(563.) Der fehlende Name. Und wie ein Interviewer deshalb mit seinen Fragen Schiffbruch erlitt.

„Es ist total nett von ihnen, sehr großzügig, dass sie mich hier an das Set lassen!“ „Nun, auch wir brauchen etwas Publicity. Und dafür sorgen sie, haben sie versprochen! So haben alle etwas davon. Sie sind also ein Fan meines neuen Films?“ „Ihrer Filme. Sie sind für mich der Größte. Unter den lebenden Regisseuren. Aber auch ihre Leute, die Schauspielertruppe, die sie angeheuert haben! Ich kenne sie alle, kann jeden Namen auswendig, vielleicht bis auf ein paar Statisten. Aber jeden, der eine richtige Rolle spielt!“ „Das freut meine Leute. Sie wissen, Theater-, Filmleute sind eitel. Und möchten gern gekannt, erkannt werden. Beim Namen genannt werden. Und wenn da einer übersehen wird, wenn sie nach einem Namen suchen müssen – na, der eine oder andere könnte dann schon bös beleidigt sein. Und das wäre doch schade! Sollen wir deshalb die Liste noch schnell durchgehen?“ „Kein Bedarf! Ich sage ihnen, ich kenne die, ich habe die Liste im Kopf, zu jedem Namen ein Bild.“ „Das ist toll. Ehrlich gesagt, das sind so viele, dass mir manchmal nicht gleich der richtige Name einfällt. – Aber kommen sie! Sehen sie, die Garderoben. Das hier sind wichtige Leute, die Maske, klar, heute geht viel nachträglich, Computerbearbeitung, Tricktechnik, aber es ist halt doch am Schönsten auch für die Kamera, den Regisseur, die Schauspieler selbst, wenn man erkennen kann, sehen kann, was da gespielt wird. Die Schauspieler? Sitzen vermutlich dort im Innenhof zusammen. Tauschen Tratsch und Kaffeebecher und Küsschen, Beruhigungstropfen und andere Mittelchen und besprechen die letzten Szenen nach, die nächsten vor. Und sie sprechen alle Mitspielenden mit Namen an?“ „Ja, natürlich!“ „Dann will ich sie mal in das Gehege der Eitelkeiten einlassen!“

In der Mitte des Hofes war ein Ring, an die Sitzreihen um eine Manege erinnernd, aus Stühlen und kleinen Bänken aufgebaut, man saß dort ungezwungen herum. Als der Journalist eintrat, freundlich grüßte, sahen alle aufmerksam zurück. Er hatte einen Fotoapparat dabei und die ersten wehrten schon ab: so, wie sie jetzt und hier aussahen? Auf keinen Fall! Sie wurden beruhigt: „Ich möchte gerne Fotos machen, von ihnen allen, aber nur, wenn es recht ist! Wer immer nicht einverstanden ist, sagt das einfach. Aber viel wichtiger ist mir, mit ihnen zu sprechen, wenn sie erlauben! Ich bin so ein großer Fan, also, über meinen Beruf hinaus!“ Das schmeichelte, und tatsächlich begrüßte der Besucher reihum fast jeden mit seinem Namen. Nicht dem seiner Rolle, sondern seinem echten Namen.

Der Dompteur, dessen Namen er nicht wusste, saß auch im Kreise und neben ihm auf einem Podest einer der Antagonisten. Der im Film die Rolle eines dramatischen, bösartigen Angreifers zu übernehmen hatte. Er saß da, als wäre er schläfrig, mit halb geschlossenen Augen. Der Journalist ging an diesem seltsamen Paar vorbei. Alle sahen auf. Der Dompteur, der aus einem fernen Land kam, sagte: „Entschuldigen sie, aber wollten sie nicht alle wichtigen Schauspieler begrüßen?“ „Aber sie sind doch gar keiner!“ Die Antwort kam lässig über die Schulter. Der, der die Rolle des Antagonisten zu spielen hatte, schloss seine Augen fast ganz. Kräuselte aber die Lippen, was sehr eindrucksvoll aussah. Der Dompteur lächelte verbindlich: „Ich doch nicht! Aber er! Und er möchte gern begrüßt werden, so wie die anderen, mit seinem Namen.“

Der Regisseur war ein kluger Mann. Man kann aus einer Filmszene heutzutage sehr viel herausschneiden und mit anderen Motiven, auch anderen Personen, Schauspielern verbinden. Deshalb hatte er längst eine Kamera bereitgemacht, auf die sich entwickelnde Situation gerichtet.

Der Journalist lächelte ungläubig: „Er? Er ist ein Tier! Kein Schauspieler! Ich merke mir doch nicht den Namen irgendeines Tieres, aus dem Alter, in dem ich unrealistisches Zeug wie Lassie, Fury, Flipper oder gar Skippy im Fernsehen sah, bin ich lange heraus! Ich interessiere mich hier für die Künstler, so nett das ist, was sie dem Geschöpf an Tricks beigebracht haben.“ Er sah sich erstaunt im Kreise um, denn durch die Versammlung ging ein Aufstöhnen. Er zuckte die Schultern. Dachte daran, dass er es mit seltsamen Leuten, Künstlern, bekannt für ihren Spleen, zu tun hatte. In diesem Kreis war er wahrscheinlich der einzige Träger der nüchternen Vernunft, ähnlich einsam wie ein Schiffbrüchiger auf seinem Floß. Damit wandte er sich endgültig den nächsten Schauspielern zu.

Der Dompteur sprach beruhigend auf den neben ihm ein. Reichte ihm einige Brocken rohen Fleisches. Streichelte ihn. Doch der Tiger schüttelte unwillig den Kopf, ließ ein unterdrücktes Brüllen hören. Jetzt wandte sich der Interviewer doch noch einmal um. Und der Tiger sprang.

So ein echter Angriff eines Tigers sieht doch gleich viel eindrucksvoller aus, als ein noch so gut gespielter. Dachte sich der Regisseur. Doch er sagte nur: „Khan, großartig. Die Szene ist im Kasten. Du bist ein perfekter Schauspieler!“ Denn er wusste, dieser Tiger war eitel. Verstand sich als Teil des Teams, als Künstler, Schauspieler, Akteur.

(Der REGISSEUR tritt auf in 353., noch ein Weihnachtsfilm, 364., short subject, 372., Einmal als Regisseur arbeiten, 543., Makrameetische Ereignisse, 563., Der fehlende Name…)

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

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