(565.) Als ich damals in jenem Dorfe wohnte. Eine lange Erzählung

(Oder: Divination (modern: self fulfilling prophecy). Motto: „Oft bin ich verwirrt gewesen von den Abenteuern, die meinen Heldinnen widerfuhren und manchmal habe ich sie beneidet.“ (Regine Deforges, Lola et quelques autres u.a.))

Nur teilweise romantische, schier romanhaft ausgewachsene (letzte und ernstgemeinte Warnung! 27034 Wörter, 2023 (das ist nicht mein Geburtsdatum. Ganz so jung bin ich nicht mehr.) Zeilen, 275 Absätze! Und mit dieser Aufzählung sind’s schon wieder mehr. Wer nicht willens und energisch genug ist, der lese kürzere Beiträge, die gibt es hier ja auch!) Kurzgeschichte mit vielen Längen, aber auch aktionsreicheren Abschnitten, in denen es teils heiß hergeht.

  1. Intro

Als ich also, wie eben schon gesagt, damals in jenem Dorfe lebte, das weit über unsere Gegend hinaus für diese eine Bewohnerin bekannt ist, passierten etliche seltsame Dinge, die ich in Zusammenhängen mit ihr sehe. Mit ihr und den ihr zugeschriebenen Fähigkeiten. Ich wohne seit langem nicht mehr dort. Das war auch eine notwendige Veränderung. Ich war dort nicht mehr sehr beliebt.

Na ja, eigentlich war ich nie sehr beliebt. Aber am Ende meiner Zeit dort wirklich nicht mehr angesehen. Doch, angesehen wurde ich schon. Aber halt schief!

Um zu meiner Erzählung oder auch zur Begründung all des Folgenden zu kommen: ich wurde, da ich am Ortseingang lebte, ständig gefragt. Wo denn nun diese eine Frau wohnen würde. Diese Frau W., zu der alle wollten. Mit W. fing auch unser Dorf an. Weit und breit bekannt, zumindest bei den bestimmten und interessierten Personen. Sie kamen zu mir, fragten mich. Sie fuhren im Zickzack, sie fuhren im Kreise, diese einschlägig interessierten Kreise. und kamen wieder, fragten erneut. Das nervte.

Und ich begann, meine Antworten etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Dem Nordlicht erklärte ich, dass es zwei Orte dieses Namens geben würde. Der eine, den er meinte, sei weiter weg. Einen im Allgäu, den anderen im bayerischen Wald, wo die Leut‘ ähnlich verschroben sind, ähnlich drauf sind. Für den ollen Fischkopf wäre da eh kein Unterschied erkennbar gewesen. Dem nächsten verweigerte ich die Auskunft, da die wahrsagende Hexe doch wissen müsste, wo er gerade stecke, und ihn also gewiss und sicher zu seinem Ziele geleiten könne. Ein anderes Pärchen Wahrheitssucher wurde von mir zu einer romantisch einsamen Forsthütte geschickt, nicht eben nah und leicht zu erreichen, aber mit einer sehr guten Wegbeschreibung einschließlich ehrlicher Warnungen, die Geländeschwierigkeiten betreffend. Andere, die religiös wirkten, schickte ich zum Zwecke der Aufklärung zum Pfarrer, denn ich habe ein Faible für Absurditäten, solche, die ernsthaft krank zu sein schienen, vernunftgeleitet zum Arzt.

Das war erheiternd, aber nicht nur deshalb tat ich dieses. Sondern auch, weil ich Mitleid, zunehmend ungeduldiges, zorniges Erbarmen mit dem abergläubischen Gesocks hatte und es lieber auf einen rechten Weg weisen wollte. Und vor allem begann ich, denn ich neige in der Homöostase, im ausgeglichenen Naturzustande nicht zu solch desperaten Spielchen, damit erst, nachdem die Fronten geklärt waren. Was recht bald geschehen war.

Manchmal spielte ich das Spiel der damit ihr Geld machenden Geheimniskrämerin freilich auch mit, und das war dieser und ihren Anhängern auch wieder nicht recht. Wurde ein wandernder Fremdling irgendwo dort draußen von einigen vierbeinigen Rindviechern angegangen, so erzählte ich dem Schreckensblassen gerne, das sei ein Geisterstier, der ihn attackiert habe, und er sei nur mit viel Glück entkommen, übernahm die Geschichte des schwarzen Stiers* aus dem Windautal für meine freie Interpretation, diesem Mix zwischen Geistergeschichte und Fabel. Mit dem Hinweis darauf, dass mögliche Ursachen gleichzeitig die Heilung sein könnten – verwies sie also an die Dorfhexe. Alternativ einmal mehr an den Pfarrer, diesmal allerdings wegen Beschwörung, Teufelsaustreibung.

Lustig war die beständige, all dies begleitende, sozusagen immerwährende und ausufernde Diskussion mit dem Pfarrer, einem der wenigen vernünftigen Menschen im Dorf, besonders, als die Kirchenwand den nassen Fleck bekam und er Spenden für eine Renovation der Kirche sammeln wollte. Denn der Fleck war schneller als Jesus hätte sagen können „steh auf und geh,“ beispielsweise wieder weg von der Wand und „fahre in diese Säue,“ letzteres freilich hierzulande ein Sakrileg, ein Mirakel geworden, ein wundertätiges Heiligengesicht. Klarer Fall von Pareidolie. Oder Paranoia, Massenpsychose, Massenhysterie? Jedenfalls flossen die Spenden wie noch nie, jedoch verbunden mit der gestrengen Auflage, an dem sakrosankten Flecken nichts, aber schon gar nichts Freventliches zu beginnen, zu verändern.

Das kam mir in gewisser Hinsicht entgegen, bin doch sonst ich die seltsame eine Person, die überall und immer Seltsames in Alltäglichem sieht. Nicht nur Wolkenschäfchen oder Baumstumpfgesichter, nein, auch Gestalten in ganz Alltäglichem. Keine Bedeutungen zwar, Pythia bewahre, nein, nur Gestaltungen. An der gemusterten Toilettenfliesenwand, im Flug des weiträumig kleckernden Vogelschwarms, im zerlaufenden Kartoffelbrei, im auf die frisch aufgelegte Tischdecke verteilten Kaffeesatz.

Und damit war ich in das Revier der alteingesessenen Ortswundertätigen eingedrungen. Meine Erläuterung, dass ich zwar lustige, völlig bedeutungsleere Muster erkennen könne, aber deswegen weder weissagen noch auch nur die kleinste Beule heilen könne, bewirkte keine Besserung. Denn entweder man ist ein ganz und gar und durch und durch alltäglicher Mensch, der sich mit seinem Mist abplagt, wobei Mist im ländlichen Bereich meist wörtlich gemeint ist. Oder eben ein Einschichtiger. Einer von denen, die Wochenends mit einem gegabelten Stock über ein Feld rennen und gelegentlich in Zuckungen verfallen oder in einen Entwässerungsgraben stolpern, gerade, dass sie dann nicht „heureka“ ausrufen, wenn sie im endlich gefundenen H2O nebst Ammonium, Stickstoff, Kalium und anderem waten. Welcher Ausruf ihnen wahrscheinlich zu diesseitig – naturwissenschaftlich vorkäme und ihren geruchsintensiven Fund im Wert schmälern könnte.

Aber gleich zur Abmilderung sei gesagt, dass der ersterwähnte, der gewöhnliche und diesseitig gesinnte Mensch sein Leben eben aus seiner Perspektive sah. Vom Traktorsitz herab. Oder aus dem Küchenfenster. Und bei der gern, wenn auch seufzend, geübten Buchführung und Abrechnung. So saß ich nicht nur einmal in der Abenddämmerung in einer guten Stube bei guten, bodenständigen Leuten, gerade mit meinen Vermietern verstand ich mich lange gut. Auch später waren sie nicht unter die feindseligen zu rechnen, mussten aber doch bedächtig die Köpfe schütteln über all das, was ihnen so zu Ohren kam. Zu Beginn saß ich aber noch frohen Mutes dort, gemeinsam mit der Bäuerin zupfte und schnitt ich an Bohnen herum, sie befriedigte meine auf das Dorf und seine Einwohner mit zwei oder vier Beinen gerichtete Neugier, ich die ihre auf ein Stückchen große Welt. Sie konnte nicht verstehen, wie ein einzelner Mensch so oft umziehen mochte. Freilich war sie auch schon auf der Welt unterwegs gewesen, in der großen Stadt beim Einkaufen, bei einer schwierigen Geburt im auch nicht eben nahen Krankenhaus, zentral bei den vielen Menschen gelegen und mit weitaus zu wenig Kapazität ausgestattet, oder gar auf einer längeren Reise, das konnte man auch als Landwirt organisieren, wozu gab es Nachbarn, Verwandte und den Maschinenring! Aber zum einen war das etwas Seltenes, etwas Besonderes. Zum anderen mochte sie sich gar nicht vorstellen, dort draußen in der unübersichtlichen, hektischen Welt zu wohnen, ihr Leben zu verbringen! Ich nickte. Es gab Gründe, auch private Gründe, warum ich hier war, hier sozusagen pausierte, eine Auszeit nahm, Aussteiger light spielte. Gründe und Ereignisse, von denen ich schweigen wollte und will.

Draußen war es dunkel geworden. Und in seinen Gummistiefeln, die gelbe Regenjacke an, platzte und stapfte einer der Hofsprösslinge in unser trautes Zusammensein. Allerliebst sah der Dreikäsehoch aus, aber was wollte er? Draußen auf dem Felde waren sein Vater und die anderen, arbeiteten mit starken Scheinwerfern, die die Feldflur ausleuchteten und jeden mutwillig die Straße nutzenden Automobilisten gnadenlos blendeten, so schnell würde das Rattern der schweren Zugmaschinen nicht verklingen. Dorthin zu gehen war seine Intention! „Aber es ist doch dunkel,“ sagte ich leichthin und wurde von ihm mit einem abschätzigen Blick bedacht. Seine Mutter hielt sich nicht mit Gründen auf und sprach ihr Verbot aus. Da wurde der kleine Mann zornesrot! Mit wuchtigen Schritten stapfte er aus der Stube, donnerte die Türe hinter sich zu, nicht ohne vorher noch sein vernichtendes, endgültiges „ich bin der Huber Karl,“ – alle Namen und Orte und er ganze Rest sind unkenntlich, weil eh frei erfunden – „ich muss aufs Feld“ hinauszubrüllen.

Hier geht er, er kann nicht anders. Ich prustete, wollte loslachen, musste mich gewaltsam beherrschen, als ich das Gesicht der Bäuerin, die dann auch aufsprang, sah. Bevor sie hinauseilte blickte sie noch zu mir zurück: „Ganz der Vater. Sturschädel alle, ich weiß wirklich nicht, wie ich das aushalte!“ Und dann rannte sie dem Kleinen nach. Es gab ein heftiges Donnerwetter, und dann wurde ein heulender kleiner Landwirt in sein Zimmer geschleift und zu einem Manne der Arbeit unwürdigem Schlaf im eigenen vertrauten, ach so warmen Bette verdonnert.

Ursprünglich hatte der Kleine sich schon für die nächtliche Ausfahrt angemeldet gehabt, aber wegen eines Geschwisterstreits am Nachmittag waren derlei Vergünstigungen gestrichen worden, worauf der Gemaßregelte sein Recht wie beschrieben erzwingen wollte.

  • Cavallo und Bufo

Wenn ihr, die ihr dies lest, glaubt, das sei ein ganz spezielles Dorf von Verrückten gewesen, so täuscht ihr euch leichtfertig über die Wahrheit hinweg. Die Wahrheit über eure Nachbarn, ja, vielleicht über euch selbst. Und darüber, dass das in einer Geschichte eine gewisse lupenhafte Verdichtung erfährt. Natürlich gab es auch normale Leute. Wie den Betreiber des Ponyhofs gleich hinter meinem Häuschen, einem ehemals sogenannten Austragshäuschen, in das frühen einmal der Altbauer nach Übergabe des Hofes an den ältesten Sohn gezogen war und auf sein erwartbares leibliches Ende gewartet hatte.

Eigentlich betrieb man hinter dieser Hütte, viel mehr war es nicht, einen Pferdehof. Denn natürlich waren da nicht nur diese niedlichen, kleinen, kindgerechten, unverschämten, ständig irgendetwas anstellenden Ponys. Sondern auch die hellstimmig kreischende Bande der Halb- und noch weniger -wüchsigen. Und deren vielfältig besorgte Eltern. Und die größeren Pferde. Und deren Reiter. In manchen Fällen waren einbildungsvolle Eltern und elitäre Großpferdebezwinger ein- und dieselbe Person. Öfters aber auch nicht. Sondern auch selbst Pferde- und Ahnungslose, zum Teil aus der Stadt. Und da begann das Drama. Da waren zum einen die tierlieben Naivlinge, die die Pferdchen am liebsten in Freiheit, wahrscheinlich fröhlich hüpfend auf der Bundesstraße, über die sie selbst gerade gerast waren, gesehen hätten. Und die staksenden Hygienefanatiker, die es ganz entsetzlich fanden, wie dreckig und verkommen dieser Hof war. Ihr kennt sie, jene Leute, die an ihrer Hauswand nicht einmal die treue, nützliche Schwalbe dulden würden. Keine Heimstatt für niemanden, keim- und asylfreie Zone. Alles, außer ihrer werten Person, ist Schmutz, möchten sie nicht mal am Allerwertesten dulden. Oder genauso aberwitzig, es natürlich für völlig ausgeschlossen hielten, dass ihr Kind etwa den Platz abäpfeln würde, dem Gaul die Hufe auskratzen oder überhaupt sein teures Reitdress schmutzig machen sollte. Wozu sind diese Knechte denn da, also alle, die weniger versnobt daherkommen!

Ein Ponyhof also. Ich muss das erklären, das mit dem dummen Spruch, der von dummen Erfolgsgierern gern gebraucht wird. Ich erinnere eigene Versuche auf Pferdes Rücken. Und die der wirklichen Pferdemädchen.

Wobei das echte Pferdemädchen sich von dem Ponyhoftypus unterscheidet. Das echte Pferdemädchen ist sich nicht zu schade, auszumisten, abzuäpfeln, im Dreck zu stehen. Das Wohlergehen der Pferde liegt ihm am Herzen. Das Reiten ist eine schöne Zugabe und auch dabei darf es nicht wider des Pferdes Wohlsein gehen. Das heißt nicht, dass nicht Hilfen auch einmal grob gesetzt werden, sei es, weil die Befähigung der kleinen Reiterin noch nicht gegeben ist, sei es, weil der widersetzliche oder abgestumpfte Gaul nicht mitspielt. Handfest geht es zu, und gearbeitet wird da, das ist der Ponyhof von innen! Offenbar ist mit dem Spruch also etwas anderes gemeint. Eine mannhafte, motorisierte Sicht auf Dinge, die man eh nicht versteht und deshalb abwertet vielleicht?

Und es gibt ja auch diese anderen Pferdemädchen, die weniger den Ponyhof bewohnen, sondern ihn nur mit ihrer Anwesenheit zieren. Die die frisch gestriegelten, fertig gesattelten Tiere in ihrer sichtbaren, fühlbaren Kraft besteigen wollen, um sich selbst zu erhöhen. Die mitsamt ihren Eltern den Schmutz eine Zumutung finden. Denen die Unpaarhufer gehören.

Das Wohlergehen der Pferde? Mumpitz, allenfalls geeignet, dem Personal mal wieder zu bedeuten, wo es hingehört. Die anderen, die nicht wohlhabenden Mädchen, die sich ernstlich nicht scheuen, ihre Stiefelchen zu beschmutzen? Mit denen kann man doch kein vernünftiges Wort wechseln, die können doch nicht mal die angesagtesten Partytreffs und diesjährigen Modeartikel aufzählen!

Nein, hier geht es um die wirklich wichtigen Dinge, sozusagen schon um hohe Politik: wer ist wichtig, wer ist wichtiger. Mit wem muss man sich gut stellen, wen kann man zur eigenen Wertsteigerung miesmachen.

Sagen wir, Frau x trifft nach Jahrzehnten Frau y. „Ach, das ist ja so lange her! Was sind wir mit unseren Pferdchen über die Hindernisse gehüpft! Haben uns im Einreiten der kräftigeren Wesen geübt! War das nicht eine schöne Zeit?“ Das wird bejaht. Auch wenn sich y gut daran erinnert, dass sie von der Clique der x immer geschnitten und verspottet wurde. Aber man macht gute Miene zum bösen Spiel!

Beide Damen sind nach den üblichen, kostspieligen Maßstäben gut gekleidet. Beide beäugen, belauern sich während des Gesprächs, taxieren Wert der Ausstaffierung und etwaige mitgebrachte Begleiter, insbesondere männliche. „Ach, sie sind inzwischen verheiratet?“ „Ja, mit Konsul w.“ „Richtig, der wollte meinen Mann, den Abgeordneten p erst jüngst sprechen. Es ging da, glaube ich, um die Interessen dieses Entwicklungslandes, ach, eines dieser Länder, den Namen habe ich längst wieder vergessen, das ihr Mann vertritt. Soweit ich das mitbekommen habe.“

Es hat sich nichts geändert. Nur, dass Frau y richtig gehandelt und geheiratet hat und gesellschaftlich auf der Überholspur gelandet ist, ihr Mann jetzt in einer mächtigeren Position als derjenige der Frau x ist, denn er muss nicht bestechen, er muss bestochen werden! Früher hat man sich mit dem Geld der Eltern in den Vordergrund gedrängt.

Darum also geht es auf dem Ponyhof. Um die, die schuften, und um die, die sich mit deren Arbeit schmücken und den Pfauenkrieg ausfechten, der die Hackordnung auf diesem Hühnerhof bestimmt. Es geht also auf dem Ponyhof zu, wie im richtigen Leben, nein, auf ihm findet das richtige Leben statt, wird für das Erwachsenenleben trainiert.

Ein ganz anderer Problemkreis waren die Dorfbewohner selbst. Sie bekümmerten sich nicht um Ponys, die sie für überflüssig, allenfalls nur als Vehikel zum Melken überspannter Stadtbewohner, unter die auch Neusiedler am Dorfrand zählten, geeignet hielten.

Sie lebten ihren tradierten Kenntnisstand, gemischt aus Erfahrungswissen, wildwuchernden Annahmen und religiösen beziehungsweise abergläubischen Überlieferungen aus Urzeiten, deren Ursprung nicht die katholische, alleinseligmachende Kirche allein war, nicht das Christentum, nicht der Glaube an Wotan und Donar, nein, der gewiss weiter zurückreichte bis in steinige Zeiten, bis in Jäger – und – Sammler – Kulturen, in animistische Weltsichten. Die Ernte, denn wir leben seit langem in bäurischen Zeiten, war immer in hohem Maß Frauenarbeit. Aber mein Hilfsangebot, etwa beim Obst einmachen, Marmeladen einkochen, wurde schon mal brüsk abgelehnt, denn es war ganz undenkbar, dass ich als gegenwärtig menstruierende Frau daran teilnehmen könnte. Das würde zu rascher Verderbnis führen! Ich kann mich noch erinnern, dass mir nach der eindeutigen Ansage der Bäuerin die Röte ins Gesicht stieg, nicht mehr aber daran, ob es mehr die Schmach der Ablehnung war, die Wut über die Rückständigkeit oder aber die Scham, denn so sind wir eben, gerade wir Frauen, haben wir doch gelernt, uns für unser Sein zu genieren, über das Selbstverständliche peinlich berührt zu sein, statt freimütig nach draußen zu gehen, uns frei nach außen zu zeigen! Immerhin würde ich im Wald, in dem ich daraufhin spazieren ging, nicht den Angriffen verliebter Schlangen ausgesetzt sein, wie dies bei Indios in Südamerika offenbar für menstruierende Frauen angenommen wird. Aber die höchst aktiven Überreste der Taburegeln hatte ich soeben am eigenen Leibe, wie man so sagt, verspürt. Sie, die gesellschaftlichen Spielregeln und Gebote, durchdringen jede als dicht angepriesene Slipeinlagen und reichen tiefer in uns alle hinein, als jeder Tampon, egal welcher Größe.

