meine Leistungen, noch mehr Preise und Anerkennung einheimsen wollte, als ich ohnehin schon bekomme! Nun gut. Also nur Werbung. Es sei denn, ich erbringe eine eigene Leistung. Irgendwie muss ich hier weg, aus dieser Situation heraus. Ich muss einen Plan machen, ich muss fliehen!

Aber derzeit bin ich so müde. So erschöpft. Wie betäubt. Kann meine Gedanken gar nicht so gut sortieren. Stehe unter Drogen. Merkt man das? Ach so, es ist ja niemand da, der das merken könnte.

Es war niemand da. Nur ich. Ich war vollkommen alleine, nachdem mein fleißiger Koch, Hausmann und Entführer wieder gegangen war. Also auch unmittelbar hier auf mich alleine gestellt.

Ich bin eine selbständige Person, eine emanzipierte Frau, eine erfolgreiche und kluge Schriftstellerin, investiere geschickt meine Tantiemen. Und ich sitze hier im Bett, nicke fast ein und verzweifle an meiner Situation.

Ein durchaus freundlicher, höflicher Mann, das ist ja nicht selbstverständlich, tat nicht das, was ich mir von ihm zuvörderst wünschte. Und ich, ich war nicht in der Lage dazu, meine Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, da mochte ich mir noch so lange vorbeten, beschwören, dass ich doch selbstständig sei!

Unter Tränen schlief ich wieder ein.

Als ich erwachte, war einiges anders. Ich war endlich wieder einmal klarer im Kopf. Hatte nicht so schwer geträumt. Die Sonne schien durch ein Fensterchen, ich war offensichtlich in einem Kellerraum, an dem endlich das daran angebrachte Verdunkelungsrollo, das mir bisher die dauernde Dämmernacht beschert hatte, hochgezogen war. Vor meinem Bett saß auf einem Stuhl, den er sich wohl dahingestellt hatte, er. Er hatte mich im Schlaf beobachtet, bewacht. Ein Schauer überlief mich. Zugleich fiel mir aber auf, dass ich offenbar keine Nadel mehr im Arm hatte, dass das Fläschchen weg war, die Infusion entfernt worden war. Ich sah auf, sah ihn an. Er schreckte hoch, war wohl selbst fast eingenickt. Er lächelte: „Ich habe mir erlaubt, die Medikation zu ändern, zu reduzieren. Ich dachte, wir probieren das mal. War mir aber unsicher, deshalb habe ich die Nachtwache übernommen.“ Schön begründet, doch änderte das nichts. Mich während des Schlafes zu beobachten ist nicht jedem erlaubt! Und das dachte ich zuerst, sagte es dann aber auch!

„Entschuldigung. Es ist mir klar, unser Verhältnis ist nicht eindeutig, sondern höchst mehrdeutig. Das habe ich mir als Arzt herausgenommen. Ich wollte nicht aufdringlich sein.“ „Das mag alles gut und schön sein, und vermutlich sollte ich mich bedanken, dass sie mich nicht mehr unter Drogen setzen. Ohne mein Einverständnis unter Drogen gesetzt haben!“ „Das waren hauptsächlich Schmerzmittel, sie waren schließlich verletzt!“ „An der Seele. Ich wollte hinzufügen, aber! Aber sie sind eben nicht einfach nur mein Arzt und falls sie Geld von der Krankenkasse wollen wird es ein Problem geben, nicht wahr! Sie behandeln ohne das Einverständnis des Patienten drauflos, sie berauben den Patienten seiner Freiheit, als wäre er akut selbst- oder fremdgefährdend, sie fixieren den Patienten wenn auch nicht mit Stricken, so doch mit Drogen! Das ist nicht in Ordnung und gibt ihnen noch lange nicht das Recht, das Opfer ihrer medizinischen Abenteuerlust und ihrer kriminellen Energie heimlich zu beobachten! Was zu weit geht, geht zu weit!“