Sie lebten hier eben ihre urwüchsige Naturverbundenheit, die sich zum Beispiel in stolzen Kommentaren der die so hübschen wie nützlichen Bauerngärten Pflegenden entluden wie: „da hab ich doch wieder so eine Krott,“ also eine Kröte, „erschlagen – das wüste Viech saß mitten in meinem Salat!“ Natürlich muss man sich derlei Dummheiten im breitesten Dialekt vorstellen. Auf entsetzte Kommentare meinerseits wie den, dass der Lurch, dass die Erdkröte Bufo bufo als reiner Fleischfresser doch die Schnecken und nicht den Salat verzehre, erntete ich ein erstauntes: „meinst du wirklich?“ Und dazu, hintenherum aber wohlbemerkt, schräge Blicke und Geflüster, denn allgemein ist doch seit alters her bekannt, wer sich mit Kröten und derlei Gezücht abgibt, nun, der setzt vielleicht auch seltsam spitze Hüte auf und fliegt in Vollmond- und Raunächten auf Besen.
Was mich wieder der völligen Ablehnung der allgemein anerkannt guten, weissagenden, gesundbetenden Dorfhexe aussetzte, die freilich vollkommen irregeleitet um ihr hart erkämpftes Monopol fürchtete. In mir eine gleichgeartete, wenn auch nicht gleichrangige Konkurrenz von außerhalb sah.

Es ist unklug und vorlaut, besseres Wissen ungefragt preiszugeben. Sagt doch schon Galia S. beim Daiquiri in „Haiti, mon amour“ aus „la Dèchaîne“ und ich bin ganz stolz, diese ganzen französischen Sonderzeichen auf der Tastatur, der Klaviatur der Schreiberlinge, gefunden zu haben – „Man hat nicht das Recht, die mit der Wahrheit zu überfallen, die sie nicht hören wollen.“ Es ist ihr Gedanke, nachdem sie eben fremdging und dies beichten wollte, dann aber das Geständnis, aber auch nur dieses, unterließ. Vermutlich wird sie für ihr ungezügeltes Verhalten weniger angefeindet als ich für meine vergeblich versuchte Krötenehrenrettung, doch das niedrige, feuchte Wollen, ob dabei das Einstehen für ein erdnahes Geschöpf, dessen Volk ohnehin so sehr von wuchernden Pilzen, allgegenwärtigen Autoreifen, ebenso verbreiteten Giften bedroht wird oder ob andererseits eine ihr freigelassen miasmatisch wucherndes Weibliches, gerichtet auf ihre Lust, ihren nächsten Orgasmus, gemeint ist, es wird nicht gerne gehört. Nicht von Ureinwohnern und anderen Patriarchen, nicht von Industriekapitänen, Bauern noch Verkündern der Frauenkeuschheit. Deshalb auch übergangslos und passend das nächste Kapitel.

  • Sexus oder die alte Baubo

Jedes Dorf hat einen Dorfdeppen. Hier war es der einerseits bemitleidenswerte Hans – Jörg, der in einer ärmlichen Hütte, wohl einer ehemaligen Waldarbeiterhütte, etwas außerhalb des eigentlichen Dorfes hauste. Er war, wie Ringelnatz gesagt hätte, etwas schief ins Leben gebaut. Auch körperlich. Eine normale Unterhaltung war mit ihm kaum möglich, ihm fehlten die Worte, mehr aber noch die Grammatik, der Satzbau. Verzweifelt versuchte er sich verständlich zu machen, wenn ihn etwas interessierte.

Andererseits, und das fehlt noch, entdeckte ich bald, dass er keineswegs ein nutzloser Idiot war. Vielmehr war er ein begehrter Fachmann, der freilich trotz seiner speziellen Kenntnisse keine Reichtümer verdiente. Er hatte ein außerordentliches Gespür für derlei, und wenn man ihn mit einem krummen Stecken über eine einigermaßen feuchte Wiese schickte konnte man sicher sein, dass er auf einen unter all dem sichtbaren Grün verborgenen Wasserlauf wies. Brauchte man bestimmte Kräuter für einen beruhigenden Tee oder auch ein weniger beruhigendes Gebräu: er kannte alle, alle Pflanzen und Tiere des Waldes und der Felder sozusagen mit Vornamen, den vollen Namen, den ihnen Gevatter Linné einst verliehen hatte, kannte er dagegen nicht. Und wir wollen gründlich sein: er kannte auch die Pilze, die ja nun mal nicht näher mit der überwiegend in frischem Grün prangenden Pflanzenfamilie verwandt sind.

Natürlich ging er auch bei der Dorfhexe, die mir ganz zu Anfang dieser Lebensepisode noch gar kein Begriff war, ein und aus. Brachte ihr unter anderem die Kräuter aus dem Wald und von den Sumpfwiesen. Ihm war ich schon öfter begegnet. Wenn ich selbst durch die Wälder streifte sahen wir uns oft. Wenn ich mit technischer Hilfe, Fernglas oder Makroobjektiv, etwas näherer Betrachtung unterzog war er oft zu mir gekommen, etwas scheu, doch neugierig. Und ich hatte ihm gezeigt, was das bloße Auge nur unvollkommen wiederzugeben vermag. Deshalb dachte ich auch, er wäre ein mir freundlich gesinnter, wenigstens doch ein neutraler unter den Dörflern. Aber da sollte ich mich getäuscht haben. Damals begann eh die Zeit erklecklicher Irrtümer.

Als ich über eine bereits schmerzhafte Warze klagte schleppte er mich zu ihr. Zur Hexe. Und schon meine beiläufige Bemerkung, ob es denn hier in der Umgebung keinen Arzt gäbe, vergiftete die Atmosphäre spürbar. Was man schulterzuckend sagen muss: die leidige Warze ist weg.

Bei der Gelegenheit fiel mir das vertraute Verhältnis des Hans – Jörg und der weitaus älteren Heilerin auf. Ich interpretierte meine Beobachtung völlig fehlerhaft. Im Weggehen murmelte ich noch, und nicht nur, weil nach alter Tradition hinter dem Häuschen im Schuppen eine Sau dem herbstlichen Schlachtfest entgegengrunzte: „Schau, schau – Hildisvini, Freyas Reittier hinterm Haus. Hys – hystera – Hecse. Die Sau, die Gebärmutter, die unheimliche Grenzreiterin, die sich ständig an der Grenze des Lebens und des Todes aufhält, wo niemand sonst sein will, die aber auf der grenzziehenden Zaunlatte reitet oder aber auf dem schamanischen Trommelschlegel. Sie reitet, heißa und hussa, auf dem Schlegel des Schamanen, auf dem Schlegel – das wenig philosophische Ding, nicht der Mann und Altphilologe -, den der gute Schiller seiner Glocke nicht gönnen wollte, obwohl er selbst von mehreren Kindern Vater genannt wurde. Mit diesem, auf diesem Schlegel reiten sie in die Geisterwelt, in die Ekstase.“ Und fröhlich zitierte ich auf meinem immer düsterer werdenden Weg waldeinwärts aus dem Faust: „Die alte Baubo kommt allein/Sie reitet auf einem Mutterschwein.“ Mir war nicht aufgefallen, dass ich beobachtet wurde. Sonst hätte ich nicht wie irr zu kichern begonnen und begeistert „Fack mit Knoschpen“ ausgerufen. Was man vielleicht erklären muss. Ja, es ist Dialekt. Und zwar nicht ganz zur Region passend tirolerisch. Aber wie es in den Tiroler Sagen heißt wurde eine ungehörige Schweinehirtin mitsamt ihren Holzschuhen – tiefer im Bergland eben Knospen genannt – verdammt, als Schwein umzugehen. Dass man mit dem Schwein, mit der Sau insbesondere sexuelle Ausschweifungen verbindet, ihnen eine gewisse Orgasmusbefähigung zuerkennt ist bekannt, also jetzt endlich auch, in welche Richtung meine Gedanken gingen. Was wollte die Alte mit dem mir so harmlos erscheinenden jungen Dummkopf anfangen? Na eben, außer mit ihr in die Pilze zu gehen, was wohl! Und dass beide in Holzschuhen herumgelaufen waren, die wie selbstgeschnitzt aussahen, war mir gleich aufgefallen. Erst später lernte ich, und ich habe mir ebenfalls solche Schuhe zugelegt und trage sie gelegentlich vielleicht einmal wieder, wenn ich sie nicht im nächsten Freudenfeuer verbrenne, dass Hans – Jörg zu seinen vielen Fähigkeiten auch eine gewisse Gewandtheit im Schnitzen zählte und diese Schuhe selbst herstellte. Er fertigte auch Masken an, versuchte sich an den Heiligen und immer wieder an Fratzen, die eher böse Geister abwehren mochten.

Wer weiß, welche Erscheinungen die arme, einsame Seele plagen mögen. Und wie ihn seine Mitmenschen plagen wollten. Wie ihn die alte Frau ausnutzen, aussaugen würde! Wie gesagt, ich täuschte mich sehr. Und meine schweinische Phantasie hätte besser keinen Ausdruck gefunden. Auf einmal trat ein Forstmann auf den Weg und sah mich fragend an. Ich lächelte entschuldigend, stotterte etwas von Theater und dass er doch sicher den Faust, also den bekannten, das Theaterstück von dem vielzitierten Herrn Goethe kenne, nicht etwa meine keineswegs bedrohliche Hand. Da lachte auch der Förster, wenn auch auf höchst zweifelhafte Weise, und meinte, er könne sich zwar nicht mehr recht erinnern. Aber ein Ferkel mit Holzpantinen sei seines Wissens weder im ersten noch im zweiten Teil vorgekommen. „Ach ja, ach ja,“ antwortete ich schnell, über und über errötet, „das, hm, das war nur so eine Idee. Weil ich grad Holzschuhe gesehen hab und ein Schwein…“ Meine Stimme erstarb. Es war ja auch keine eloquente Erläuterung meiner vorherigen Äußerungen und arg weit weg von meinen wirklichen Gedankengängen. „So wie die von dem da, nehme ich an,“ sagte der Förster und wies auf Hans – Jörg, der nun ebenfalls, wenn auch hinter mir, auf dem Wege stand. Er war mir offenbar gefolgt! Hatte alles gehört, wenn er es auch sicher nicht sinnvoll interpretieren konnte. Das war auch einem intelligenteren Menschen als ihm nicht gut möglich, denn das, was ich laut geäußert hatte waren doch nur zusammenhanglose Fetzen.

Nein, es ist wahr. Ich hatte die ganze Zeit gedacht, dass sich die Alte zusätzlich zu Kräuterlieferungen von dem Dorfdeppen auch noch ihre sonst wohlverborgenen sexuellen Gelüste befriedigen ließ. Und noch in der Rückerinnerung schäme ich mich dieser falschen Gedankenverbindung. Da der Forstmann in die gleiche Richtung ging wie ich, Hans – Jörg zog es vor, wieder umzukehren, unterhielten wir uns weiter. Auch über die Heilung von Warzen. Mein Begleiter nickte: „Ja, das macht die Heilerin gut. Die zaubert auch einiges aus den Kräutern, die ihr ihr Sohn immer bringt.“ Ich blieb abrupt stehen: „Ihr Sohn? Hans – Jörg ist ihr Sohn?“ „Freilich. Was haben sie gedacht? – aber es stimmt, es wird da nicht groß darüber gesprochen. Denn zum einen, nun, sie haben Hans – Jörg ja kennengelernt. Bei allem, was er kann, nicht der Sohn, auf den die Mutter stolz sein kann. Als Heilerin zweimal nicht. Zum anderen ist es so eine Geschichte, die einer braven Kirchgängerin nicht eben zuträglich ist. Ich weiß es ja auch nicht genau, nur was man im Lauf der Zeit so mitbekommt. Aber es scheint eine kurze Liebschaft gewesen zu sein, vielleicht sogar, wie man heute sagen würde, ein One-Night-Stand. Also ledig, ohne kirchlichen Segen. Wie gesagt, besonders für eine so spezielle Frau schon ein Problem und auf dem Dorf immer noch ein uferloses Gesprächsthema. Oder eben das Thema, über das ebenso beredt geschwiegen wird.“ Wir waren inzwischen natürlich weitergegangen. Und wir sprachen auch nicht nur über uneheliche Kinder. Vielmehr wurde ich ausgefragt, denn ich war auf meiner ständigen Pfadsuche im Wald immer wieder von ihm gesehen worden. Und als Verantwortlicher für Busch und Baum will man doch wissen, wer sich da herumtreibt! Ich gab also redlich Auskunft. Verwies auf Fotoapparat und Spektiv und wir kamen schnell ins fachliche, was unter anderem die zahlreichen, meist verborgenen gefiederten Bewohner unserer Umgebung anbelangt. Er war ein echter Förster, also einer, der nicht nur und ausschließlich den Wald in Holzmetern und zu erzielendem Preis berechnet, sondern in seinem Ökosystem ganz zuhause ist. Da war also jemand, der die Geschöpfe der Natur nicht nur, wie Hans – Jörg, mit Vornamen kannte, sondern auch ihren Platz in der großen Systematik des Lebens und den diesen festlegenden Doppelnamen. Deshalb fragte er jetzt auch nochmal: „Baubo? Was war denn das, hat das was mit einem Uhu zu tun?“ „Bubo bubo? Nein, gar nicht! Das Einzige, was hier mit Eulen zu tun hat, ist, dass wir somit Eulen nach Athen oder allgemeiner Griechenland tragen, und das wäre ja Athene noctua, der Steinkauz. Wir reden über griechische Götter, und die scherzfreudige und höchst unanständige Begleiterin der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter war die Baubo, was im Übrigen so viel wie Bauch oder Schoß heißt. Die Baubo oder Lambe konnte auch als Schreckdämon gesehen werden, aber immer in Verbindung mit weiblicher, ungezügelter Sexualität, hier auch die Verbindung zum Schwein, das ja vor allem für Fruchtbarkeit steht. Goethe in Faust Eins – wie man ja überhaupt die alten Götter nach der Christianisierung gern verteufelt hat – lässt sie als Hexe auf einer Sau zum Blocksberg reiten.“ „Ach. Na, da war ich ganz falsch. Aber wie sind sie denn bloß…?“ „Ach, das lässt sich kaum erklären. Nein, wie ich gerade auf das Theater und auf Goethe kam, weiß ich nicht mehr, aber das mit den Holzschuhen, das waren hölzern klappernd Mutter und, wie ich jetzt weiß, Sohn. Und hinterm Haus quiekte und lärmte die Sau im Koben – irgendwie kam so die Gedankenverbindung. Schon Heinrich Heine wollte den Faust ja als Tanztheater, als Ballett sehen – und ich war gerade dabei, eine Art Holzschuhballett, einen Schuhplattler womöglich dabei, zu entwickeln. Nicht mehr als ein Gedankenspiel bis dahin.“

Puh. Eine hübsche Notlüge hatte ich mir nach stotterndem Anfang zurechtgebogen. Dabei hatte ich ganz andere Sauereien im Kopf gehabt. Zur Buße sollte ich wohl ein Holzschuhballett aller Gestalten der Verdammnis entwickeln. Und darin selbst unbeholfen tanzen, bis dass die Füße brennen. Geradezu an Boschs Gemälde erinnernde Bilder erschienen vor meinen Augen.

Ja, den Förster sah ich noch öfter. Er brachte mir die harmloseren einheimischen Essbaren bei. Ich war durch lange Aufenthalte im nördlichen Sprachausland schon ganz entwöhnt, da wies er mich an, doch die Rehlein, also ja, er sagte „Reherl,“ zu pflücken, zu ernten. Dort unter den Rottannen, den Fichten, Picea albies, von denen einige bald schlagreif seien. Und ich schaute erstaunt: „Rehe? Capreolus capreolus, einheimischer Trughirsch? Einfach so? Ich dachte immer, die müsste man erst totschießen!“ Falls welche in der Nähe gewesen sein sollten waren sie das nicht mehr, denn er lachte dröhnend über meinen Witz. Erst als er merkte, dass ich keinen solchen gemacht hatte, besann er sich: „Ach so. Ach ja. Bist ja nicht von hier. Manchmal vergesse ich das ganz. Wie war das noch, jetzt muss ich überlegen: ach ja, genau. Pfifferlinge, Eierschwammerl, Cantharellus cibarius!“ Und mir fiel es wie ein sprichwörtliches schuppiges Pilzgeflecht von den Augen oder besser Ohren, natürlich kannte ich den Begriff, erinnerte ihn jetzt wieder und roch gleichsam mit den Pilzen den Geruch der Kindheit, der Erinnerung.

Den Mann im Walde sah ich, wie gesagt, noch oft, sowohl dort als auch in dem Wirtshaus, einem dieser typisch ländlichen Gehäuse für die Männer. Sonntags vielleicht auch mal Familien, aber Wochentags, abends, denn sonst hat der Mensch ja doch keine Zeit vor lauter Arbeit, ausschließlich Männer. Es war also ein Fehler, dass ich mich dort sehen ließ. Allein. Ohne männliche Begleitung, etwa bei einem Familienfeste.

Als Durchreisende, na schön, als Besucherin. Aber als eine, die hier wohnt, hier dazugehören will? Böser Missgriff. Das ist doch nicht der Ort für eine Frau. Als Bedienung, ja, das schon. Ich aber setzte mich an einen Tisch, einige Meter entfernt waren die Honoratioren, der Pfarrer, der Bürgermeister, gleich neben mir fielen mit harter Hand geführt die Karten auf den Tisch. Sie wurden geklopft. Es dauerte lange, bis ich bedient wurde.

Bisher war ich nur einmal hier gewesen. An meinem ersten Tag, als ich noch nichts zu essen im Haus hatte. Auch da war es nicht gerade so gewesen, dass sich der Wirt um diese neue, gewöhnungsbedürftige Kundschaft gerissen hätte. Aber heute dauerte es noch länger. Dafür sprachen mich die Kartenspieler an, machten extra eine Pause. Einer tat sich hervor, er wollte, er musste mich provozieren. Ob ich mitspielen wolle? Oder ob sie dann fürchten müssten, und man sieht, dieses einschlägige Gerede fing früh an, dass sie verlieren würden, weil ich ihre Karten wissen würde. Ich hielt das noch für einen Scherz und reagierte entsprechend: „Na, eine Karte erraten. Das kann nicht so schwer sein. Ich schau nicht hin und sage ihnen, was sie in der Hand haben!“ Der, der gerade mischte, teilte aus. Ich aber hatte mich abgewandt. Und tatsächlich rief mir mein Herausforderer zu: „Nicht schummeln! Was halte ich in der Hand?“ „Acht Spielkarten.“ „Was?“ „Acht Spielkarten. Ich bin mir ziemlich sicher.“ „Ja, natürlich halte ich die, aber welche?“ „Also, ob das natürlich ist… Aber lassen wir das. Welche? Na, aus dem Spiel, so abgegriffene. Hinterseite mit so einem kleinformatigen grünen Muster, auf der Vorderseite irgendwelche Symbole. In vier sogenannten Farben. Eichel, Gras, Herz, Schelle. Na? Stimmt doch, oder?“ Es dauerte einen Moment, dann, ich sah wieder hin, kam langsam Verstehen auf. Mein Gesprächspartner lief rot an, die anderen aber auch, aber diese mehr aus Heiterkeit, sie prusteten los, trommelten auf den Tisch, es war ein ziemlicher Erfolg. So gesehen. Freunde macht ich mir so aber keine, nur einen Feind mehr.

Aber nicht den Forstmann. Der blieb mir weiter gewogen. Mein Interesse für Wald und Flur, was dort lebt und die Zusammenhänge der gestörten Lebensgemeinschaften gefiel ihm. Mir sein jungenhafter Mut, ihm meine, wie er andeutete, Altersweisheit. Dabei war ich keineswegs, was uns beiden sehr bewusst war, seine Mutter, es gab keine gegebenen Einschränkungen, er hieß nicht Ödipus, ich nannte ihn nicht Sohn. Doch vielleicht war ich ja die Sphinx? Und wie oft und bei welchen Gelegenheiten ich ihn im recht einsamen, abseits gelegenen Forsthaus besuchte, das weiß außer mir nur er. Wir können beide durchaus auch schweigen. Etwa abends im Wald.

Wo ich gerne war. Auch in dunkler Nacht. Statt, wie sogar der kleine Bauersmann, im trauten Bette. Denn die armen Seelen plagten die meine. Womöglich aufgrund meiner fehlgeleiteten, unfreundlichen Gedanken träumte ich oft schlecht. Zum Beispiel dies:

Dort, in jener lichtlosen Einsamkeit, zwei Schritt neben der Realität, flattern sie umher, umschweben dich und mich zu jeder Stunde, zu jeder Minute. Sie flüstern, sie sprechen Geheimnisse aus, doch unhörbar verklingt dieses Gewisper dort, jenseits der absoluten Schranke.

Sie schweben in einem Nichtsein, das auch die Schwere nicht kennt. Und werden gedrängt, davon auch handelt ihr zwitscherndes Klagen, zu kommen, die Grenze zu überschreiten, hierher zu wechseln, zu fallen. In die Wirklichkeit, in den umfriedeten Raum der Gesetzmäßigkeiten.

Doch sie wollen nicht, sie schwirren davon, wenn der grause Fänger mit seinem Kescher kommt: „Hoho, meine Kleinen, es ist Zeit, geboren zu werden! Herbei, ihr kleinen Seelchen, hinaus in die wilde Welt!“ Immer wieder erwischt er ein paar, rupft ihnen die feenhaft durchscheinenden, substanzlosen Flügelchen aus und stopft sie in ein wucherndes Materiegebilde, einen Zellklumpen.

So beseelt wächst der Embryo heran. Es handelt sich also immer um eine intrazytoplasmatische Psycheninjektion, eine künstliche Beseelung. Der grause Fänger ist auch ein grauser Stopfer und kann das.

Die Seelchen wehren sich. Sie wollen ihre Nichtwelt nicht verlassen. Sie wollen weiter nicht sein. Freilich sind sie, einmal gefangen, hilflos, aber sie kreischen und zappeln und wollen, selbst noch flügellos, entfliehen. Zurück in die Unwirklichkeit jenseits des Dämmerns.

Denn sie wissen, sie sind verurteilt, verdammt. Mit diesem eklen Zellhaufen zu wachsen und zu leiden, krank zu werden, wieder zu schrumpfen, Schmerz und Not zu dulden und endlich zu verenden. Selbst darüber zu altern, an Schwerelosigkeit zu verlieren und in eine unbekannte Zukunft jenseits des Grabes, gedacht für die schwerfälligen Leiber, gestoßen zu werden. Man sagt sogar, man flüstert sich, sie würden danach streng nach irgendwelchen Regeln, die keiner kennt, beurteilt und womöglich noch über den Tod ihrer plumpen Trägersubstanz hinaus gequält, gefoltert.

Nein, kein Seelchen möchte in die Wirklichkeit hineingeboren werden, zum Tode hin geboren werden. Sondern jenseits des Seins und der Zeit dahinflattern, unhörbar wispernd.

Ja, das war ein Albtraum. Beängstigend und doch nur dem Wortsinne nach unwahr, möchte man meinen, selbst, wenn einem die Ideen Rudolf Steiners und aller anderen Spekulanten in Jenseitigem fremd sind, man von Seelenwanderung noch nie gehört hat oder nichts davon hält.

  • Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als eure Weltweisheit sich träumen lässt (oder so ähnlich)

Bei meinen Gesprächen mit dem ehrwürdigen Herren Pfaffen kam es zu mancherlei interessantem Disput. Doch meist blieb es bei belanglosem Austausch von Wörtern, die bekanntlich fast beliebig mit Bedeutungen zu füllen es sich jederzeit gefallen lassen, wie es für herumhurende, aus züngelnden Mäulern gespiene, in beliebige Ohren eindringende Laute nun einmal Gewohnheit ist. Er fragte mich, ob ich eine Ungläubige sei, eine Gottlose. Ich meinte, dass ich Aberglauben bewusst ablehnen würde, ließ aber tunlichst offen, was ich unter Aberglauben subsumiere.

„Ah, sie glauben nur, was sie sehen oder berühren können?!

„Keineswegs! Nicht nur, dass wir mittels diverser Apparaturen längst gelernt haben, dass unsere Welt aus mehr besteht, als wir mit unseren einfachen Sinnen erfassen können, aus winzigen, teils gefährlich krankmachenden Keimen, ebenso aus den Keimen, die das Leben erst bewirken. Nicht nur aus Strahlen und Wellen und Teilchen, teils noch von allem und allen unerfasst, teilweise bekannt und doch immer wieder selbst den klügsten Gedankenfallen und Milliardengräbern – und hier meine ich nicht die Banken – in den tiefsten Schweizer Bergen entwischend. Sie wissen schon, Teilchen oder Welle, Zustand oder Ort. Aber ich bin überzeugt, dass da noch viel mehr ist, das uns beeinflusst oder zumindest, könnten wir es fassen, unser Weltbild verändern würde.“

„Dann erkennen sie hinter dem ganzen einen Weltsinn?“

„Nein. Das wäre mir zu spekulativ und vor allem zu vermessen im noch gänzlich Unermesslichen. Das ist es ja gerade: Das Erfassbare zu erklären fällt uns schwer genug. Bedeutet ein ums andere Mal, dass wir Irrtümer zugeben zu müssen. Aber Gesetzmäßigkeiten, Regeln für das Unbekannte, Unerkannte aufzustellen, für Götter und Geister, für Vermutetes, Erfundenes, für Wasseradern, Wassermanns Zeitalter, Weissagungen und wässrige Nixen, nein, das ist mir zu viel. Kurz: Ignoramus, ignorabimus. Es gibt etwas, das ich nicht kenne, kennen werde, erkennen kann. Und ich bestreite des Menschen grundsätzliche Fähigkeit hier irgendetwas mit seinen Sinnen erkennen und dann auch noch deuten zu können!“

„Aber wenn nicht mit den Sinnen, so doch mit dem Glauben?“

„Mit wem?“

Freundlich lächelnd, denn das kann ich ganz gut, gerade wenn ich eben ein paar spitze oder hintersinnige Bosheiten anmerken konnte, wandte ich mich zum Gehen. Noch nicht ahnend, dass die ungute Fortsetzung schon lauerte, freilich von ganz anderer Seite, denn als ich langsam und in Gedanken versunken, Gedanken, in denen der arme Pfaffe – ein allmählich alternder Herr, aber ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste! – keine schlechte, wenngleich nicht zwingend angemessene Rolle zugewiesen bekam, über die bekiesten Pfade zwischen den Gräbern ging war ich bereits nicht mehr allein.

Als sie sich mir auf dem Kirchhof nahte, ihr lächerliches weissagendes Pendel hin- und herschwenkend wie qualmgeschädigte Ministranten den vernebelnd wabernden Weihrauchkessel, bekam ich es mit der Angst. Welche man sich angeblich nicht anmerken lassen soll, nicht vor übellaunigen Raufbolden noch bissigen Hunden noch, wie im gegebenen Falle, ganz eindeutigen Hexen.

„Ich habe dich gesehen,“ kreischte sie schon vor weitem, die doch eher besinnlich – ruhige Würde des Ortes missachtend, „gesehen bei deinen Übeltaten! Abgebildet bist du in der übelsten Weise! Mir wurde ganz übel, als ich die Muster im Kaffeesatz las!“

„Drum beschränke ich meist lieber auf das Trinken des Kaffees und lese die unsinnigen Nachrichten in der Zeitung, von denen einem oft genug auch übel werden kann,“ murmelte ich. Doch sie schrie weiter. Was mir einfalle, Unfrieden in ihr Dorf zu bringen. Ob ich mir im Klaren über die Kräfte, die ich entfesseln würde, sei. Ob ich sie etwa gar verdrängen wolle!

„Nein, das liegt mir fern. Außer gelegentlicher, ausschließlich, wenn es mir eh schon schlecht geht, Krommyiomantie halte ich mich von allem magischen Zeug fern!“

„Ah, du gibst es zu! Dein heidnisches Spukwerk! Deine Teufelskünste!“

„Nein, ich schäle Zwiebeln, und schon muss ich heulen. Und Grund genug finde ich schon, keine Sorge! Das ist meine ganze Zauberkunst, das also ist der Zwiebel Kern!“

„Was willst du mit deinen Zwiebeln, Höllenweib?“

„Na, eben das. Krommyiomantie ist bekanntlich die Wahrsagung aus Zwiebeln. Eigentlich will ich die nur essen, aber dieses kommunikative Kondolenzgemüse bringt mich immer dazu, an was Trauriges zu denken! Ja, früher gab es vielleicht auch mal Zeiten, in denen ich Lekanomantie, also Beckenwahrsagung betreiben konnte“ – ich musste kichern, das ist oft ein Effekt, der mir schon viel Ärger eingebracht hat, ich kann den Ernst der Lage einfach nicht ernst nehmen – „, wenn ich mein Becken auf ganz bestimmte Weise bewegte konnte ich ziemlich sicher sein, wie der andersgeschlechtliche Beobachter darauf reagieren würde!“

„Du babylonische Hure! Du Teufelsweib!“

„Hier liegt eine Verwechslung vor, vielleicht auch die babylonische Sprachverwirrung zwischen uns, die wir ganz anders reden und denken. Ich dachte immer, die Dorfhexe, die teuflische, die sei dieses hässliche alte Weib, das mir gerade gegenübersteht. Nicht ich, obwohl ich „eine dieser Frauen werden“ könnte, „die zwischen Kochkessel und Spinnrocken ein böses Alter haben,“ wie es in Les Ames Brulantes von Thibaux heißt. Ich bin nicht die Priesterin Babylons, habe nichts mit denen da draußen am Hut, nicht mit den streunenden Pariahunden, den Zauberern, den Unzüchtigen, Mördern, Götzendienern und Lügnern. Vor allem Letzteren, wenn sie vorgeben, irgendetwas herbeisprechen oder gesundbeten zu können.“

„Lügnerin, was redest du da?“

„Nun,“ meinte der herbeitretende Pfarrer, „sie versucht sich am Johannesevangelium. Aber mehr verstehe ich auch nicht, bitte aber auch, dass ihr euch hier, meine Damen, auf dem geheiligten Grund nicht weiter streiten und anschreien möget!“

„Das ist doch kein Problem,“ meinte ich, aus dem Mysterienspiel aus „Wie weit ist die Nacht“ von Carlo Fruttero und Franco Lucentini zitierend in der beruhigenden Sicherheit, dass das eh keiner kennen würde, „in den Tempeln von Babylon ist man nicht so heikel.“ Hier hatte ich keine Lampe nach Regievorschrift und wies nur mit meiner Hand in die Runde und auf die ehrwürdige Kirche, so dass auch so klar wurde, was oder wen ich meinte, „Wir haben alle Unterschiede, allen Abstand und alle Rangordnung abgeschafft und natürlich jeden Schatten und jedes Geheimnis. Wir haben alles vereinfacht und transparent gemacht, wir können über alles diskutieren und debattieren, weil hier keiner mehr weiß als der andere. Außerdem garantieren wir das Heil allen ohne Unterschied, die an uns glauben.“

Meine reichlich paradoxe Intervention trug unmittelbare Früchte. Beide Zuhörer waren verstummt und starrten mich gleichermaßen verwirrt und entsetzt an. Deshalb deklamierte ich lauthals aus demselben Text, mich umwendend und davonstolzierend, gleich noch: „Aber ich sehe dort Männer und Frauen zwischen den gestürzten Altären und abgebrochenen Kreuzen miteinander tanzen und mit Ziegen und Wildeseln Unzucht treiben und Brennnesseln und Dornen essen. Wie kann ein solcher Ort ein Gotteshaus sein?“ Wildesel, man denke! Wie haben die guten Babylonier das angestellt, wenn es schon Pferdehengste mit ganz gewöhnlichen Hauseselstuten schwer haben, während Pferdestuten von Eselshengsten für, sozusagen, leichte Mädchen gehalten werden? Aber dieses letzte sagte ich nicht laut. Wäre mir das sodomitisch gedankliche Bespringen über die Artgrenzen hinweg hier wieder einmal doch nur böswillig ausgelegt worden.

Der Priester murmelte kopfschüttelnd und fast unhörbar, doch meine Ohren waren noch scharf, ich sei nun völlig durchgedreht. Und habe seine Botschaft und meine weltliche Kritik verwechselt, durcheinandergebracht und endlich mich in Fangstricken unaufgelöster Gedankengebilde verwirrt. Ich sei ein armes, verirrtes Schaf.

Vernehmlicher war die Dorfhexe zu vernehmen: „sie gibt es zu! Sie will unser Dorf ihren Teufeln ausliefern, sie will uns vernichten, sie will in der Kirche schwarze Messen feiern! Sie ist es, sie ist eine Hexe! Eine Schadzauberin! Schwarze, schwärzeste Magie!“

Der Pfarrer sah sie scharf an und sagte nur: „Unsinn!“ Dann wandte auch er sich. Ich rief, etwas aufgebracht und im Weitergehen mit lauter, sich überschlagender Stimme: „Nomen dubium!“ Die Alte kreischte: „Sie gibt es zu und verflucht uns! Versucht uns zu verhexen!“ Der Pfarrer wiederholte sein: „Was für ein Unsinn! Sie hat doch nur etwas von einem zweifelhaften Namen gesagt!“ „Sie missbraucht die Sprache der Kirche für ihre heidnische Teufelsanbetung,“ schrie nun wieder die Dorfhexe. Unbeleckt von jeglicher Selbstkritik sah sie die unerlaubte Ausübung von Magie nicht im eigenen Tun. Doch der Pfarrer war zurück zu seinem frommen Bauwerk gegangen und auch ich war dem Ausgang des Hofes nahe, wir würdigten sie keiner Antwort mehr.

Allein stand die Alte und flüsterte, denn sie wollte den Kirchenherrn nicht über Gebühr ärgern, die grässlichsten Flüche hinter mir her. Ich hätte vor Angst vergehen sollen. Der Blitz treffe sie!

Ob sich da was machen ließe? Ich bräuchte dazu halt eine funktionstüchtige Wetterhexe. Schon wieder musste ich kichern, ein sicheres Zeichen dafür, dass es nichts zum Spaßen gab.

Es gab nichts Spaßiges und würde nichts dergleichen geben, nichts Harmloses zum Mindesten. Gerade zu der Zeit vernahm ich vom Hörensagen, dass man, gar nicht lange her, eine Frau ausländischer Herkunft mit Schlägen und Steinwürfen aus dem Dorfe vertrieben hatte. Nicht aus bloßer, animalisch primitiver Fremdenfeindlichkeit. Sondern weil ihr fleißig arbeitender Mann, der sich zum Glück bei der Trennung von seiner Frau in der nahegelegenen Stadt, nahe seinem Arbeitsplatz, niedergelassen hatte, von ihr mit bösen Worten verabschiedet hatte. Lautstark hatte er über sie geschimpft, teilweise in seiner Sprache, die niemand verstand und die alleine schon deshalb unheimlich klang, teilweise durch seine phantasievolle Wortwahl, als er seine Meinung allgemeinverständlich, also deutsch radebrechend, wiedergeben wollte. Ein paar Schimpfworte kannte er ja schon, die lernen sich schnell, und so kombinierte er diese mit seiner so bösen „Exe – Frau.“ Diese, ein garstiges Weib offenkundig, hatte im glücklich erreichten fremden Land sehr schnell erkannt, dass selbst auf dem Dorfe die holde Weiblichkeit ganz andere Freiheiten als in ihrer Heimat üblich genoss und wollte unverschämterweise daran teilhaben. Was natürlich ihrem auf Sitte und Anstand bedachten Manne nicht gefallen konnte, was würden denn die anderen sagen, nicht einmal seine Frau im Griff zu haben ist ja wohl das unmännlichste, was einem nachgesagt werden kann! Das war zwar nur so halbwegs im Dorfe bekannt und akzeptiert, aber seine Wortwahl hatte verständlicherweise sogleich dazu geführt, dass man nickend feststellte, jetzt sei ja alles klar. Eine ausländische Hexe. Das ist ja wohl das Allerletzte, was man in seinem braven Dorfleben haben möchte, oder? So war die Reaktion der Dörfler, treibend dabei durchaus die Frauen, nachvollziehbar und in sich logisch gewesen. Die Nachbarin, die mir angespannt und in erregten Worten, die Aktion war noch nicht allzu lange her, davon berichtete, sie hatte mutig den ersten Stein geworfen, war über meine Reaktion ein klein wenig verunsichert, als ich meinte: „Ah, der Mann hat also über seine Ex, wie er sagte, Ex – Frau gesprochen? Seine Verflossene, auf die er, wie das ja meist so ist, nicht eben gut zu sprechen war? Über sie geschimpft hat, böse, teilweise verlogene Behauptungen aufgestellt hat?“

Ich hatte den ersten, vorsichtig vorgebrachten Dorfgemeinschaftstest anscheinend nicht bestanden.

Wie dumm muss man eigentlich sein, der Volksmacht, der regionalen Macht mit Bildung, mit Wissen begegnen zu wollen? Oder gar damit, das Gegebene zu hinterfragen? Ist es nicht alte Lehre, dass dies nur den gerechten Volkszorn weckt, zu Lynchjustiz führt und gerade die Dummheit befördert, siegen lässt und den nächstbesten bösartigen Populisten an die Macht spült? Dass die Anhäufung von Menschen und ihrer eigenen Karikatur in der Masse, sei es auf dem Marktplatz oder im Internet, immer nur das Übelste hochspült, insbesondere das Denkbar Dümmste, ich stimme hier ganz mit Leopold Löwenfeld überein. Dass dieser nicht nur über die Dummheit der Masse geschrieben hat, sondern dabei auch als Pionier der Sexualpathologie gilt, ergänzt sich meiner Meinung nach trefflich. Oder nehmen wir den berühmteren Physiker als Stichwortgeber: mag das Universum unendlich sein oder nicht – die Dummheit ist es. Und sie obsiegt. Und hat einen Gegner, den sie hasst: offenkundige Klugheit. Nur eines hasst sie noch mehr als diese, wobei sie die Klugscheißerei, wie ich sie hier praktiziert habe, für gewöhnlich nicht ablehnt, wenn sie erkennbare Verkleidung höchster Dummheit ist, nein, das was sie noch mehr ablehnt, noch weniger versteht, das ist Weisheit. Ach, was philosophiere ich hier herum, der Weisheit letzter Schluss ist ganz einfach, ich habe mich um Kopf und Kragen geredet und es sollte mich nicht wundern, wenn die ersten wahren Gläubigen beginnen, auf dem Dorfplatz einen Scheiterhaufen für mich zu errichten!

Dem Verlierer, dem einsam Einzelnen bleibt nur der Schierlingsbecher.

Nun war ich gerade einmal einen Monat hier zugange, rechte mit dem Rechen ohne rechten Plan in meinem Gärtchen herum, ging mit manchem unschuldigem Kräutlein hart ins Gericht, kaufte Milch, Eier und Brot vom Bauern, hauptsächlich um mich als ansässig zu qualifizieren. Ich achtete darauf, dass meine blickdichten Vorhänge, zum Glück waren wir nicht in einer Region, in der diese verpönt sind, kein Licht nach draußen durchließen, wenn ich nächtelang über meinem Computer brütete über buckligen Sätzen wie diesem hier. Manchmal schrieb ich in mein Tagebuch: „Auf dem Dorfe kämpfen die Menschen doch nur ums Überleben, in der Familie oft genug um ihre nackte Existenz und nur in den Städten wächst und gedeiht das gute Leben, genannt Kultur, im sozialen Austausch, der der Suche nach dem wahren selbst, dem politischen Tier, das zwischen wahr und falsch, Gut und Böse zu unterscheiden versteht, dient.

Das, zum einen, hat mich in meiner Selbstwahrnehmung respektive Einbildung doch einigermaßen erschüttert, denn nach Jahren in Klein- und Industriestädten, auch nach etlichen in der Großstadt bin ich schließlich auf dem Dorfe angekommen und weiß, man kämpft hier nicht ums Überleben, sondern ums Reichwerden um jeden Preis, selbst um den des Überlebens.

Das, zum anderen, hier halbwegs sinngemäß wiedergegeben, stammt nicht etwa von mir oder einem naturfern naturverehrenden Jean – Jacques Rousseau, sondern von einem antiken Griechen, also nach heutigen Begriffen einem Kleinstadtbewohner, der unter die von ihm ernst genommenen und gemeinten Einwohner derselben sowieso nur freie (ja, sicher, weiße Typen, Hellenen halt) Männer zählte und nicht die Mehrheit, Sklaven oder gar Frauen, was aber selbst diese wenig achtenswerten Geschöpfe mitgerechnet immer noch keine Megacity ergeben hätte. Nebenbei erzog Aristoteles einen gewalttätigen, mordgierigen, lebenslang kriegerischen Tyrannen, einen gewissen Alexander aus der nördlichen Barbarei, Makedonien genannt, erklärte völlig falsch, wie sich Aale fortpflanzen, was freilich nachvollziehbar ist, sonst hätte er vor der Zeit gleich noch Amerika (oder wenigstens die Sargassosee – See) mitentdecken müssen und es hieße vielleicht Aristotela oder Alexandria und nicht nach einem nicht übermäßig bekannten Herrn Vespucci, es ist aber nicht überliefert, dass er etwaige eigene Kinder in dafür vorgesehene Heime abgab, wie es nun wieder Rousseau – sie wissen schon, der Mensch ist von Natur aus gut – der Mutter seiner Kinder, der Wäscherin Levasseur, mehrfach nahelegte.

Was uns den antiken Elitenfreund im gleich dem Schmiedegott humpelnden, wenig statthaften Vergleich über Zeitläufe und Jahrhunderte hinweg wieder sympathischer macht. Allerdings fand Rousseaus die familiäre Schatulle entlastende Kinderfreisetzung – es war ja nicht das einzige Kind, dem es so erging – in Paris statt, einer Stadt, die weit größer und verwirrender als alles war, was sich der gute Aristoteles unter diesem Begriff hätte vorstellen können. Bloß den Tyrannen hatten sie immer noch nicht abgeschafft!