Er nickte wieder einmal ergeben: „Es tut mir leid. Ich habe den Eindruck, ihnen geht es recht gut, oder? Ich werde Frühstück bringen.“ „Nein! Sie haben recht, und das ist ja sehr freundlich von ihnen. Aber ich möchte gerne aufstehen.“ „Sehr wohl, sehr gern. Ich bitte darum. Erlauben sie mir aber, ihnen zu helfen. Ich habe damit gerechnet, wenn auch vielleicht nicht gleich: hier habe ich einen Bademantel und Schuhe, Hausschuhe für sie. Ich weiß nicht, ob ich alle Scherben erwischt und aufgekehrt habe!“ Ich sah meinen Gefangenenwärter erstaunt an: „Sie überraschen mich immer wieder. Mit ihrer Aufmerksamkeit, Höflichkeit. Sie sind ausgesprochen nett zu mir.“ „Das will ich auch sein! Sagen sie mir, was sie wollen, und ich werde mich darum bemühen, es zu…“ „Ach, sagen sie doch das nicht! Sie wissen, ich weiß es, es ist eine Lüge. Den Wunsch, den einen, den erfüllen sie mir nicht. Und jetzt helfen sie mir auf, wenn ich darum bitten darf!“

Es ging wieder erwarten gut. Ja, ich stützte mich auf seinen Arm. Auch als ich mit ihm in das mir ja noch ganz unbekannte Esszimmer hinaufging, die ganze Treppe langsam emporstieg, hielt er mir diesen Arm hin und ich nutzte ihn sowohl ängstlich und fleißig, als auch ärgerlich über meine Schwäche und Abhängigkeit, aber zudem auch noch wütend darüber, dass ich hier meinem Entführer noch dankbar sein sollte. Ja, er hätte mich schlechter behandeln können. Was er offenbar wirklich nicht wollte. Aber deshalb blieb die Tatsache des zugrundeliegenden Verbrechens ja doch bestehen!

Deshalb zwickte ich ihn zum Dank in diesen hingestreckten Arm. „Au! Was war das denn?“ „Nun, denken sie mal nach. Danke für die Hilfe. Die ich ohne langes, drogeninduziertes Liegen und in meinem eigenen Haus wohl gar nicht gebraucht hätte!“

Auf dem Tisch, auf dem eine einfache Tischdecke lag, stand ein üppiger Rosenstrauß in einer alten Porzellanvase. Schnell waren zwei Teller, dazu kaffeegefüllte Tassen bereit, auch alles andere war ja vorbereitet. Natürlich fingen die Blumen meinen Blick, natürlich merkte er dies und lächelte. Ich sah ihn fragend an und er bestätigte meinen Verdacht: „Ja, die sind für eine Patientin. In meiner Obhut. Die sind für sie. Die wollte ich ihnen nachher bringen.“ Mein Arm hob sich ganz automatisch vom Tisch, ich wollte die wirklich schönen Blumen spontan mitsamt ihrem Behältnis wegfegen. Meinem keineswegs verrauchten Zorn freien Lauf lassen. Aber ich ließ den Arm wieder sinken und er, der meine Bewegung gesehen hatte, nahm die Hand wieder von der Vase, die er fraglos hatte vor meinem Attentat retten wollen. Traurig nickte er wieder einmal: „So wütend? Auf mich, nicht auf die arme Vase, die ich übrigens noch von meiner Mutter her habe, ein Erinnerungsstück.“ „So, sie hängen daran? Wurde ihre Mutter auch einfach so von der Straße weg entführt, angefahren und verschleppt?“ Er wurde rot: „Das nicht. Aber sie ist letztes Jahr verstorben.“ „Oh, das tut mir leid, wirklich. Ich würde den Satz gern zurücknehmen. Auch wenn das, was ich damit sagen wollte, natürlich stimmt.“ „Halbe Entschuldigung? Angenommen. Ich verstehe sie ja. Und sie mich ganz offensichtlich nicht, das kann man vielleicht auch nicht, schon gar nicht sie in ihrer Situation. Das sehe ich ein. Ich kann nur immer betonen, dass ich ihnen nichts Böses will. Sondern sie bewundere.“ Ich lehnte mich zurück. Nahm einen Schluck vom Kaffee. Dachte nach. Stand auf und nahm die Rosen aus der Vase und, nass wie sie waren, an meine Brust. Sah ihn sehr ernst an: „Erzählen sie mir nicht immer, dass sie mich bewundern. Das mag stimmen oder nicht. Aber ich bin doch nicht dumm. Da ist etwas anderes, da ist mehr.“ Er sah mich an, wie ich da stand, die Blumen an meine Brust gedrückt. Stand ebenfalls auf, kam um den Tisch herum. Blieb ganz knapp vor mir stehen, ich musste den Kopf nach oben ausrichten, um ihm ins Gesicht zu sehen. „Sie haben recht,“ sagte er schließlich mit sehr leiser, unsicherer Stimme, „so recht. Mit allem, nebenbei. Ich verehre und bewundere sie, will seit langem Kontakt zu ihnen, es gelang mir nie. Ich habe ihr Werk, ihre Auftritte verfolgt, ich habe, wenn sie so wollen, sie verfolgt, ich habe mich, sie wissen es, in sie verliebt.“ Seine Stimme versagte. Seine Augen wurden feucht. Meine auch: „Aber das wäre doch auch anders gegangen. Sie haben alles kaputtgemacht!“ Jetzt rannen ihm wirklich Tränen die Wangen herab, die bewegten Nasenflügel entlang. Zaghaft umarmte er mich. Was sollte ich tun? Die Rosen drückten ihre Dornen in meine Haut, dort, wo der Bademantel über der Brust offen stand. „Au! Sie tun mir weh. Ihre Rosen…“ Er ließ locker, begann, sich wortreich zu entschuldigen.
Was war das hier nur? In was war ich da hineingeraten? Ich wollte nachdenken, eigene, ungezwungene Entscheidungen treffen können. Ich war verunsichert, aber auch immer noch wütend auf diesen Kidnapper, Frauenentführer. Er hielt mich locker im Bereich der Schultern, stand ein kurzes Stück vor mir und jammerte über sein Ungeschick. Ich trat zu, sie wissen schon, mit dem Knie dahin wo es wehtut, speziell auch einem noch so robusten Mann wehtut. Mit aller Kraft. Dazu warf ich ihm seine Blumen ins Gesicht. Als er sich nach vorne krümmte. Und stieß ihn fort. Er taumelte, ich lief. Will sagen, ich rannte, aber ich bemerkte meine Schwäche, kam nicht so schnell davon, wie ich gewollt hätte.

Ich lief zur Tür. Hinaus in den Flur. Weiter zur Haustür. Rüttelte am Griff. Sie war verschlossen! Er hatte sich längst von seinem Schmerz und Schreck erholt, holte mich mit Leichtigkeit ein. Sein Gesicht war nun ebenfalls von einem Ausdruck unbändiger Wut gezeichnet, ja, ich musste befürchten, des Hasses. Schlägt abgelehnte Liebe nicht gerne in Hass um?

Er packte mich, riss mich herum. Ich schlug auf ihn ein: „Entführung! Frauen unter Drogen setzen! Das ist böse!“ Mir fiel nichts Besseres ein, und das stimmt ja auch.

Er zischte etwas, es klang nach Flüchen, aber dazwischen kam etwas hervor wie: „Kapierst du denn nicht, wie sehr ich dich liebe? Brauche?“ Er packte meine Handgelenke, hielt mich. Stand mit einem Bein nach vorne, so dass ich ihn nur gegen die Schienbeine treten konnte, was er leicht wegsteckte – ich war barfuß, seine Pantoffeln hatte ich längst verloren. Er schüttelte mich, der Bademantel ging auf, ich taumelte, stolperte, fiel.

Er aber, immer noch um mich bemüht, ließ mich nicht hinplumpsen, sondern hielt mich, ich glitt sanft zu Boden. Dort aber ließ er mich nicht los, vielmehr sah ich jetzt in seinen Augen etwas anders. Keinen Hass, o nein, aber eine zielgerichtete Wut, eine Wut, die nach einer Erfüllung strebt, eine unbändige Gier. Und richtig suchten seine Hände nach meinen Brüsten, nach meinen Schenkeln, nach mir – er riss mir die wenigen verbliebenen Kleidungsstücke vom Leib, er drang in mich ein und ich heulte und wehrte mich immer schwächer. Bog mich ihm entgegen.

O ja. Es ist mir peinlich. Äußerst schwer zu ertragen. Aber ich bekam einen großartigen Orgasmus. Einen der Schönsten, die ich je gehabt hatte. Ich wütete gegen mich selbst und gegen ihn, erröte heute noch, wenn ich daran denke – wie schrecklich, ich werde vergewaltigt und empfinde so. Das kann, das darf doch nicht sein! Ich weinte und schrie, wand mich – und er, nun, er erreichte sein Ziel auch.

Wir blieben liegen. Minutenlang? Ich weiß es nicht. Vielleicht auch nur kurz. Keiner sah zunächst den anderen an. Dann eben doch. Beiden war uns die Situation sowohl einfach peinlich, als auch mehr als das, zu viel, zu groß – was war da eben geschehen?