Ein guter Gott ohne übermäßig tyrannische Neigungen beschütze uns vor diesen, den Herrschern. Es wäre wirklich mal Zeit, aber auch historische Belege für derartige übermenschliche Eingriffe an entscheidender Stelle sind rar. Eher hat man den Eindruck, die Götter waren stets auf der anderen, der ausbeuterischen, der falschen Seite. Ein anderer, ein gnädiger Gott bewahre vor der forcierten Suche nach uns selbst, dem Wahr und dem Falsch, dem Gut und Böse, denn für was sich der Mensch dann entscheidet sehen wir nicht nur in den Städten täglich. Modisch umbenannt ist das moralisch sperrige Trumm ja gleich, und der wirkliche Baum der Erkenntnis ist immer noch verborgen im Irrgarten der vielleicht auch nur boshaften Götter.

Aber nein, der gute und gnädige Gott ist bereits tätig. Er hat uns doch das Fernsehen und das Smartphone gegeben. Keiner blickt mehr auf, sieht die anderen, ebenso hässlich denkenden Menschen, denn er hat ja seinen erfüllenden Bildschirm. Hannah Arendt hat insofern recht behalten. Danket und preiset, denn das algorithmische Reich der KI ist nahe!

Freilich, es dauert noch, bis sich das Teil selbst konfiguriert und programmiert. Bis dahin entscheidet der schlaue, wenn auch in philosophischer Hinsicht nicht über simplen Utilitarismus hinausgekommene Schreiber der Programme beziehungsweise sein Auftraggeber über Gut und Böse. In Städten wie auf dem Lande, soweit der Empfang reicht. Dem Rest bleiben ein wenig Brot und reichlich Spiele, entweder vor der Mattscheibe oder aktiv, in den Straßen, hier ein Feuerchen entfacht, dort eine Schlägerei angezettelt. Mehr in der Stadt, als auf dem Lande. Ach, Aristoteles! Wie, die Typen meintest du gar nicht? Nur die, die sie erst auf die Idee bringen und dann auch noch laufen lassen oder zumindest erfolgreich als arme, verwirrte Einzeltäter verteidigen?“

Es war eine jener raren Zeiten in meinem Leben, in denen ich einsam, da haustierlos war. Ja, schon, männerlos auch. Aber das war ja Absicht, das war nicht so bedrückend wie das andere, das fehlende zu kraulende Fell. Allein schon das veranlasste eine gewisse Unruhe in mir, eine Unrast bei gleichzeitiger trotzig wandernd bekämpfter Unlust, mich unter freiem Himmel zu bewegen, mich überhaupt vom Fleck zu rühren. Eine ungesunde Mischung. Ich sah mich aber außerstande, meinen Zustand ad hoc zu verändern, entscheidend zu verbessern. Ja, ich kam sogar auf die abwegige Idee mir auf einem der Gehöfte in der Umgebung ein Kätzchen auszusuchen!

Eine Katze. Etwas viel Dümmeres hätte ich nicht anstellen können. Gut, es war keine schwarze Katze, aber was beweist das schon?

Elsa. Ich werde sie Elsa nennen. Meine kleine Löwin. Elsa, der zahme Stubentiger. Und wenn ich wegziehe, weggehen muss: Elsa, für immer frei. Wenn auch, wie Löwinnen jeder Größe und Art, naturgemäß eine Killerin.

5. Altbausanierung und Fachsimpelei

Der arme Pfaffe verzweifelte fast an seinem nassen aber eben dem Dorfe heiligen Putz. Dem am Kirchturm natürlich. Er klagte mir sein Leid, was mich ungemein freute, denn ich dachte schon, ich hätte dieses verirrte Schafhirtlein nach meinen letzten frech herausgekläfften Bemerkungen verloren. Doch mangels geeignetem Gesprächspartner war er in meine Hände gegeben.

„Wie kann ich denn die Dörfler überzeugen, dass es sich einfach um einen Bauschaden, der dringend gerichtet werden müsste, handelt?“

„Gar nicht.“ Ja, so ist das eben. Ich konnte nicht anders, als so destruktiv und pessimistisch, weil wahr, daherzureden. „Andernfalls müssten sie sich eben überzeugen, dass es keine Magie gibt, keinen Spuk, keine Wunder.“

Jetzt sah er wirklich böse drein. „Also, zwischen den heiligen Sakramenten und einem nachgewiesenen Miraculum einesteils und auf der anderen Seite einer nassen Wand möchte ich schon noch Unterschiede gelten lassen.“

„Ja, sie. Und die offizielle Kirche. Aber die Laien? Sie fangen doch schon wieder an…“

„Ich? Mit was?“

„Mit ihrer altehrwürdigen Lingua franca der alten Welt, der altehrwürdigen Gelehrten und der immer noch währenden Kirche…“

„Sie verspotten mein Kirchenlatein und die Kirche mit!“

„Warum reden sie denn mit den Leuten nicht in einer modernen Lingua Franca? In Küchenlatein? Nein, Unsinn. Meinetwegen in der Sprache von Bialystok?“

„Von was reden wir denn jetzt? Von polnischen Urwäldern? Dort sind die Leute immerhin noch katholisch…“

„Das letztere gebe ich gerne zu, denn Juden werden nach den unwaidmännischen Hetzjagden der Reichsförster und ihrer Helfershelfer nicht mehr allzu viele dort leben. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, auch wenn es ein jüdischer Arzt war, der dort das Esperanto erfand!“

„Das verstehen die Leute hier doch noch viel weniger als meine armseligen paar lateinischen Brocken!“

„Dann müssen sie eben lutheranisch werden. Und den Leuten nach dem Maule reden, wie jener vielseitig begabte Mann zu sagen pflegte, auch wenn er sich dann doch sprachlich an den Bürokraten am sächsischen Hofe ausrichtete.“

„Wollen sie mich etwa abtrünnig machen? Sind sie eine heimliche Gesandte evangelischer…“

„Neineinein, wir reden hier von Sprache. Nicht von den Fehlern, die in allen religiösen Texten, nicht nur in Luthers Bibelübersetzung stecken. Wenn sie wollen bekreuzige ich mich auch, damit sie sehen, dass ich nicht von der anderen Partei bin! Wer würde sich denn als Kind schon freiwillig das zweite Mal Geschenke entgehen lassen!“

„Sie verwirren mich immer wieder…“

„Nur mit dem, was ich sage? Das wäre doch schade!“ Mein maliziöses Grinsen brachte ihn gehörig auf die sprichwörtliche Palme. Wer weiß schon um jede bisher ungenutzte Stammesausbildung, die sich irgendwo bildet, die Welt ist groß und es geht auch nicht um die einzelnen Bäumchen, sondern dem Rodenden um den ganzen Wald. Ich gebe zu, ich räkelte mich auch ein wenig anzüglich in unpassender, vielmehr in zum zuletzt Gesagten, nicht jedoch zum Ort passender Weise.

„Ich sollte sie rauswerfen! Aber vorher erklären sie mir noch, was sie meinten. Sowohl mit Geschenken, das scheint ja das Allerwichtigste zu sein, als auch mit Fehlern im Text!“

„Entschuldigung, bitte, ich kann einfach nicht anders und muss so frech sein. Vermutlich ein lieber, kleiner Dämon, der mir da innewohnt. Aber lassen wir gerne den und kommen zu den angesprochenen Punkten: Alpha, der katholische Jugendliche hat Kommunion und Firmung, sein Bruder in Christo nur die gemischte Konfirmation. Also bekommt der nur einmal Geschenke und das, obwohl wir im Zeitalter des Konsumismus leben. Geradezu eine Sünde wider unsere moderne Welt! – und Omega,“ so sprach ich schnell weiter, denn ich merkte, er wollte mich ungehalten unterbrechen, „Omega sage ich: Luther, in ganz selbstverständlicher Unkenntnis der Tierwelt Afrikas und des Nahen Ostens hat er das dort wohlbekannte und verbreitete Tier Klippschliefer, Procavia capensis, gar nicht kennen können. Fand es aber in den Texten und suchte nach einer einigermaßen passenden oder besser, einer ihm und den Leuten bekannten Übersetzung. Und übersetzte es mit dem vertrauten Begriff Dachs, Meles meles. Zoologisch grottenfalsch, wofür ihn keine Schuld trifft, er wusste es nicht besser, brachte aber zeitweise biologische Stilblüten hervor wie die Bezeichnung des armen Schliefers im Deutschen als Klippdachs. Aber was für Rückschlüsse lassen so im theologischen Sinne lässliche Sünden in der Übertragung immerhin heiliger Texte denn auf die in religiöser Hinsicht bedeutsameren Inhalte zu? Luther – wie andere, das sei betont – übersetzt aufs Geradewohl das, was er nicht kennt, in etwas, das er kennt und den Fürsten und Bauern seiner Welt vorsetzen kann. Na, danke! Dasselbe taten wohl die Übelüberträger nicht nur ins Deutsche, sondern schon ins Griechische und Lateinische. Was bleibt denn da noch vom Original übrig? Was von den so wichtigen Regeln, Geboten? Wie soll die Auslegung von Textstellen lauten, wenn die Textstelle im eigentlichen Wortlaut unbekannt geblieben ist?“

Nickend stimmte mir der Berufsgläubige zu: „ja, an diesem letzten Punkt ist natürlich etwas dran, was Theologen und nicht zuletzt auch andere wie Historiker beschäftigt. Sie werden mir zustimmen, dass sich die christlichen Kirchen mit diesem Punkt offen auseinandersetzen!“

„Ich bin nicht zum Streiten hergekommen, auch wenn das manchmal anders klingen mag. Wenn ich es könnte, zum Helfen. Was diesen hässlichen nassen Fleck auf der weißen Kirchenweste angeht. Deshalb will ich da mal nicht widersprechen und zugeben, dass die früher so erzdogmatischen großen christlichen Kirchen hier die andere große Verkündigungsreligion, den Islam, eingeholt – die waren früher nämlich nicht so verbohrt und sprachen Auslegungsprobleme und Probleme verschiedener überlieferter Schriften und umstrittene Aussagen recht offen an, heute wollen sie einem gleich an den Kragen, wenn man beispielsweise auf die altehrwürdige Überlieferung der sogenannten satanischen, also wie von Mohammed selbst gesagt vom Satan untergeschobenen Verse zu sprechen kommt – und inzwischen wohl deutlich überholt hat. Oder denjenigen, der betont, dass nicht erst Abd al – Malik, sondern auch schon Uthman ibn Affan alle anderslautenden Koranfassungen verbrennen ließ. Und somit die einzig richtige Fassung des kelim Quran ähnlich strittig sein muss wie dies bei allen anderen heiligen Büchern der fatale Fall ist. Über die diesen Beispielen recht ähnlichen Streitereien der christlichen Kirchen und Sekten bezüglich der einzig richtigen göttlichen Überlieferung und also Kanonisierung der ehrwürdigen Texte brauchen wir uns gar nicht erst auszulassen! Der so oft beschworenen wortgetreuen Offenbarung göttlicher Weisheit. Und der folgerichtig, wenngleich sonst auch unnötigen, deshalb notwendigen Lesung apokrypher Evangelien. Halt das, was noch übrig ist, nicht von fanatischen Tätern verbrannt ist, zugänglich ist.“

„Helfen, beim großen nassen Fleck. Und natürlich gleich wieder mit einer kleinen Bosheit verbunden, gezielt auf unsere ach so weiße Kirchenwestmauer.“ „Stimmt. Über Ostrom sprachen wir noch gar nicht. Aber das führt zu weit, nicht wahr?“ „Ja, zurück zur materiellen Wand, was könnten wir denn da tun? Was das andere angeht, sie können wohl nicht anders als gelegentliche Bosheiten zu verteilen? Ich frage mich schon, wann sie auf Themata wie die Transsubstantiation, die Jungfrauengeburt oder den Wiederauferstandenen selbst zu sprechen kommen. Das sind doch die üblichen Anwürfe!“

„Geschenkt! Sagen wir mal, bis auf den ersten Punkt. Was machen da eigentlich Vegetarier? Aber Jungfernzeugung? Haben wir in der Natur zuhauf, auch bei Wirbeltieren. Und in Zeiten der künstlichen Befruchtung brauchen wir uns über Möglichkeiten einer Schwangerschaft ohne gründlichen vorhergehenden Fick nicht aufzugeilen, das ist komplett unnötig. Für Wiedergänger haben wir neben der Folklore mit Vampiren und anderen durchgängig betont unangenehmen Gesellen doch alles von Scheintot, auch mit Hilfe etwaiger Drogen, oder Massenpsychosen, nicht zuletzt eben die Möglichkeit, die diskutiert wurde, dass der historische Jesus, der Mensch, halt überlebt hat und womöglich irgendwo in Indien weitergepredigt hat. Über Fleischwerdung geschmackloser Oblaten, nun, Kannibalen und kannibalistische Religionen gibt’s ohne Zahl. Auch im alten Ägypten, man muss also gar nicht weit gehen. Übrigens kann ich hier mal wieder meinen Verbesserungsvorschlag, den ich schon als Kind entwickelte, anbringen: wieso nehmt ihr eigentlich nicht köstliche Karlsbader Oblaten für euren Verwandlungszauber? Statt dieser geschmacklosen Dinger ohne jeden, ganz sicher ohne den verlangten Umami, Fleischgeschmack?“

„Sie sind sehr respektlos, das wissen sie.“

„Das tut mir ja auch leid, aber ich nenne die Dinge halt mal gern beim unverbrämten Namen. Verzeihen sie, aber lassen sie mich Henry Slesar zitieren, vielmehr seinen Matthew Kiel in Lob und Preis des Bösen, der da zum Reverend spricht, er rede gern, ich zitiere: „… mit einem intelligenten Mann, dessen spezielle Ansichten ich für dumm halte …“ Wenn jemand seinen Gott, der zugleich ja auch wahrer Mensch ist, nicht nur symbolisch aufisst und -trinkt, so ist das doch qua Definition Kannibalismus, oder täusche ich mich da? Wenn jemand meint, dass eine Frau, die in eben dem heiligen Buch durchaus als Mutter mehrerer Kinder auftritt, unbedingt Jungfrau statt einfach junge Frau sein soll, sei’s drum, das scheint mir gar nicht diskussionswürdig. Wenn aber der Sohn dieser Frau zum einen ein Gottessohn sein soll, zugleich aber ausführlich beschrieben wird, wie sein demnach ja nur Ziehvater die Abstammung seines eben nicht leiblichen Sohnes von sagenhaft uralten Königen her begründen soll, so kommt mir das schon recht eigenartig vor. Und eine echte Wiederauferstehung – ja wie jetzt, als Mensch? Eher nicht. Tu ich mir schwer damit. Als Gott, also per Definition außerhalb unseres Vorstellungsvermögens, na gut – einverstanden.“

„Sie sind tatsächlich mit etwas einverstanden?“

„Bin ich wirklich so schlimm? Ich meine doch nur, ich leugne doch nicht! Wieso sollte ich ein einmaliges Ereignis, meinetwegen eine Marienerscheinung, die sich nicht ständig wiederholt, oder einen Gespensterspuk, leugnen? War ich dabei? Ich kann diese Behauptung weder verifizieren noch falsifizieren, ich kann nur sagen: kann so gewesen sein, ich glaub ‘s mal oder eben nicht. So ist das mit der Auferstehung von den Toten: entweder, es gibt eine natürliche Erklärung, die das Ganze dann halt eine Stufe, eine Ebene von der erreichten Metaebene runterholt. Oder es war eine übernatürliche und insbesondere einmalige Sache – wie gesagt. Oder es ist eine erfundene Geschichte, ganz frei erfunden oder aus irgendeiner überlieferten Mücke halt den üblichen Elefanten aufgeblasen. Und so ist es mit dem Rest doch auch!“

„Ja, wir reden aber eben davon, vom Glauben!“

„Dann dürfen die Leute aber auch glauben, dass ein nasser Fleck ein Wunderzeichen ist.“

„Ach. Nein, bitte nicht das! Es ist mir wirklich ein Ärgernis.“

„Und dass jemand in seinem Häuschen sitzt, geheimnisvolle, nicht eben von der Kirche abgesegnete Gebete spricht und damit jemanden heilt – was ja schön ist, und ein guter Arzt würde hier die Schultern zucken und sagen, Heilmittel ist das, was wirkt – oder auch erst krank macht, was gerüchteweise schon zu hören war.“

„Und damit, meinen sie, sitze ich in der Falle?“

„Nicht unbedingt. Die katholische Kirche hat ihren Frieden mit den Naturwissenschaften längst gemacht, solange sich diese tunlichst aus diesen Glaubensdingen raushalten. Sie hat nichts gegen Darwin und nichts gegen Einstein, Planck, Newton oder wen auch immer. Hat sogar um Verzeihung gebeten, weil sie den unbotmäßigen Galilei unter Hausarrest, man denke, Hausarrest gestellt hatte, weil er seine unbewiesenen Behauptungen absolut gestellt hat! Vielleicht könnten sie Hilfe von dieser Seite bekommen?“

„Ah, daher weht der Wind!“

„O nein, gar kein Wind. Es ist nur eine Idee. Sie haben doch in ihrem Verein auch Spezialisten, die feststellen können, ob da was Magisches vor sich geht? So Wundertester? Exorzisten? Denen müsste doch selbst der bornierteste Dorfdickschädel vertrauen. Sollte man meinen.“

„Sollte man meinen. Sie wissen selbst, wie schlecht das auch historisch gesehen funktioniert hat. Wahre Heilige wurden oft vom Volk nicht anerkannt, eher windige Wundertaten schon. Aber wenn ich so weiterrede übernehme ich noch ihren Part, den des Anwaltes des Teufels! Eines Advocatus diaboli!“

„Zu viel der unverdienten Ehre! Nein, wirklich, herzlichen Dank, nichts gegen einen kleinen Pudel, meinethalben auch als schwarzumhüllten Pfarrer, aber er möge sich bitte nicht in einen Mephistopheles verwandeln, wiewohl dieser viel Wahres sagt!“

„Selbst ihm lassen sie seine Ehre, die wie auch immer geartete des Verfluchten, auf ewig Verdammten?“

„Ja, ich halte es da mit Cabells Jürgen – warum über jemand schlecht reden, den man gar nicht wirklich kennt. James Branch Cabell, das sollten sie wirklich lesen! Sagt dieser Jürgen doch zu dem den Teufel beschimpfenden Mönch: „Pfui Bruder! Und haben die Teufel nicht ohnehin gerade genug auszustehen“ und im weiteren Verlauf noch manches mehr. Und zu ihren windigen Heiligen, wo ordnen sie eigentlich den guten Franz ein, der nicht nur anfing mit den Vögelchen zu reden, sondern auch noch irgendwelche Bauruinen übernahm, die ihm gar nicht gehörten, und fröhlich drauflosmauerte? Oder den Frau und Kinder verlassenden vormaligen Bauern, nachmaligen Bruder Klaus? Wie erläutern sie das Martha – Maria Paradoxon, die Abwertung der Sorgenden?“

„Sie wagen sich sehr weit auf ein äußerst geheimnisvolles Gebiet vor.“

„Das ist wahr. Aber schon mit dem Betreten ihres Bereiches, mit dem Betreten der Kirche. Tucholsky irrte sich hier wohl zum Teil. Er meinte bezogen auf die christlichen Kirchen: „nein, diesem Seelenarzt trauen wir nicht mehr recht – wir wissen zu viel von ihm: wie er das macht, wie das funktioniert – ein Arzt muss ein Geheimnis haben.“ Nun, das Geheimnis, das unergründete, weil unergründliche Fragezeichen in Form einer Unendlichkeitsacht ist doch euer eigentlicher Artikel, den ihr manchmal schon wie verzweifelt an den Mann und vor allem die Frau zu bringen versucht! Gottes dreifache, manche sagen schon vielfältige Vollkommenheit und seine mehr als nur ein bisschen unvollkommene Schöpfung, Erbsünde, Eucharistie – der ganze Spuk, für Wahrheit angepriesen und verkauft. Nicht die ach so gewöhnliche Geburt eines Menschensohnes, dieses lächerlich abseits gelegene Geburtstagsscheunenfest, ist euer höchstes Fest, nicht das Erwachen dieses Kindes, sein Streben, sein Erlernen des aufrechten Ganges, sein Aufstehen zu einem aufrechten Menschen wieder die Pharisäer und Sadduzäer und römischen Kohorten sowie die schwärmerischen Idioten, sondern sein Wiedergängertum, seine Wiedergeburt, die Wiederauferstehung. Schon bei Guareschi meint der Gewerkschafter zu Don Camillo, dass die Messe, sei sie nun heilig oder nicht, aus gewerkschaftlicher Sicht, so etwas wie eine Theatervorführung sei. Was bleibt von dem Geheimnis, wenn der Bühnenzauber weg ist? Bleibt etwas? Das ist doch unsere gemeinsame Frage – und sie beginnt und endet nicht mit Tucholsky, nicht bei einem nassen Fleck im Verputz des Kirchengebäudes!“

„Und wir sind elegant wieder am Ausgangspunkt, wenn auch recht brutal in den Aussagen.“

„Je nun. Ich halt’s mit Kant: ich weiß, dass ich meinen Sohn nicht töten soll, wer aber diese Erscheinung ist, die mir eben dies befehlen will, weiß ich nicht. Also fällt mir die einzig richtige Entscheidung leicht. Bin ich aber deshalb ungläubig? Nur weil ich die Erscheinung, wenn sie denn auftritt, als eben dies abtue? Selbst Jesus in der Wüste ist von einer solchen versucht worden, es war aber der Teufel – wie soll ich das unterscheiden? Wen vernahm, wen meinte er zu vernehmen, der an sich selbst zweifelnde Mohammed? Nach wem warf der Junker Jörg sein Tintenfass? Wie die ganzen Glaubenskrieger, sie wissen schon, ob sie auf Arabisch Gott ist Gott, Gott ist groß und Gott ist wahrhaft groß – manche mögen Wiederholungen, wie dies ja auch im Rosenkranz deutlich wird – rufen oder auf gut abendländisch Deus lo vult. Befiehlt da ein böser Geist, der Teufel, der Treiber der Massendummheit? Oder befiehlt das an und für sich Böse der gute Gott? Na, da werde ich als Mensch doch leicht entscheiden können und ich, für mein Teil, auch wollen!“ Ich zögerte kurz, dann sagte ich leise: „Mit Kant halte ich es. Und mit dem Ketzer von Soana. Mit Gerhart Hauptmann also, mit den chthonischen Mächten, die abzuleugnen sinnlos wäre, mit Eros also, und mit deren noch älteren Beschreibern, mit Goethe, mit seinem suchenden, so klugen, so dummen Doktor Faust und mit den uralten, den Sagenerzählern selbst. Deren Weltbeschreibung – wundervoll, wenn auch oft genug und zu Recht beängstigend. Das angebliche Licht der damals neuen, heute auch schon alten Religionen der Patriarchen will mir hier auch nur eine armselige Laterne, ein Funzellicht scheinen, nicht mehr.“ Und etwas lauter, denn offenbar hatte der Priester diesen Worten, die recht leise mehr zu mir selbst gesprochen waren, gelauscht und wollte soeben eingreifen: „Nein, ich bestreite nicht, dass es hier auch einen Fortschritt gab. Zumindest nominell fordert der neuere Gott keine Menschenopfer, wenn er auch Kriegen, Ausrottungsfeldzügen und Steinigungen so gar nicht abgeneigt scheint. Immerhin, ein erfreuliches Merkmal, sich als Gott nicht in Blut und Schmerzensschreien baden zu wollen, zu müssen, wenn man respektabel bleiben will!“ Und nun flüsterte ich wieder: „Und Heine natürlich. Die Götter im Exil. Der alte Inuit, nach ihrem Glauben und seiner Veränderung gefragt, er sagte, früher glaubte man noch an den Mond, aber heutzutage glaubt man nicht mehr daran. Wo also ist er hin, wo ist er abgeblieben? Ach ja, nach Heine wäre ich vielleicht keine Mänade, aber doch Amalthea, die auf der einsamen Kanincheninsel, auf der es für dieselben sicher weitaus zu kalt wäre, vermutlich fraß der alte Gott Lemminge, Jupiter nährt. Für eine freche Ziege sollte es reichen, das Rentiermoos. Wenn sie nur auch noch Milch geben würde!“ Des Priesters beichtgewohnte Ohren waren gespitzt, so dass er auch hier einwarf: „Die Milch der frommen Denkungsart. Wäre kein Schade.“ Auch er sprach leise, mehr zu sich selbst, um mich der Notwendigkeit einer Antwort zu entheben.

Aber natürlich konnte ich nicht ruhig sein, musste nachhaken, nachtreten: „Meine Aussagen wären brutal? Pah! Brutal wäre, wenn ich einen berühmten Mann zitieren würde, der da gesagt haben soll, dass Marquis de Sade das letzte Wort des Katholizismus ist. Aber wir reden hier über ein sachliches, bautechnisches Problem, wenn auch, wie ich zugebe, beide nicht sehr zielgerichtet. Ihre einzige Aufgabe ist es, einen guten Kirchenbauer zu finden, der den Schaden rasch und richtig richtet. Sie müssen sich nur entschließen. So wie die Altvorderen, die sich auf Jahrhunderte verschuldeten und deren Bauten oft ebenso lange dauerten! Denken sie an die Renaissance und was danach alles kam, denken sie an all die oberbayrischen Kirchlein, den Herrgottswinkel, an Oberschwaben, etwa die Basilika in Weingarten oder das unangepasste Dorfkirchlein zu Steinhausen.“ „Also so einen italienischen Maurer, Baumeister? Woher nehmen oder besser bezahlen?“ „Vatikanbank. Ach ja, der Vatikan. Eingenistet in dem wunderschönen Italien, von dem man sagt – angeblich sagen das die dortigen Bewohner selbst – dass es Gott dem Paradiese gleich geschaffen habe und, als er diesen Faux pas gegen seine eigenen Schaffensregeln bemerkte, sozusagen um sich selbst zu bestrafen, den Italiener geschaffen habe.“ „Ein bösartiger, chauvinistischer Spruch.“ „Ja, und er stammt nicht mal vom Luther! Hat eigentlich schon mal jemand überlegt, wenn er in seiner Allmacht dies mit dem Lande Italien tat, was er sich bei Deutschland dachte?“ „Nein, und das ist leider gar kein so böser Spruch. Man hat immer mal wieder das Gefühl, dass dieses Volk hier ein Geschlagenes ist. Was auch immer die Menschen hier Gutes oder Böses ersinnen müssen sie auf die Spitze treiben, bis es sein eigener Widersinn wird!“ „Ja, nicht nur dem Luther erging es so mit seinen Anhängern und wenn die Dörfler heute nichts anderes zum auf die Spitze treiben haben, dann halt den Aberglauben.“ „Da bleibt mir nichts zu sagen. Denn das ist, wenn auch aus anderer Warte, auch mein Thema, mein Problem, meine Aufgabe hier. Die Bewohner bekehren, zum wahren, echten Glauben bringen.“ Ich nickte nur: „Bleibt die Vatikanbank. Aber die haben wohl nichts für kleine Dorfkirchlein gar noch im Lande des großen Proteststurms übrig?“

Bevor ich für diesmal ging ließ ich ihm noch das alte Rätsel da. Allerdings kannte er es längst. Ich fragte ihn: „Was ist mächtiger als Gott, schrecklicher als der Teufel, die Toten essen es und die Lebenden sterben, wenn sie es essen?“ „Ja, das ist alt. Das Nichts. Aber ich muss das natürlich zurückweisen! Selbst dieses ist nicht ohne Gottes Willen.“ „Oder ist eben definitionsgemäß gerade nicht. Das ist ja das vertrackte. Es ist ja durch seine Nichtexistenz definiert. Wir Menschen stoßen bei allem Absoluten – und ehrlicherweise schon lange vorher – an unsere Vorstellungs- und Verständnisgrenzen. Ob Allmacht, Unendlichkeit oder eben Nichts. Wir können es uns nicht vorstellen und auch nicht angemessen definieren. Wir versagen schon bei einfacher Physik wie Lichtgeschwindigkeit. Wir geben ihr ein Maß, ja, damit verlässt sie ein Stück weit den Absolutheitsanspruch – und wirft gleich die Frage auf, wieso beim heiligen Bimbam oder Sankt Tachyon dann nichts schneller sein soll. Und irgendwann landen wir bei dem Allmächtigen, der den Berg erschafft, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann.“ Sein Blick war derart konfus, ich musste lachen. „Nein, ich bin keine Connaisseuse göttlichen Wollens und Wirkens. Aber sie müssen die Widersprüchlichkeiten aller Theologie, aller Philosophie, einfach von allem, was Menschengedanken in Menschenworten absolut gesetzt haben doch anerkennen!“ „Davon rede ich. Vom Glauben. Nicht vom Ergründen und Wissen. An dem wir letztendlich nur verzweifeln können.“ „So gesehen hat der Pfaffe recht. Und wieder nicht, da er ja vorschreiben will, was wir glauben dürfen und müssen. Und da landen wir wieder beim Widerspruch, beim Widersinn. Dass da etwas sein mag – in Ordnung, zugestanden, gebilligt, können wir so stehen lassen. Ob es ein Sein und Erkennen nach dem Tode gibt? Na, abwarten. Was anderes bleibt eh nicht. Es gibt die Ebene, auf der wir einig sein können. Das einfache: mag sein. Ja, wahrscheinlich, nein, gewiss ist da noch Unbekanntes. Nicht Fassbares. Jede Menge davon. Das ist nicht unser Problem. Nur das Unbekannte vorzudefinieren, das ist eines!“

  • Lausbubenstreiche unter älteren Mädchen

Ich geb’s zu. Nur hier und ganz im Vertrauen und außerdem ist das ja alles schon so weit weg und gar nicht mehr wahr. Es hat natürlich unsere Feindschaft vertieft, weil zwar nie herauskam, dass ich das war, aber sie nie einen Zweifel an meiner Schuld hatte.

Diese dreiste Dorfhexe war natürlich eine fromme Kirchgängerin, etwas, das die tatsächlichen Hexer jeder Konfession und Religion und Ideologie durch die Zeiten auszeichnet. Verleumdung, üble Nachrede – wo gedeihen sie denn besser? Und so kniete sie mal wieder murmelnd im düsteren Seitenkapellchen vor der kitschigen Marienstatue, ganz anders geformt und gefärbt denn das ehrwürdige, uralte Kreuz am Hauptaltar. Ich sage jetzt nicht, von welchem berühmten, im späteren Leben mit aufgrund mutwilliger politischer Aktivität verkrüppelten Händen gestraften Schnitzer dieses ist, sonst kommen die Schlauköpfe noch auf den Dorfnamen! Bis auf die noch Schlaueren, die bereits gemerkt haben, dass ich schon wieder eine falsche Fährte gelegt habe. Vor dem weitum bekannten Kreuz stand ich einmal wieder, die Zeiten überdauernde ehrliche Handarbeit bewundernd. Die Kunst, auch die so eindeutige, so einfache, so klare Weltsicht, die dahintersteht. Mit typischen Gedanken. War denn die Weltsicht der Altvorderen tatsächlich so einfach? Oder wollten sie wie die Kunst ja oft hier nur eine Botschaft vermitteln, haben aber vor lauter Konzentration darauf den Rest und die Bedenken beiseitegelassen? Oder war es noch einfacher, durfte nichts anderes mitgeteilt werden, Auftragsarbeit eben?

Schon wieder, man sieht es, wanderten meine Gedanken in unfromme, gar nicht andächtige Richtungen ab. Deshalb vernahm ich wohl auch die Stimme des Versuchers so deutlich. Beim Verlassen der heil ‘gen Hallen erklangen seine Zauberflötentöne zwar noch nicht, aber dann. Koloratursopran? Kann sein. Der Text war harmloser als „der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“ Wohl nahm ich aus den Augenwinkeln die so fromm versunken Erscheinende vor den Kerzchen und der von diesen flackernd erleuchteten Madonna wahr, dachte aber nichts weiter, außer, dass ich froh war, von ihr in Ruhe gelassen zu werden. Dann aber trat ich hinaus in den schon dämmrigen Abend und sah beim Zuziehen der in den Angeln quietschenden, im alten Holze knarrenden schweren Türe mit zahlreichen, halbreliefartigen Schnitzereien, den wohl von Pfarrer oder Mesner vergessenen Schlüssel, so einen alten, großen Burgverliesschlüssel, im Schloss stecken. Und widerstand nicht eine Sekunde.

Nein, ich zog ihn nicht ab, ließ ihn stecken. Aber umgedreht hab ich ihn schon. Nur so, schließlich sollte die Türe doch zu sein, oder?

Ja, ja, sie musste nicht eine grausige Nacht in Gegenwart all der Heiligen, folglich all der erinnerlichen Sünden verbringen! Sie wurde befreit, nicht sonderlich rasch, anscheinend vermisste keiner den gewaltigen Schlüssel so bald. Doch umso früher wurde es dafür dunkel. Im Dorfe selbst gibt es nur wenige Straßenlampen, nur die Hauptstraße und der Hauptplatz werden erleuchtet, der Rest liegt in friedlich dunkler Ruh. Häuserfenster leuchten freilich oft hinaus, innerlich warm bestrahlt, auch von bläulichem Licht, und auf den Feldern rattern Traktoren, grell blendende Scheinwerfer wackeln und wanken so über die Äcker, das ist der Fluch der modernen Zeit. Doch die Dorfstraßen versinken in der Nacht, alleine schon deshalb wichtig, damit zu gewissen Zeiten die unbändige männliche Dorfjugend gewisse Streiche spielen kann, ob Maibaumdiebstahl oder Maibaumsetzen oder was immer an Schabernack ansteht. Ach ja, den Dorfhexen setzt keiner mehr so ein Bäumchen vor die Hütte. Aber die gesetzteren Dorfbewohner müssen ja auch keine Streiche mehr spielen, oder?

Manche schon. Und ein wenig plagt mich auf dem Heimweg das Gewissen. Am wenigsten, dass ich sie, meine selbsterklärte Feindin, eingesperrt habe und sie das wohl in ihrer Kristallkugel nicht vorhergesehen hat. Jedoch die vage Möglichkeit, dass noch jemand anderer, von mir übersehen, in der Kirche gewesen sein könnte. Immerhin, das war möglich. Und hätte mich schier veranlasst, umzukehren.

Aber am Ende fand ich zu meiner guten Ruh im bequemen Bett. Schlief den Schlaf des Gerechten. Und die Sonne ging auf. Über Gerechten und Ungerechten, wie das halt so ist, und zwar seit Anbeginn, also seit der Erfindung dieser beiden Begriffe. Froh, ein Liedchen auf den Lippen, betrat ich berecht und selbstgerecht zugleich meinen Garten, ließ beschwingt die Spitzen des vielzackigen Werkzeuges in die Bodenkrume eindringen. Der Nachbar war auch schon fleißig, freilich mit etwas schwererem Gerät zugange. Doch er stoppte seinen Traktor und rief mir die Neuigkeiten zu. Ob ich es schon gehört hätte, fragte er.

„Nein, was gibt es denn? Was ist denn geschehen?“ „Ja, man sollt es nicht glauben, aber da haben sie doch die alte Walburga,“ er sagte natürlich ihren echten Namen, der tut hier aber nichts zur Sache, „da haben sie die doch tatsächlich in der Kirche eingeschlossen!“ „Nein! Wie das? Da sind doch viele Leute?“ Jetzt machte er, von seinem eigenen Mitteilungsbedürfnis geplagt, endlich noch den Motor seiner mächtigen Zugmaschine aus.

„Was man hört, war sie allein in der Kapelle. Und da hat doch einer von außen zugeschlossen! Also, ich halt das ja für einen Kinderstreich. Der Schlüssel steckte – möglich, dass den der Pfarrer verloren hat, möglich, dass er ihn stecken gelassen hat, jedenfalls hat dann jemand zugesperrt. Und sie saß in der Kirche fest!“ „Ja, wann denn? Am Abend?“ „Ja, am Abend! Und bis in die Nacht.“ „Wie? Oh je. Ja, aber wie kam sie dann heraus?“ „Sie fand den Lichtschalter. Hinten in der Sakristei. Bis dorthin hat sie sich mit den kleinen Kerzchen geleuchtet. Und hat das elektrische Licht angemacht. Und als dann das Wirtshaus zumachte und die letzten heimwärts mussten, da sah der Mesmer, dass in der nächtlichen Kirche Licht brannte! Sofort ist er mit einigen seiner Saufkumpane dorthin, denn es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder hatte der Letzte, der die Kirche verließ – er schimpfte schon mal auf den vergesslichen Pfarrer und hatte damit irgendwie ja auch recht – das Licht vergessen. Oder es waren Einbrecher unterwegs, ganz freche, schamlose Einbrecher.“ „Oje, das war ja ein richtiger Aufwand! Was für ein Schreck, stelle ich mir vor.“ „Ja, die wird schon erschrocken sein, als plötzlich eine ganze Horde nicht eben mehr nüchternen Männer auftauchten! Die dann freilich gleich merkten, dass da von außen der Schlüssel steckte. Der Mesmer hatte seinen noch, also war es der vom Pfarrer.“

Ich schüttelte den Kopf: „Das ist ja mal eine Geschichte. So ein Abenteuer. Also, mir wäre es schon anders geworden. Allein in der dunklen Kirche. Und dann eben eingesperrt! Da fängt man doch an, Gespenster zu sehen!“

Der Nachbar sah mich von seinem hohen Sitz aus schräg, wie fragend an. Erschien trotz knittrigen Huts und lang getragenen Unterhemds einem weisen Richter nicht unähnlich. Dann platzte es aus ihm heraus: „also, die Walburga sagt ja, das können nur sie gewesen sein!“ „Was? Das ist doch… also, da fällt mir gar nichts mehr ein.“ „Ja, ja, das sagen eigentlich alle. Es war gleich klar, das kann nur ein dummer Kinderstreich gewesen sein. Halt ein paar freche Burschen.“ „Ja, das glaube ich auch. Weil ein Erwachsener, der das mit Absicht getan hätte, der hätte doch den Schlüssel nicht stecken lassen! Also ich mein ja nur – mit Absicht. Was für eine Idee. Aber sagen wir mal, so als Idee, sie hat jemanden nicht geheilt und der glaubt sich rächen zu müssen. Oder ich, wenn das schon sein soll: ich hätte doch den Schlüssel dem Pfarrer gebracht und hätte ihm was erzählt von wegen übertriebenem Gottvertrauen, das kann man doch annehmen!“

Ja, das nahmen dann auch alle an. Ein Kinder-, ein Lausbubenstreich. Fast alle, also die Männer eigentlich geschlossen. Und die meisten Frauen. Aber die Gefangene der Dorfkirche selbst und ihr Klüngel gingen von der absurden Idee nicht ab, dass ich meine bösen Finger im Spiel gehabt haben müsste. Als hätte ich die Gespensternacht von Birnbach nachstellen wollen, von der Wugg Retzer in „Der Stier von Pocking“ erzählt! Die, als ich den Schlüssel umdrehte, tatsächlich kurz aus den Untiefen des Gedächtnisses auftauchte.

Mein Abenteuergeist und seine Folgen beeindruckten mich nicht im Geringsten. Vielmehr nahm ich, an eine andere, die genannte Geschichte denkend und aus dem Gärtlein zurück gleich einen Stift zur Hand, hatte wieder einmal eine Idee. Schrieb nieder:

Herr Franz Meier, genauer Dr. rer. nat., h.c. und sonst noch was Franz Meier bewirtschaftete in seiner durchaus kargen Freizeit gerne und mit Enthusiasmus ein kleines Schrebergärtchen. Derzeit tat er gerade dies, war aber beruflich eingebunden in ein Projekt, das eher seinem geliebten Hobby entsprungen war. Er forschte gemeinsam mit einer hochkarätigen Gruppe an bestimmten Aspekten der Volkskunde und Folklore der Innerschweiz. Von seinem eigentlichen beruflichen Hauptbetätigungsfeld hatte er sich deshalb schon seit längerem freistellen lassen.

Aber gerade grub er, wie gesagt, ein eher simples Loch in den Boden zwecks Einpflanzens eines Rosenstrauches, welchen seine Frau als passend ausgewählt hatte. Er war in seine friedlich – freudvolle Tätigkeit, die ihn durchaus anstrengte, vertieft, und sehr überrascht, als ihn vom Zaune her Stimmen ansprachen. Aufblickend erspähte er zwei Uniformierte, einen Mann und eine Frau, welche Kombination man heutzutage ja öfters sieht. Er rammte den Spaten in die Erde und zog bedächtig seine einst grünen, nun mehr erdfarbenen Handschuhe aus. Grüßend begab er sich zum Gartentürchen.

Elke S., Anwärterin, und Polizeimeister Harald F. waren zu der Parzelle 317 verwiesen worden. Vom Weg aus sahen sie das grauhaarige Männchen eifrig graben. Ein schmächtiges Kerlchen, das eher runde Gesicht umrahmt von einem graumelierten Bart, dessen noch jugendlichere Anteile einen rötlichen Farbakzent zum sonst fast rentierhaften Gesamtbild hinzubrachten. Gummistiefel, Cordhose und ein offenbar älteres kariertes Hemd vervollständigten den wie karikiert typisch erscheinenden Kleingärtner.