Er rappelte sich auf, half mir hoch. Begann, sich zu entschuldigen. Ich bedeutete ihm, still zu sein. Wieder nahm er mich in die Arme. Und diesmal sank ich, rosenlos, an seine Brust und weinte, weinte, als könne ich nie mehr aufhören. Eine meiner Hände ruhte schützend zwischen uns, bewahrte vergebens, zu spät das weibliche, das schützenswerte, so verletzliche Dreieck. Irgendwann löste ich mich, trat zurück. Sah ihn an. Er nickte wieder einmal. Dann nahm er mich an der Hand, führte mich in sein Schlafzimmer. Was wollte er denn? Schon wieder?

Er zeigte auf einen Stuhl dort. Da lagen meine Kleider. Geflickt, gewaschen, gebügelt. Er griff in seine Tasche, die der Hose, die er rasch wieder hochgezogen und geschlossen hatte. Holte einen Schüssel heraus, legte ihn zu den Kleidern: „Du hast ja so recht. Es war falsch, gemein, übergriffig, böse. Du kannst gehen, wenn du willst. Wann immer du willst.“ Ich sah ihn groß an: „So ein Sinneswandel? Aber danke. Ja, ich werde mich jetzt anziehen. Im Bad, wenn es recht ist. Will mich auch waschen.“ Ich nahm meine Kleider und wollte dorthin. Doch er musste mich führen. Ich hatte all meine Energie verbraucht.

Im Bad stand ich lange vor dem Spiegel. Starrte keineswegs die Scheibe an, sondern seine dort aufgereihten Utensilien. Genauer, den Rasierer. Die Klinge. Sie war eine Versuchung. Doch ich löste mich wieder, zog mich schließlich an. Andere Kleider, andere Unterwäsche hatte ich hier ja nicht!

Schließlich trat ich wieder aus dem Bad heraus. Gewaschen, gebürstet, einigermaßen frisch.

Er kam mir entgegen, nickte. Schon wieder. Ich schüttelte den Kopf. Hielt den Schlüssel in der Hand. Wieder einmal sahen wir uns lange in die Augen.

Bis hierhin die Erzählung. Der Frau, der bekannten Schriftstellerin, die von der jungen Journalistin exklusiv interviewt werden durfte, wobei vertraglich vereinbart worden war, dass keine Bilder, kein echter Name erscheinen dürfe. Die beiden Frauen saßen in einem Café, an einem Ecktisch, der Raum war fast ohne Gäste um diese Zeit, weshalb sie sich recht ungestört unterhalten hatten. Das heißt, eigentlich war es fast ein Monolog der Interviewten gewesen.

Diese lehnte sich jetzt zurück. Lächelte mit einem Mal Jemandem zu. Die Journalistin drehte ihren Kopf. Ein großgewachsener, nicht unattraktiver Mann trat auf die beiden Damen zu. Nickte freundlich. Sagte: „Liebes, kommst du?“ Und zu der Journalistin gewandt: „Meine Verlobte – wir wollen demnächst heiraten, es gibt ja auch Gründe dafür, sie haben bestimmt bemerkt, dass wir ein Kind erwarten – hat ihnen sicherlich wieder eine ihrer Geschichten erzählt, ihrer Schauermärchen. Nicht wahr!“ „Ach, was du immer meinst,“ sagte die Frau, die eben ihre Erzählung beendet hatte, und stand auf, nahm den Arm des Mannes und ging mit einem freundlichen, letzten Nicken in Richtung der Journalistin, die mit einer halbleeren Kaffeetasse, ihrem bekritzelten Notizblock und einer Rechnung zurückblieb.

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

4 Kommentare zu „(562.) Misere“

    1. Dass manche zu lang seien, das wurde mir schon mal geschrieben, offenbar ist es doch noch nicht üblich, außerhalb eines Buchs einen auch nur etwas längerne Text anzuschauen, gar zu lesen. Freilich veröffentlicht nicht jeder so leicht in Papierform wie die Protagonistin…

      Gefällt 1 Person

  1. Mein erster Gedanke war: Natascha Kampusch, beim Weiterlesen dann, ging mir Misery – (der Film) durch den Kopf 😉 Ja, aber spannend allzu mal und das mit dem Stockholm Syndrom – wie ich finde – vielleicht der einzige natürliche Ausweg aus der Misere.

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