Auch als er auf sie zukam änderte sich der Eindruck nicht. Insgeheim dachten beide, dass sich die Anzeige beziehungsweise die zugrundeliegenden Behauptungen der anderen Kleingärtner wohl auf üble Nachrede reduzieren lassen würden.

In diesem Boden, das spürte der Professor beim Spatenstich, war mehr, war Verhärteteres als purer Mutterboden. Eine Statue, eine Figurine entgrub sich dank seiner Hilfe dem unterirdischen Reich. Er erkannte sie gleich. Es war eine Rachegöttin. Er vergaß Rosenstrauch und Auftrag, trug seinen Fund zum Brunnen, wusch ihn.

Die Polizisten traten ein. Ihr Gruß wurde überhört. Der Professor war in seinem Element. Wusch und säuberte mit größter Sorgfalt.

Die Besucher traten an das eben erst ausgehobene Loch heran. Sahen sogleich, dass die Figur nicht der einzige Inhalt gewesen sein konnte. Sondern fuhren mit dem zurückgebliebenen Spaten nochmals in die Erde und brachten einen Schädel zu Tage.

Da der Professor am Türchen die Beiden begrüßt hatte, konnten sie nicht recht sehen, was es mit dem Schädel auf sich hatte. Die Melder hatten betont, dass es um eine Leiche, also wohl um einen Mord ging. Davon ausgehend verhafteten die Polizisten den Gärtnersmann, der sie eben noch so freundlich gegrüßt hatte, ohne weitere Überprüfung. Handschellen wurden angelegt.

Dem Mann, der die Statue abwusch, fiel diese aus der Hand. Zerschellte auf den Steinen neben dem Wasserhahn.

„Es ist ein wertvolles Artefakt,“ rief der Gefesselte, „zu schade, dass sie kaputtging!“ „Sie?“ „eine weibliche Statuette. Eine Rachegöttin, wenn wir es recht interpretieren. Sie müsste jetzt ihre Macht verlieren.“

Die Gruppe der drei näherte sich dem Grab des Schädels. Den die zwei Gräber hochhielten. Kopfschüttelnd nahte von der Wasserfassung auch der Professor. Alle trafen sich und sahen, dass ein Höhlenbärenschädel geborgen worden war. Die geteilten Handelnden verschmolzen, vereinigten sich wieder, die beiden Polizisten entließen den Professor unter Entschuldigungen.

Ich schreibe oft kleine Geschichten nieder. Und achte für gewöhnlich streng auf die logische Entwicklung des Geschehens.

  • Ein Intermezzo. Beginnend mit einer Traumpassion. Nein, Impression!

Jesus liebt dich. Innig. Intrinsisch. In dir. INRI.

Das ist schön, an sich ist das immer schön, aber ich hoffe doch, dass das keine ungesunde Obsession ist. Das würde mich doch sehr bedrücken, ja, ängstigen.

Du verstehst nicht, der Herr liebt dich.

Ich verstehe schon, zumindest das: ein mir persönlich unbekannter Herr Jesus liebt mich, offenbar ein reicher oder mächtiger Mann, da er Boten schicken kann – vermutlich Portugiese, die heißen doch oft Jesus? Großgrundbesitzer? Alte Familie, schon reich unter den Faschisten und Kolonialherren?

Portugiese? Unsinn, der Herr Jesus, du kennst ihn, unser göttlicher Herr.

Oh, oh, jetzt wird’s unheimlich. Göttlich, also ein apotheotisch überhöhter – was soll mir das sagen? Wird das jetzt eine Gespenstergeschichte oder landen wir bei einem gut bestückten, hyperpotenten Kerl, der das zumindest behauptet und unbedingt beweisen will?

Versündige dich nicht! Du sprichst von unserem Herrn, unserem Gott!

Eurem Gott? Nun ja. In Ordnung. Eurer. Wer seid ihr denn, und was geht’s mich an?

Der gute und gnädige Herr und Schöpfer der ganzen Welt, also auch dein Gott!

Na, da habe ich aber schon andere Stimmen gehört, die behauptet haben, sein Vorname – meistens ist der Nachname Gott, einfach Herr Gott, gelegentlich auch nur HERR, in gewissen Kreisen der Gesalbte – und seine Spielregeln seien anderslautend.

Mit diesem seltsamen Traumgespräch mit einem undeutlichen Gegenüber, es war diesmal nicht der meist Schwarzgekleidete, auch nicht sein Bruder, es war eine mir unbekannt und unerkannt bleibende Erscheinung von fernher, begann das, was ich mangels eines besseren Begriffs oben schon ein Intermezzo, also einen kurzen Einschub ohne größere Bedeutung und eine einmalige Angelegenheit nannte. Einmal ist keinmal. Sagt man. Also Männer. Die Frau sagt das seltener. Aber manchmal eben doch, was oft gutgeht, manchmal aber Folgen hat. Und so tat ich auch den unruhigen Traumgedanken ab.

„Sie sind neugierig. Sehr sogar. Erzählen sie doch lieber mal von sich! Und sei es nur, was sie von Beruf sind.“ „Aber, mein Herr! Wir sind uns doch wohl einig, dass die Frau geheimnisvoll sein soll, beginnend bei ihrem Alter, das spätestens mit 39 – oder war es 29, was in meinem Fall ganz egal sein dürfte? – zählungstechnisch endet, unbestimmt wird. Selbst Einstein war der Meinung, dass sie es ist. Ein Rätsel inmitten eines Geheimnisses, enigmatisch verschlüsselt, in dem ein beliebiger Mann uneingedenk seines Lösungen suchenden Gehirns, seiner womöglich hohen Intelligenz allenfalls unbeholfen herumstochern kann. Das gehört sich so, nach alter Sitte steht auch dahin, was an einer Frau außer der geheimnisvollen Aura denn interessant sein und wirken sollte. Da sie ja traditionell nichts hatte, besaß.“ „Eben, sie sind hier ganz schön altmodisch.“ „Na ja, ist ja auch wahr. So jung sind wir beide nicht mehr!“ „Wollen sie mir jetzt, da sie an meinen jüngeren Bruder nicht rankommen, den Priester, mein Alter vorhalten?“ „Ach bitte. Nicht doch. Auf die Ebene brauchen wir nicht zu gehen. Sie stehen auch nicht in Konkurrenz, sondern für sich. Oder halten sie sich für uninteressant? Was für einen Chirurgen, einen Arzt, einen Mann – Typen, die normalerweise ihren Wert kennen und im Quadrat veranschlagen – eine rare Bescheidenheit wäre, die ihn ungemein interessant machen könnte. Gute Taktik.“ „Sie spielen.“ „Ah, bah! Wenn schon, dann haben sie mit dem Kokettieren angefangen. Grade eben, sie erinnern sich, das Alter! Außerdem, und sie lenken ab, habe ich sie um etwas gebeten. Fangen sie schon an!“ Es entstand eine Pause. Ich lag nach wie vor auf meinem alten, gleichwohl schonbedeckten Sofa neben meiner Katze, dem haarschleudernden Grund für das wenig modische Möbelkleid. Meine Haltung war irgendetwas zwischen bequem und erotisch herausfordernd – lasziv. Zumindest war das die Absicht, die alten Knochen forderten eher Bequemlichkeit und auch der Hausanzug, landläufig Jogginganzug genannt, ohne üblicherweise für einigermaßen rasche Fortbewegung in dieser Bekleidung genutzt zu werden, in den ich schnell geschlüpft war, hätte nicht nur auf überkandidelte, eingebildete und vom Überschuss des Luxusüberflusses lebende Designer abschreckend gewirkt. Immerhin hatten wir einen stundenlangen Spaziergang hinter uns, der seinen Tribut forderte. Bei beiden. Anregende Diskussionen auf teils ungebahnten Wegen, scharfe Worte – ich kann es nicht lassen – und Waldbeeren. Ich hatte ihn mit einer Himbeere gefüttert, ihm erläutert, dass Echinococcus multilocularis, der gefürchtete kleine Fuchsbandwurm, wohl eher selten so übertragen wird, und ihn gefragt, wie er es mit dem hippokratischen Meineid so halte. Auf seine halb entrüstete Rückfrage, noch meinte er, falsch verstanden zu haben, sagte ich, ihm in einer graziösen Haltung, die hoffentlich an die unserer Allerersten, die mit dem Apfel, erinnerte, noch eine Beere anbietend: „Nun, heißt es da nicht: so viel Geld wie möglich zu verdienen, egal mit welchen Mitteln und Methoden? Wenn man schon kein Zahnarzt oder Radiologe ist mit ererbter Praxis, dann als Chirurg halt viele OPs verkaufen?“ Etwas später querten unseren Weg einige Motocrosser, unüberhörbar. Ich nahm eine würdige Positur ein und deklamierte: „Frühling ist’s. Ein blaues Band flackert, knattert durch die Lüfte. Horch! Von nah ein frecher Ton, Zweitakt, ja, du bist’s, dich hab ich vernommen!“ Da lachte er zum ersten Mal seit der von mir so bös angezweifelten ständischen, eidesstattlichen Erklärung, die ihm wohl doch die Körpersäfte, also den Humor, durcheinandergebracht hatte, wieder, obwohl uns in dem Gestank eher zum Husten war. Er überstand den Spaziergang und meine Bemerkungen in guter Haltung, kam sogar noch mit mir nach Hause. Er saß nun mannhaft aufrecht, wie es sich gehört, in meinem einzigen Sessel, ebenfalls deckchengeziert, hatte die Hosenbeine hochgekrempelt und stand mit beiden Füßen in einer Wanne, aus der der Dampf aufstieg. Seine Fußsohlen waren so mitgenommen von unserer Wanderung, dass die Entscheidung für ein Fußbad, er hatte sich zunächst gesträubt, war aber gegen fürsorgerisch – medizinische Argumente letztlich wehrlos, zwingend war. Wir hätten also für den Betrachter ein zu verlegener Heiterkeit animierendes Pärchen abgegeben. Und ich war nur froh, dass uns in dieser Lage mein Dorfpfarrer, die Besitzanzeige halte ich für berechtigt, war ich doch eine wenn auch außenseiterische Dorfinsassin, nicht sah. Denn, wie sein Bruder, der Mediziner, schon richtig erkannt hatte, mein Verhältnis zu ihm, unbeachtet seines Verhältnisses zu mir, war nicht ganz das richtige und gewünschte der demuts- und reuevollen Betschwester. Somit ergab sich ein belastetes Verhältnis, eine Beziehung in Schieflage.

Aber noch war die Schweigepause, die nach anfänglichem Wortgeplänkel entstanden war, nicht überwunden. Zwischenbemerkungen, kleinste Diskussionsansätze über die Phalanx unserer geschundenen Fußknöchelchen und angeschwollenen Gelenke halfen nicht, auch keine Anspielung auf den gnadenlosen, faschistisch – sadistischen Waldweg, den wir danach den Fußknochen mordenden Falangistenpfad nannten, keine Anmerkung, dass wir doch eine schöne, geradezu von spartanischem Durchhaltewillen geprägte, Phalanx abgegeben hätten. Nicht die Bemerkung, dass wir uns wie von Baumstämmen niedergewalzt gefühlt hätten. Der Begriff der Phalanx war dann auch verbraucht, zu dieser Stunde des Abends hatte ich noch nicht vorgehabt, zu einer Art schiefer Schlachtordnung überzugehen, der Arzt, erkennend, dass mir der Begriff für die Fußknöchelchen bekannt war, nickte, doch es senkte sich wieder halb müdes, halb peinliches Schweigen auf uns herab. Ich murmelte seufzend: „Da fühle ich mich in enger Gesellschaft einsam wie ein Hoplit hinter seinem Helm, seiner Gesichtsmaske… besser noch, wie seine daheimgelassene, im Lärmen der Schlacht und der darauffolgenden, orgiastisch ausartenden Feiern vergessene Ehegattin.“

Auf dem Tisch flackerte eine dicke, dunkle Kerze, die ich in dem gemieteten Haus vorgefunden hatte, als fast der einzigen Raumbeleuchtung. Sie verströmte einen höchst eigenartigen Duft, halb widerwärtig, halb betörend. Auf der Kerze waren irgendwelche ebenfalls dunklen Symbole eingeritzt, die ich aber nicht beachtet hatte, ich hatte mich nur erinnert, dass ich dieses Trumm bei meinem Einzug vorgefunden und an ihrem Platz hinten im Schrank belassen und nie benutzt hatte. Das Zimmer, das Haus lag ansonsten im Dunkel. Neben dieser Kerze stand ein einst von meiner kunstwollenden Hand selbstgetöpfertes Stövchen, vom üblichen Teelicht erwärmt, der zweiten Raumbeleuchtung. Dieser schwache Schein wanderte durch die seitlichen Öffnungen der gebrannten Erde, die ich einst mangels besserer Idee und ebensolchem handwerklichen Geschick mit Ausstechern für Weihnachtsplätzchen angebracht hatte. So wabernden Monde und Sterne über die Wände, wie von irrem Taumel erfasst, von wildgewordenen Wolken verfolgt. Es war dies romantisch und anheimelnd, hätten sie jedoch einen ebensolchen Tanz am Himmel vollführt wäre der Tag von Armageddon gewiss.

Ich räusperte mich: „Als Gastgeberin, die immerhin heißen Tee, ein paar uralte Kekse aus längst vergessenen Packungen, mühsam hervorgekramt auch ganz hinten aus dem Schrankwinkel, woselbst wir die Kerze entdeckten, und, jetzt wird’s schon biblisch, eine Fußwaschung anzubieten wusste möchte ich jetzt doch darauf bestehen, dass sie mir meinen Wunsch erfüllen. Es kann doch nicht sein, dass sie einfach immer nur versucht haben, Klassenbester zu sein, und dann, als fertiger Arzt, geheiratet haben, weil man das so macht und sich nur so die genau danach, nach diesem gesellschaftlichen Erfolg, gierigen Weibsen vom Leib hält?“ Er lachte, wenn es auch kein fröhliches Lachen war: „Bös formuliert, aber da ist was dran. Aber nein. Ich habe meine Frau schon während meines Studiums gekannt, eigentlich schon vorher. Und sie hat mir dieses zu einem guten Teil ermöglicht, finanziert! Sie ist Laborantin, also MTA, und natürlich, nur wenig jünger als ich, viel früher voll berufstätig gewesen. Und ich bin ihr immer, heute noch, dankbar dafür, ich weiß nicht, wie ich es sonst geschafft hätte.“ Ich murmelte, dass ich solche Geschichten auch kennen würde, allerdings mit durchaus anderen Enden, mit einem für ein jüngeres, willig dankbares Ersatzobjekt verlassenen Finanzier. Er nickte: „O ja, ich auch. Aber das kam für mich nie in Frage. Ja, klar, es gab die eine oder andere, die mir gefallen hätte. Aber unter anderem habe ich mich, wenn es hätte ernst werden können, immer gefragt: hätte diese…? Das für dich getan? Und die Antwort war eigentlich immer ein großes Fragezeichen, manchmal auch ein fettes Nein. Das hat mich vor Dummheiten bewahrt und unsere langjährige Ehe stabilisiert. Wobei es eine ganz normale solche ist, mit Höhen und Tiefen und vor allem langen Phasen ohne Aufregung – genaugenommen das Erstrebenswerte, denn wie heißt der gemeinste Fluch noch? „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Das kann man durchaus auch auf die Zweisamkeit oder halt, mit Kindern und so, auf die Familie beziehen.“ „Braver Mann. Offenbar mindestens ebenso brave Frau, oder täusche ich mich?“ „Nein, genau so. Mein Beruf ist aufregend genug, ich brauche nicht noch mehr Sensation, womöglich auf Leben und Tod! Und ja, sie ist eine gute Frau, lassen wir dahingestellt, ob immer brav – niemand steckt wirklich im Anderen, in dessen Gedanken und Gefühlen, drin. Ich könnte mir jedoch keine bessere Ehehälfte vorstellen. Sie ist an allem, auch an meinem Beruf, interessiert, aber nicht aufdringlich neugierig, ganz anders als gewisse Leute hier.“ „Ja, eben. Wir wollen doch noch etwas weiter in die Vergangenheit reisen. Wie begann es also? Im Anfang war… Na? Die Fortsetzung?“ er lachte wieder: „das ist einfach. Ich wurde geboren. Damit wäre der Anfang gemacht.“ Ich zog einen Schmollmund, den er bei der vorherrschenden Beleuchtung, eher schon Verdunkelung, freilich nicht sehen konnte: „Aber nein, so einfach entkommen sie mir nicht! Ich will wissen, wie, in welchen Schritten, sie die Verschiedenheit des Menschengeschlechts entdeckt haben – und bitte nicht, dass es Mutters milchgebende Brüste waren!“ „Das waren sie wahrscheinlich. Ja. Und die Menschen sind sich sehr ähnlich. Wenn man sie mal aufgeschnitten hat, was ich beinahe täglich tue. Es gibt dicke und dünne, es gibt große und kleine und ja, es gibt Unterschiede in den Geschlechtsmerkmalen. Aber sonst sind innen drin alle recht ähnlich. Von den gesuchten krankhaften Veränderungen natürlich mal abgesehen, dem Grund für die ganze Aufschneiderei!“ „Sehr wahr. Und sie drücken sich immer noch vor der Frage.“ „Eigentlich nicht. Und es gibt auch nichts zu drücken. Ich denke einmal, es war das Übliche. Davon mal abgesehen, dass ich nicht der forscheste, freimütigste Kerl war und bin. Sondern eher etwas introvertiert. Oder vielleicht besser, ich habe immer genau überlegt, was zu tun oder zu sagen ist. Und das bei den Mädchen…! Ach, das kommt nicht gut. Der Freche, Vorschnelle, der Unterhaltungskünstler, der Clown und der Obercoole, wie man wohl sagt, die Typen standen immer im Mittelpunkt.“ „Ja, wir sind leicht zu beeindrucken. Und nein, in Wirklichkeit spähen wir aus den Augenwinkeln nach dem, der uns tatsächlich interessiert. Und der Stoffel merkt nichts, geschweige denn, dass er seinen Mund aufbekommt!“ „So wird es sein. Das ewige Missverständnis.“ „Weiter, bitte! Und konkreter!“ „Wo sollen wir beginnen? Ja, ich hatte eine Kindergartenfreundin. Also, die war nicht im Kindergarten – da hat es mir überhaupt nicht behagt, das waren ja auch noch gute, alte Spättage der Zwangsdressur und die Spiele und Beschäftigungen waren so was von öde – sondern am Wohnort. Nachbarskind. Wir spielten gelegentlich im Sandkasten zusammen. Also Sandkastenfreundin. Ein zartes, blondes Ding. Mager trifft es besser. Die Familie zog weg, ich habe keine Ahnung, was aus ihr wurde.“ Ich musterte ihn lange und aufmerksam. Öffnete schon den Mund. Schloss ihn wieder. Es war nicht an der Zeit, präzise Fragen zu stellen, denn er sollte doch tunlichst weitermachen. Er zögerte noch, ich schenkte Tee nach. Auch den ungewohnten Kräutertee, ich trinke eigentlich den ganzen Tag nur Schwarztee und das koffeinhaltige Getränk war mir doch unpassend erschienen für eine derart beschauliche Fußwaschung, hatte ich hinten in einem Küchenschrank gefunden, in einer unbeschrifteten Dose. Auch dieser war schon älter, aber was sollte an getrockneten Kräutern schon schlechtwerden! Sowohl der Geruch des Tees als auch die Form der Blätter waren eigentümlich und eher unvertraut gewesen, aber, wie auch die Kekse, der Geschmack wurde bei fortwährendem Gebrauch immer besser. Ja, wir waren beide jetzt geradezu gierig auf das bröselnde, alte Gebäck geworden, aber nach dem langen Marsch durch sämtliche hinterwäldlerischen, innerwaldischen – Thoreau hätte für sein Walden noch von uns lernen können – Institutionen war ein gewisser Heißhunger doch verständlich.

Auch die aus dem Walde mitgebrauchten, vielleicht etwas leichtfertig selbst gesammelten Pilze, kaum in der Pfanne in Öl geschwenkt, verzehrten wir mit Appetit, wenngleich sie uns beiden in jeder Hinsicht ungewöhnlich vorkamen und ich merkte an: „Nach Tschernobyl kommt ein berühmter Pilzsucher. Er sagt: bei uns zu Hause muss man immer aufpassen, manchmal wohnen Zwerge in den Pilzen. Ist das bei euch auch so? Der Einheimische schaut erstaunt: und antwortet: „Wieso denn Zwerge?““ Immerhin erzeugte ich mit diesem rasch selbst konstruierten Witz ein kurzes Auflachen. Und das Unglück war damals noch frisch ins Gedächtnis einbetoniert und die Menschen beeindruckt. Wenn auch die Strahlung Jahrhausende anhält, so doch nicht die Aufmerksamkeit der Leute, sie zerbröselt sie die Schutzhüllen um eine unsichtbar verborgene, aber größere Macht.

Wir tranken Tee. Endlich sprach er weiter: „in den ersten Schuljahren waren Mädchen immer dieses Andere. Mit dem man möglichst wenig Berührung hatte. Erst lange nach dem Schulwechsel änderte sich das. Wie gesagt, ich war in dieser Beziehung weder frühreif, noch ein Spätentwickler, sondern einfach etwas schwerfällig. Wie diese Wesen ansprechen? Was sagen? Tun? Schließlich ergab sich die eine oder andere Gelegenheit im Nahbereich, in der Nachbarschaft, gemeinsamer Schulweg und so, Begleitschutz für abendliche Veranstaltungen – mit anderen Worten, ich erhielt den einen oder anderen Korb und wurde das eine oder andere Mal vorgeführt, ausgenutzt. War einigermaßen frustriert. Dazu kam noch eine fromme Familie, ein frömmlerischer Bruder, die anständiges Verhalten von einem forderten bis hin zum Einhalten aberwitziger Gebote!“ „Jetzt sprechen wir von Onanie, auch wenn es heutzutage selten auf Steine gezielt fällt.“ „Ja, natürlich. Menschlich. Jung – männlich. Das Übermaß an Hormonproduktion trifft auf Mangel an Gelegenheit und soll dann noch durch Anweisungen aus dem Altertum eingegrenzt werden. Eine Qual, aus der man sich befreien muss.“ „Arme Männer. So von der Religion gequält. Und von sich selbst. Priapismus, auch dieser typische und völlig normale jugendmännliche, ist aber doch auch nur eine Form des Eskapismus.“ Er schaute mich lange an, bevor er fortfuhr: „Auch. Auch gequält und reglementiert. Ebenso wie Frauen und, zugegeben, vielleicht nicht ganz in dem Maß wie Frauen. Männer dürfen vielleicht etwas mehr – dafür sollen sie aber auch mehr. Bestimmte Dinge in Gesellschaft und Kirche sollen sie aktiv vertreten und durchführen. Während die Frauen ja nur mundtot gemacht und in ihre duldende Rolle gedrängt wurden. Ja, und werden, ganz recht!“ Er hatte meinen Blick aufgefangen und entschuldigend die Hände hochgeworfen. Schließlich fuhr er fort: „Es ist nicht unbedingt immer einfacher, etwas, das man kritisch sieht oder ablehnt, aktiv, also lügenhaft zu vertreten. Statt einfach den Mund zu halten und die anderen machen zu lassen. Damit habe ich nicht gesagt, dass Frauen nicht noch stärker reglementiert werden, nicht dass ich falsch verstanden werde! Aber…“ „Ich habe schon verstanden. Alles und alle, das ganze Leben wurde durchstrukturiert. Und der Täter sollte ja auch wissen, was und wozu – nicht nur das Opfer. Auch der Henker braucht Vorschriften und Sanktionsandrohungen!“ „So kann man es sagen, wenn man will. Falsch ist es nicht, wenn auch vielleicht ein klein wenig zugespitzt.“ „Sagen wir es so: ich bin gerne Gastgeberin, aber zum Fußbad gehört nicht zwingend das Salben. Und vor allem das Trocknen der Füße mit meinen Haaren. Einverstanden?“ „Schade, ich dachte… Nein, nein, natürlich. Ich denke, das mit den Haaren ist ohnehin etwas aus der Mode gekommen seit damals. Wäre bei modernen Damen – Kurzhaarschnitten auch schwierig, oder?“ Wir lachten beide kurz über unsere Scherze, deren Anzüglichkeit sich noch auf einer Ebene bewegte, die selbst den frommen Bruder einbeziehen hätte können. Es war aber mehr gemeint, das war zu spüren und ich imaginierte, entschlossen, nicht davon zu sprechen, Lili aus Rondo Veneziano – wiederum aus Baisers Salés – von Sylvie Cartier, die den plötzlich entblößten jungen Mönchsnovizen so annimmt: „Das Stück besticht durch seine Größe: Ich sinke vor Bewunderung mit offenem Mund auf die Knie. Die Kirche muss ihre Schätze ab und zu auch teilen können.“ Aber ich, ich hätte dem armen Priester – Bruder nur wieder vorhalten können, dass die Kirche oft gerade jenen großzügig austeilt, die eher keinen Schatz darstellen, höchstens Schätze horten, und dagegen manche um ein behütetes Schätzlein beraubt! So konnte das ja nichts werden, aber hier, im weltlichen, im leiblichen der Gegenwart des Medicus waren die Sinne aktiv, ohne immer gleich Stacheln der immanenten, der anerzogenen, tief in freudlos freudsches Über – Ich eingepflanzten Gegenwehr auszufahren. Erschienen die Empfindungen, erschien die Welt vertrauter und damit harmloser, als sie es vielleicht war. Inzwischen war ein Gleichklang der eigenartigen Geruchs- und Geschmackssensationen aus alten Keksen, alten Teekräutern und dem Rauchduft der alten Kerze erreicht. Diese Empfindungen, wahrscheinlich kombiniert mit den Erinnerungen, denen jeder von uns nachhing, an von der äußeren Gestellung her ähnlich frugale Genüsse, vom Fühlen her aber so ungemein stark, wie es zu empfinden nur der Jugend möglich und erlaubt ist, stiegen auf und ließen uns in ein halb unbewusstes Begehren sinken. Ich musste dies in Worte fassen: „Ich glaube, ich habe irgendwo noch eine Flasche Sekt. Aber keinen so klebrig süßen, wie man ihn einst in sich leeren konnte!“ „Großartig. Und dazu noch diesen Wein von einst, an dem zu riechen inzwischen genügte, dass man sich schon erbrechen könnte!“ „Also ja.“ Und ich holte die Flasche, die ich freilich auch erst suchen musste.

Er sprach weiter: „Ja, richtig. Es ergab sich, dass ich bei einem Schikurs mitmachte. Nicht der von der Schule, diese Sorte hatten wir auch, ein frei angebotener. Mit dem Bus in die Berge. Und aufgrund der Gruppen und aufgrund des Schierennens am Schluss – 2. Platz – kam man ins Gespräch. Mit den anderen Teilnehmern, mit den weiblichen Teilnehmern, mit den Mädchen. Zwei Freundinnen waren da, eine blond…“ „Aha!“ „Nichts da. Und eine schwarzhaarig. Die Blonde hatte den ersten Platz gemacht. Und war nett, aber letztlich desinteressiert. Und ich hätte mit ihr, ein himmellanges Gestell mit krummer Nase nebenbei, aber bitte nicht falsch verstehen, hässlich war sie nicht, sind in diesem Alter eh die wenigsten Menschen, eh nicht viel anzufangen gewusst. Glaube ich. Aber die Schwarze. Also Typ: eher helle Haut, klein und zierlich, man kann auch sagen, nicht viel dran. Was dem unerfahrenen Entdecker wie auch später dem Genießer durchaus genügt. Und mattschwarze, glatte, lange Haare. Und, nicht zuletzt, aus einer frommen, ja, frömmlerischen Familie. Sie litt. An sich selbst, am Leiden Jesu, an der Welt. Sie war so etwas wie katholisch – gothic. Und Jugendliche, also ich zumindest, haben für diesen betrüblich in sich gekehrten Typus ja etwas übrig. Nicht wahr?“ Ich nickte. Auch ich war in diesem Alter mal in einer Phase gewesen, wo alles gar nicht nachtschwarz genug sein konnte. „Ja, sie war damals ganz mein Typ. Und ich irgendwie auch ihrer,“ fuhr er fort, „zumindest hatten wir ein gemeinsames Verständnis, gleich gelerntes für die Welterscheinungen und so weiter. Aber irgendwann war ich zu sehr im Hellen und sie zu sehr im Dunklen, umgekehrt meinethalben. Oder so. Jedenfalls war es zu Ende, vielmehr beendete sie es, und ich blieb einsam zurück. Traurig und einsam und ich denke heute noch mit Bedauern daran zurück, aber ohne Vorwurf. Und auch, wenn ich wirklich darüber nachdenke, mit der Sorge, wo wir wohl gelandet wären, wären wir zusammen diesen Trip weiter – ach, apropos Trip, ja, ich habe sie auch aus den Augen verloren, aber irgendwie ist mir, ihnen auch? Oder waren wir schon beim du? Dir auch? Mir ist ganz komisch. Von dem Sekt?“ In der Tat war mir auch seltsam. Und vor allem sehr, sehr warm. Heiß. Und doch mochte ich noch nichts ausziehen, da wäre ohnehin nicht viel zu tun gewesen. Er seufzte: „Na, wie auch immer. Ist ja auch gut, wenn uns jetzt warm ist. Immerhin sind wir vorhin zu allem Überfluss nass geworden!“ Ich kicherte: „Ja, Überfluss. In einen Bach gestiegen, der für unsere Wanderschuhe etwas zu tief war!“ Er lachte auch, aber ein tiefes Männerlachen: „Randvoll die Schuhe! Aber wer weiß, sonst wären wir vielleicht jetzt noch da draußen unterwegs, so aber sind wir doch auf dem kürzesten Weg zurück! Und das ist nun auch kein schlechter Platz. Wirklich nicht.“ Wieder entstand eine kurze, verlegene Pause, bis er zum Glück wieder ansetzte: „ja, also – ich lernte bald darauf eine Freundin kennen, die mir lange erhalten blieb. Aber schnell noch: natürlich lernte ich während meines Studiums verschiedene Frauen kennen, nicht nur Kommilitoninnen, Kolleginnen, Patientinnen. Eine von ihnen erinnerte mich im Typ an diese eine Jugendliebe: auch dunkelhaarig. Etwas fleischiger, fraulicher halt. Und ebenfalls etwas jenseitig gesinnt. Mit ihr war es seltsam und, wenn man so will, war ich damals meiner Frau untreu. Aber nein, es kam nicht zu Sex, nicht zu klassischen Zärtlichkeiten! Aber unsere Spiele, ich nenne sie so, sie hatten aber doch einschlägige Konnotationen. Zumindest für mich. Sie erzählte mir viel über Esoterik. Und was sie da alles gelernt habe. Und wollte mich zu ganzheitlicher Medizin – oder was sie darunter verstand – bekehren. Das war eine aus meiner Sicht krude Mischung aus chinesischer und indischer Lehre mit allerlei Schamanen- und Kräuterhexenhalbwissen. Apropos, ich frage mich jetzt doch, was das eigentlich für ein Tee ist, den wir da getrunken haben?“ „Ich auch,“ murmelte ich nur. Längst hatte ich auch die Vermutung gehegt, dass man nicht einfach irgendwelche Sachen vom Vormieter benutzen soll, ohne sie zumindest vorher vorsichtig zu testen. „Jedenfalls,“ fuhr er fort, „war sie mir schifahrerisch überlegen. Eine echte Schilehrerin gar, aber sozusagen damals schon in ihrem früheren Leben! Zwar taten wir das, Schifahren nämlich, zusammen, aber ihre Interessen glitten immer mehr ab in Richtung welterklärerischen Aberglaubens. Sie verschwand dann auch in irgendeine Sekte. Aber vorher erläuterte sie mir noch die Chakren der Inder. Am lebenden Objekt, mir nämlich. Und ja, ich musste mich dazu auskleiden. Natürlich verlangte ich von ihr dasselbe – wir tauschten die Rollen und ich suchte die Chakren bei ihr. Dumm war sie nicht, beziehungsweise gibt es ja ohnehin wenig Frauen, die in dieser Hinsicht lange naiv bleiben, und schloss richtig mit mir einen strengen Vertrag, was ich dürfte und was nicht. Zum Beispiel musste ich meine Hose anbehalten. Durfte ja keine unerlaubten Stellen berühren, eigentlich ohnehin nur die Punkte der vermuteten Chakren. Natürlich hatte ich alles andere vorgehabt. Pseudolöcher altindischer Philosophie interessierten mich damals am allerwenigsten! Doch schon eher die echten Erhebungen und Vertiefungen speziell des weiblichen Körpers. Aber ich folgte brav. Die Atmosphäre? War ähnlich wie hier. Kerzen überall, allerdings viele Kerzen. Die auch so eigenartig dufteten. Und eine fast ganz nackte Frau auf einer Massageliege. Ich befolgte brav das von ihr gezeigte, vermied es dabei aber nicht, über Zwischenräume zu streichen, was sie mir mit strenger Stimme, aber hinterlegt mit einem halben Kichern, verbot. Ja, um es kurz zu machen – beinah. Beinah erregte uns beide die Sache so sehr, dass es zu mehr gekommen wäre. Doch dann brachen wir ab. Zählt man das als Untreue – oder als ärztliche, wissenschaftliche Forschung? Wenn ich ehrlich bin war es meinerseits schon eher das erste.“

Ich konnte nicht anders: „Und jetzt? Würde die nach ihres Bruders Lieblingsautor Thomas von Aquin und Zeitgenossen untertänige Frau sie wieder in Versuchung führen? Würden sie die Chakren wiederfinden? Läge, hier zum Beispiel, eine nackte Frau?“ Selbstverständlich hatte ich meine Haltung verändert, lagen meine Finger am ohnehin nicht hochgeschlossenen Reißverschluss meiner Jacke. Langsam, sehr langsam öffnete ich mich. Öffnete ich ihn, den Reißverschluss. Jeden Verschluss. Meiner Jacke, seiner Hose. Und er fand. All die Öffnungen, die in eine Frau führen, jedes vielversprechende Chakra, jeden gangbaren Weg. Er nutzte die Vielfalt der menschlichen Physiologie, benutzte seine geschickten Chirurgenhände, seine Zunge, seinen ganzen Leib. Ich musste nochmals auf die geheimnisvollen Öffnungen zurückkommen: „Chakren? Das sind aber nicht jene Zugänge zum weiblichen Körper, die der verlauste Poilu Guillaume Apollinaire aufzählt? Jene ominösen 9, wobei 8 und 9 seine Phantasie unterschiedlich stark anregen, vertauscht werden?“ „Nein, zum einen gibt es nur 7 Chakren…“ „Ah, wahrscheinlich die Augen. Die kann man ja nicht unbedingt als Loch, als offenen Zugang werten.“ „Nein, sie haben auch nicht diesen sexuellen Anklang, vergleichen wir sie lieber mit zwar farbigen, aber im kosmischen Original sogenannt schwarzen Löchern: die saugen, sich drehend, Energien auf!“ „Hm. Ich sehe immer noch, ob 8 oder 9, ob Arschloch oder Fotze, die gegenseitigen, gegensinnigen, gemeinsamen, übereinstimmenden Bewegungen…“ „Stimmen sie denn mit Apollinaire überein?“ „Nein, aber für den damaligen und jederzeitigen Schützengraben tut es das gewiss. Noch in der tiefsten Furche findet der verzweifelte Ständer sein Ziel.“

Noch etwas später packte mich der Übermut und ich flüsterte ihm ins nahe, sehr nahe Ohr: „Kennst du den Film „Ein Fisch namens Wanda?“ Wie machst du das zu Hause? Gibt es jemanden, der dir aufgeilend zuraunt: „Grampositiv, PSA, HB, Leukozyten, Thrombozyten, Erythrozyten?“ Er zuckte zusammen und ich nahm ihn fest in den Arm: „Schsch. Es ist alles gut. Das hätte ich nicht sagen sollen – also gut, Tupfer, Schere, was brauchen sie als nächstes, ich bin hier ihre gehorsame Schwester, nur heute ganz ohne farbige Plastikumhüllung und verbergende Maske, bringe Stein, Schere, Papier und, ei, Herr Chirurg, was haben wir denn da? Wie geht’s uns denn heute – damit?“ Weder Stein noch Schere noch Skalpell hielt ich in der Hand.

Spät, zu spät kamen mir Zweifel und ich flüsterte mit aufgerissenen Augen: „Ich hab Angst.“ Er sah mich aus seiner Lage über mir aus kürzester Distanz verständnislos an. Bremste seine Bewegung. Ich wiederholte mich: „Ich bin eine Frau. Ich darf Angst haben.“ „Ja, und ich? Als Mann darf ich nicht?“ „Aber vor was, vor mir vielleicht?“ „Ja, vor dir.“ „Dass ich dir etwas antue? Ich liege unter dir!“ „Nein, bitte, nein. Dass ich deinen, nun ja, Ansprüchen nicht genüge.“ „Ach ja. Ich weiß. Die alte Männerangst, so schwer zu beruhigen, denn wenn man’s versucht, ist’s ganz rum. Trottel, leg los, überwinden wir unsere Ängste! Dasein ist Pflicht, und sei es nur …“ „Das kenn ich!“ „Faust 2, werben um Helena, jetzt zeig mir deine fest verwurzelte, angewachsene Männlichkeit, Medizinmann! Tu deine Mannespflicht!“ Und er tat. Ach ja, so ein Chirurg hat bekannt geschickte Hände, zwei an der Zahl, und ich die dazu passende weiche Zweiheit und wir bewiesen uns gegenseitig die vielseitige Chiralität aller Proteinstrukturen, die wir ja nun einmal im Wesentlichen proteinbasiert sind. Nicht ohne, dass er noch einmal gefragt hätte: „Was meinst du jetzt schon wieder mit Chiralität?“ „Aber, laß es dir zeigen,“ mit diesen Worten legte ich seine großen Hände sanft auf meine Brüste, ließ sie sanft und im Takt meiner Worte hin und her streichen, „sieh, Heinrich K. Erben spricht in „Die Entwicklung der Lebewesen. Spielregeln der Evolution:“ „Gewiss war das ein trivialer, ein blind von chemischen Bindungskräften gesteuerter, mithin beinah zufällig und richtungslos verlaufender Prozess. Doch schon bei der nächsten Weichenstellung erhielt das Geschehen eine Wendung, die bestimmte Möglichkeiten endgültig festlegte und andere für alle Zeiten ausschloss. Sie verlieh der Entwicklung aufgrund der tatsächlich erfolgten Option hinsichtlich der Chiralität eine definitive Richtung.“ Ich hatte das freilich nicht so glatt und ohne Unterbrechung heruntergesagt, da sich seine Hände auch ohne mein Zutun wie zufällig bewegt hatten, seine Finger festere Punkte gefunden hatten, sondern hatte stöhnend Luft geholt und mich meinerseits bewegt, in Richtungen, die andere Entwicklungen weitgehend ausschlossen. Er murmelte, ohne es seinen Bewegungen an Eindeutigkeit fehlen zu lassen: „Ah, verstehe! Auch wenn ich kein Chiropraktiker bin.“ Ich ächzte und stöhnte, während ich mich bewegte wie die Katze, wenn sie, wie es heißt, rollig ist: „Genauer in „Weichenstellungen: Wie das Leben entstand.“ Unterkapitel: „Synthese der kleinsten Bausteine.“ Aber ach, diese Baustelle hier wird ja immer größer, die Bausteine wachsen immer noch.“ „Wäre ich mein Bruder, ich würde dich für einen dieser Sexdämonen halten, so seltsam, wie du dich verhältst… für einen Incubus, Inbus, Sukkubus oder Saccharin oder wie immer das heißt. Komm, sag noch mal Chiralität oder wie du diese Chose hier zu nennen beliebst!“ Ich musste lachen, was unsere Steigerungsmöglichkeiten hemmte. Um die Sache wieder in Schwung zu bringen zitierte ich recht bruchstückhaft und abgehackt aus demselben Kapitel, indem ich ihm meine Brüste direkt vor Augen hielt: „… soweit es sich um optisch aktive Substanzen handelte – sowohl in ihrer strukturellen Linksform (L) als auch in ihrer strukturellen Rechtsform (D) vorhanden. Hier muss sodann eine ganz grundsätzliche Entscheidung gefallen sein…“ und endlich: „Es ist das Faktum der endgültigen und eindeutigen Option an sich, das hier zählt.“

Dass freilich in einer Ecke des Zimmers eine Kamera war, die uns und unser Tun aufnahm, wenngleich aufgrund der Dunkelheit die Bilder zumindest höchst undeutlich waren, das stellten wir erst viel später fest, als es hieß, ich hätte mit teuflischen Künsten den Pfaffen verdorben, verführt, der ja seinem Bruder immerhin einigermaßen ähnlichsah. Die Gegenwehr war deshalb so schwierig, weil der Chirurg und ich nichts getan hatten, was etwa strafbar wäre, aber der Arzt als verheirateter Mann doch nicht ohne Weiteres offen zu unserer gemeinsamen Tat stehen konnte. Etwas anderes freilich konnte er: die Kräuter und die Kerze und die Kekse von seinen Kollegen untersuchen lassen. Worin die Laboranten allerlei wirksame Substanzen, nicht zuletzt THC, feststellten. Was zur Not mein männliches Gegenüber, wen auch immer, mich aber nicht entlastete! Genau so was tun heimtückische Hexen doch, oder?

Sicher, ich nahm Kontakt zu den Vormietern auf. Hauptsächlich wegen der Kamera, von der sie nichts zu wissen angaben. Aber auch sie waren von der Dorfhexe beargwöhnt worden. Und es schien nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese, einflussreich, diese heimliche Installation beauftragt hatte. Und jetzt wohl auch über das Corpus delicti verfügte, die Bilder und Töne in ihrer situativ typischen Eindeutigkeit und dabei doch deutbaren optischen Undeutlichkeit. Was die Verwendung der illegalen Substanzen anging erntete ich freilich wohlwollendes, wissendes Gelächter.

Aber das war ja erst später! Noch ahnten wir nichts von der Gefahr, von der Kamera, von verbotenen, teils exotischen Substanzen, wussten nicht, warum ich plötzlich so ein seltsames Gefühl gehabt und dieses als Angst definiert und ausgesprochen hatte.

Noch lagen wir beieinander. Tief entspannt, müde, nur etwas hungrig, aber nicht mehr nach dem, sondern einfach nach Nahrung. Krümelten noch mit ein paar übrigen Keksen herum. Überlegten, woher wir Nachschub gewinnen könnten, denn Autofahren mochte von uns keiner mehr, wir hatten deutlich bemerkt, dass wir uns – noch führten wir das auf die Kombination Sekt und Wanderung zurück – nicht mehr eines klaren Verstandes erfreuen konnten. Was mich auch dazu verleitete, an dem freilich erschlafften nackten Arzt herumzuspielen und wissenschaftliche Forschung zu betreiben: „wenn wir Frauen oftmals mit dem Monde verglichen werden, aufgrund der nach Monaten zu zählenden weiblichen Angelegenheiten und der damit tatsächlich einhergehenden Unbeständigkeit. So ist dies hier der vom Monde gesteuerte Wurm der Gezeiten? Das Gewürm, das Gezeiten kennt. Fluthaft, ja, wie die Sturmflut anzuschwellen imstande ist um dann wieder, gänzlich verflossen, eine trostlose, jeder Feuchtigkeitsspende beraubte Wattlandschaft zu hinterlassen, trockenste Ebbe. Und wer steuert die Tide? Der Mond!“ „Weise, so weise bist du, o angebetete Devi, Devotionalie mein,“ sprach der noch halb im indischen Sagenkreis der Veden gefangene Doktor der Medizin, „doch sag an, wie kommst du hier, am Fuße der Berge, auf die Ereignisse an den Küsten der Welt?“ „Die Küsten der Welt sind überall. Auch hier unterhalb meiner Berggipfel im finsteren Tal, im tiefsten Binnenland. Aber davon abgesehen ist er doch hier, der kleine Wattwurm, der… oh, ich glaub, er wächst wieder!“ Das hielt nicht lange. Und ich fuhr fort: „Ach, du weißt es ja. Wir nehmen uns viel zu wichtig heutzutage. Das Ich, die neue Mode. Schon längst die der Männer, aber inzwischen ja wohl auch die der Frauen. Selbstverwirklichung und dann sich verirren im Gestrüpp irgendwelcher halbgarer Philosophien, uralter Religionen und Riten oder gar in einem Modetrend. Das Wir suchen wir und vernachlässigen es zugleich oder beschweren uns darüber, dass es unvollkommen sei, da unserem Ego, dem heiligen Ich, nicht dienstbar und untertan! Ach ja, ach weh und so. Hast du auch so einen Hunger…?“ Die Frage wurde bejaht und die Suche ging weiter. Nackt durchstöberten wir das Haus, uns von Wänden, Vorhängen und der dunklen Nacht dort draußen irrtümlich wohlbehütet fühlend. Kicherten wohl auch bei Begegnungen in finsteren Winkel, sparten nicht an rauschhaften Liebkosungen. Selbst ein Gedicht, von mir und vor allem spontan verfasst, trug ich vor:

„Lob der Liktoren. Hymne an das Gewesene, das Hymen.

Preis der Sitte und des Anstands.

Preis den wohl geschickten Händen,

die uns recht fest in diesen halten,

sanft tragen selbst in Zeitenwenden.

Lob dem, der den Schlaf vertreibt,

Uns aus Träumen sanft erweckt

Durch helle Worte, sanfte Taten

Und uns an vielen Stellen leckt.“

Mein Vortrag, ich hatte mich, unbekleidet wie ich war, in Pose geworfen, war fraglos würdevoll. Der Situation angemessen, außerhalb dieser vermochte er einem eng gefassten Begriff von Würde freilich nicht mehr zu genügen.

Weiter trällerte ich:

„Aus Schattengebüsch erwachsen Bäume,

streben hoch, gar Himmelsräume

träumen sie sich zu ergründen –

laß sie gleich was Tief’res finden:

Drangvoll in des Lebens Zwänge,

drangvoll in des Prallen Enge,

Tief in dem Dunkel Wahrheit,

im Nachhinein erst Klarheit.“

Ach nein, nicht die ganze Zeit derlei, auch harmloseres, zurücksinnend unseren Waldspaziergang besingend: „Durch die Wälder, durch die Auen/mit meinem Hahn, dem stolzen Pfauen!“ Freilich antwortete er darauf lautstark und seine Stimme künstlich in einen tiefen Bariton absenkend: „Durch die Auen, durch den Wald/geleitet ich mein Huhn alsbald!“ „Pah, mein alternder Cheiron, edler Menschenarzt und doch Hengst an der rechten Stelle! Lagertest mit mir – mit feuchten Hufen – auf der romantischen Lichtung, dem locus amoenus und erkanntest nicht die wilde Anbeterin des weinumrankten Jünglings?“

Lachend, unsinnig kichern sanken wir uns wieder in die Arme, da einer alleine gar nicht ohne Einschränkung stehfähig war. Ich flüsterte: „steht wie voll mit liquid Ecstasy, ja, lick like Ecstasy.“ Anscheinend hatte ich schon so eine vage Vorahnung, was unseren Liebesrausch zusätzlich befördert hatte, wenn ich auch die Substanzen nicht tatsächlich zu erraten vermochte. Manches mag auch der Erinnerung entschwinden, wie etwa die Bemerkung, dass es uns doch in erster Linie um die Ästhetik gehen würde, denn „ob falsifi- oder verifi-, es geht uns doch nur ums Zieren!“ Der mehr der praktischen Anwendung verbundene Doktor der Medizin brauchte einen Moment, doch dann war er wieder bereit, die gern gegebenen Annahmen zu verifizieren. Ich murmelte noch: „wissenschaftlich arbeiten heißt verzieren.“ Er aber: „Zier dich nicht, Mädchen, komm.“ Ja, die Situation, vor allem aber die wirksamen Substanzen, die wir uns großenteils unwissentlich einverleibt hatten, waren ungewohnt und deshalb besonders durchschlagend in der Auswirkung.

Es gibt infolge von Drogenräuschen die gnädige retrograde Amnesie. Aber ich weiß das alles, alles noch genau, halt, genauer, ich weiß es inzwischen wieder genau. Denn ich habe die Aufnahmen gesehen. Wir hatten, aufgeputscht, eine Menge Spaß in jener Nacht!

Jedermann weiß, wie ernüchternd darauffolgende Morgenstunden sind. Wenn man aus Rauschzuständen in die nackte, gräuliche Wirklichkeit zurückgeworfen wird, alles so schwer ist, man selbst sich so schwer fühlt, den ganzen Körper überschwer und überflüssig empfindet, aber vor allem diesen unsinnigen, unnötigen Ballast da oben am Hals, diesen Schädel, der pocht und dröhnt.

Jedenfalls eröffnete er mir beim Frühstück – hauptsächlich Wasser, viel Wasser – dass sich das, was auch immer das war, nicht wiederholen würde. Ich nickte nur: „es gibt keine Wiederholungen. Déjà – vu – perdu. Wir glauben uns an Ähnliches, ja, Gleiches zu erinnern. Aber alles ist jedes Mal neu. Selbst wir sind jedes Mal neu, unser Körper neu erschaffen, altes, totes Material abgestoßen, neue Zellen sind wir, vage verschwimmt das tote Alte als verklärte Erinnerung. Es war schön, aber es war. Was auch immer das war, wie du schon sagst.“ Er erzählte etwas von Gründen, ich schüttelte den Kopf. Er erwähnte seine Frau, ich hob abwehrend die Hände. Er ließ den Kopf sinken: „Und außerdem. Außerdem werde ich jetzt in ein Krankhaus gehen.“ Ich lachte: „Das nehme ich an! Ich wüsste nicht, wo man Chirurgen sonst brauchen kann. Autowerkstatt? Uhrmacher? Ach, ich hab’s! Metzgerei, Messerschleiferei!“ Offenkundig war da noch ein Rest der eingenommenen Substanzen, ich kam wieder ins Kichern. Er schüttelte den Kopf: „Freilich, ja, aber das meinte ich nicht. Ich werde als Patient dorthin gehen.“ „Oh?“ „Ja. Krebs. So gewöhnlich. Wie jeder dritte Europäer halt… Früh erkannt, aber aggressiv, also mal sehen.“ „Verdammt. Das tut mir leid. Für dich. Für euch. Für deinen Bruder!“ „Ach der. Der tröstet mich mit krebszellenfreien Ewigkeiten. Lieb gemeint, aber nicht so hilfreich wie er glaubt. – wäre allerdings auch blöd, wenn er selbst es nicht glauben würde.“ „Ja. Es gibt da wohl nicht viel zu sagen oder gar zu tun. Nur zu hoffen.“ „Ich habe schon genug solches Zeug herausgeschnitten. Das geht schon. Aber man erkennt erst einige Zeit hinterher, ob man Erfolg hatte.“ „Ja. Und auch der Patient, der trotzdem die Rechnung schon hat.“ Ich sinnierte. Er fragte nach meinen Gedanken. Ich murmelte: „Carsten Bresch sagt – in „Wie das Leben leben lernte,“ aus „Zwischenstufe Leben. Evolution ohne Ziel?“ – „…Das Perfekteste an der Replikationsfähigkeit ist jedoch ihre „Fast – Perfektion.“ Ohne… gelegentliche Zufallsfehler wäre jede Entwicklung unmöglich…“ Er nickte: „Ich weiß.“ Und ich konnte den Mund nicht halten: „Gut für das Leben. Gut für die Art. Blöd gelaufen für das Individuum. Und die, die es lieben. Bis hin zu gemeinsamen Reproduktionsorgien.“ Damit kamen mir die Tränen. Von denen er sich nicht rühren ließ, sondern sachlich erwiderte: „Du bist doch eine selten blöde Gans. Imbezillität infolge zu vieler hyperaktiver, hypererregter neuronaler Verbindungen, das wird es sein. Ja, natürlich, so ist es. Aber als Krankenhauspsychologin oder -sozialarbeiterin hätte ich dich rausgeschmissen, wenn du so was zu einem Patienten sagst.“ Ich nickte. Dann wurde ich wieder wacher, aggressiver: „Wäre es dir etwa lieber gewesen, wir würden die vorweggenommene Rache der moralinsauren Götter annehmen?“ „Quatschtante. Laß uns hier weggehen, irgendwohin, wo man ein anständiges Frühstück bekommt!“

Die beste Frühstücksqualität erlangten wir als Schmarotzer bei seinem Bruder. Die Kirche kümmert sich um ihre Schäfchen und die Pfarrhaushälterin um den namengebenden Pflegling. Sowohl die Pfarre als auch den Pfarrer.

Allerdings wurde das traute Gespräch der Brüder – ich war da etwas außen vor, unterhielt mich mehr mit der genannten Haushälterin, die sich wiederum nur höchst oberflächlich mit mir abgab, ich war ihr einigermaßen suspekt, obwohl oder weil ich doch eine so häufige Besucherin war – jäh gestört. Offenbar war ein Großbauer schwer erkrankt, der reichste hier in der Gegend, mir bis dahin gänzlich unbekannt. So schwer erkrankt, dass gleich nach dem Pfarrer gerufen wurde, der auch pflichtbewusst sogleich aufbrach. Sein Bruder, immerhin auch ehedem Ministrant, kam mit. Und ich dummerweise auch. Wenn ich auch draußen blieb, mir den wohlbestellten Gutshof ansah, ein wenig in die Stallungen spähte. Hier freilich keine Schweine und Rinder, die hielt man anderswo, edle Pferde waren es, die mich neugierig machten und freundlich schnaubend begrüßten.

Einer vorwitzigen Mähre streichelte ich über die großen Nüstern und meinte: „Freilich, die müssen hier schon Geld haben, wenn sie so was wie dich hier halten können!“ Inzwischen hatte ich nämlich im Halbdunkel des Stalles das OX am Schenkel erspäht, hatte bisher gedacht, sie wäre halt irgendein eher zierliches Pferdchen und war nun doch angesichts des offenbaren, eingebrannten Adelstitels einigermaßen von Ehrfurcht ergriffen und flüsterte: „Ich hätte es gleich sehen müssen. Euch erkennt man doch an der Nase, Araberstute! Nur wenige haben so einen Hechtkopf, so eine aufgeworfene Pointernase, die in deinem Fall freilich nicht das Rebhuhn im Felde riechen soll, sondern den Wüstenwind einatmen. Und jetzt stehst du hier im Stall.“ Da trabte auch schon einer der bestallten Knechte heran um mich von meinem frevelhaften Tun abzuhalten, das waren hier schließlich keine Jedermanns – Streicheltiere!

Das wäre nicht so schlimm gewesen, doch gerade kam aus der anderen Richtung die Dorfhexe wutentbrannt herangesaust und schrie etwas, das ich zunächst nicht verstand. Hinter ihr her die beiden Brüder. Erst war ich geneigt, über den doch etwas seltsamen Anblick einen Lachanfall zu bekommen, erkannte dann aber schnell, dass es die üble Anführerin des Laufs mal wieder auf mich abgesehen hatte. Jetzt verstand ich auch ihr Geschrei. „Die Stase, die Stase bist du! Er hat es selbst gesagt!“

Sie bespuckte mich, wollte mich schlagen, da ging zum Glück der Pferdewächter dazwischen, der dieses Gegeifer nahe bei den wertvollen Objekten seiner Obhut keinesfalls dulden konnte. Ich entwich und ließ mich von meinen Begleitern aufklären. Der Bauer hatte einen schweren Anfall von Gelbsucht erlitten, wohl nicht den ersten. In seiner Sturheit hatte er es bisher versäumt, sich Fachärzten anzuvertrauen, seine Angehörigen hatte aber geglaubt, es habe sein letztes Stündlein geschlagen und sowohl den Pfarrer als auch die ortsübliche Heilkundige herbeigerufen. Der Bruder des Pfarrers hatte nur einen Blick auf den Kranken geworfen und „Cholestase“ gemurmelt, noch dazu etwas von „womöglich intrahepatisch,“ dann ging alles sehr schnell. Während er noch darauf bestand, dass schnellstens der Rettungsdienst gerufen werde, war die Dorfhexe, plötzlich sich überflüssig fühlend, auf derlei heidnische Praktiken schimpfend, in den Hof gegangen und hatte, als sie mich erblickte, mich natürlich als die Urheberin von derlei ihr das Geschäft verderbenden Machenschaften erkannt. Stase hatte sie verstanden und im Bereich des Aberglaubens und der alten Sagen, die ihr nüchtern oberflächliche Wahrheiten waren, kannte sie sich ja aus. Kurzum, ich war ihr die Wiederkehr der Hexe Stase* vom Zöbelehof, einer Tiroler Angelegenheit freilich, denn das liegt zwischen Landeck und Prutz.

Das mit der Bedeutung der Stase, des Wortes als eines Namens bekamen wir erst später heraus als das Dorfgerede dem Pfarrer anvertraut wurde oder genauer seiner Haushälterin. Die Cholestase hatte die Böse nicht verstanden, gar nicht verstehen können, auch nicht verstehen wollen, sondern dem Wort ihre selbstgebastelte Bedeutung unterlegt. Mit derlei unfrommer, geradezu teuflischer Fachsprache der medizinischen Hexenmeister hatte sie als alteingesessener Heilerin, Gesundbeterin schließlich nichts zu schaffen!
Ich erinnerte mich dieser sonst unwichtigen Szene, als ich das erste Mal die Bilder der Überwachungskamera sah, unsere rauschhafte Liebesnacht. Und mir klar wurde, dass diese Bilder in den falschen Händen üble Folgen haben würden. Für den unbeteiligten Pfarrer, sonst eben seinen Bruder, den verheirateten Arzt und natürlich für mich. Im Moment dieser Erkenntnis und in der Erinnerung an die hässliche Szene murmelte ich in der Erwartung peinlichen Ärgers, der mich jetzt schon mit Hitzewellen überschwemmte: „Heute wird ein warmer Tag.“ Wie einst die Stase, als man sie auf dem Scheiterhaufen festband! Denn auch ich kenne die Hexen und ihre Geschichte, wenngleich ganz anders als die wirkliche Dorfhexe nur aus der schriftlichen Dokumentation einst verbreiteter, erzählter Geschichten, hier den Tiroler Sagen, * die aller Überlieferung zum Trotz nicht einfach geglaubt werden sollen, vielmehr einer vielschichtigen Interpretation bedürfen. Und ich warf noch hinterher: „So entsteht keine dörfliche, lebendige Homöostase. So zerbricht das Leben, das Dorf, das System.“ Ohne gleich meinen eigenen Anteil ganz zu erfassen. Denn mochte auch sie fest im Hexensitz gleich einem Krebsgeschwulst oder einer Autoimmunerkrankung im Gewebe des Dorflebens sitzen, so war ich doch der fremde Erreger, der von außen eingebrochen war und virulent wurde, ob es nun meine Absicht war oder nicht.

Und ich erinnerte mich meiner peinlichen Worte, die ich wieder einmal nicht für mich behalten konnte, als ich mich von dem Arzt und seinem Bruder nach dem Geschrei und Getue verabschiedete.

Ich sagte mehr zu mir: „Ach, Männer haben keine Gefühle. Nur Erfolg, den sie erlangen oder nicht. Das verwechseln sie dann mit Gefühlen. Viel davon als asozialer Typ: Häufige Erektionen, oft einen Orgasmus, viele Gelegenheiten, jemanden zu entlassen oder anders zu erniedrigen. Viel davon als sozialer Typ: die Frau, die Frauen oft zum Orgasmus bringen, gern auch schwängern, das Team miteinbeziehen, den Mitmenschen Anteil am Erfolg, an der eigenen Großartigkeit geben!“ Dann wandte ich mich den beiden zu: „Ja doch, ihr zwei gehört zum letzteren Typus. Unzweifelhaft. Ich liebe euch beide sehr und bin stolz auf euch. Doch alles Schöne endet.“ Auf dem Absatz machte ich kehrt, eilte davon, wartete keine Antwort ab und ließ sie nicht sehen, dass mir eine Träne die Wange herablief.

  • Weitere Gespräche. Mit dem Pfaffen und trotz aller Längen unvollständig:

Bin ich abgereist, wie ich es vorhatte? Nein, denn ich wusste nicht wohin. Und so saß ich bald wieder bei dem üblichen, denn wir sind fromme Bluttrinker, Glase Wein.

„Ach wissen Sie, Hochwürden – als ich davon hörte, glaubte ich ja lange, so wird man halt erzogen, aufgezogen, so saugt man die Weisheit der Alten mit der Muttermilch ein, dass die Altkatholiken halt so Spinner wären. Bis ich beiläufig las, dass sie nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben, dass sie sogar wegen der Ablehnung dieser wahnwitzigen Lehre entstanden!“

„Sie wissen, dass Sie, bei Ablehnung dieser – freilich nur bei ex Cathedra verkündeten Lehrsätzen – zu exkommunizieren sind?“

„Schlimm, gell?“

„Sie spielen mit den wichtigsten Sakramenten!“

„Sakrament. Sacklzement. Himmelherrgottsakra. Mehr fällt mir dazu platterdings nicht ein. Oder meinetwegen: waren das unfromme Leut, die sich mit dem ollen Papst anlegten? Und war das ein Reformpapst, der zwar süffisant meinte, dass er qua Rolle unfehlbar geworden sei, aber doch keinen Gebrauch davon zu machen gedenke – der es aber gleichwohl versäumte, die so entflohenen und vertriebenen, ja, in den tiefsten Höllenschlund der Verdammnis geworfenen Schäfchen zurückzuholen! Bis heute! Hus dreht sich erneut in seinen Gräbern um und die braven Katholiken Engelands, denen es bei anderer Gelegenheit gleich erging, gleich mit! – Bitte, „wer sich mit der Taufe begnügt und einen Kirchgang für ein Bekenntnis hält, der hat den Glauben nicht begriffen.“

„Schön gesagt, da kann ich uneingeschränkt zustimmen, wo haben sie das denn her?“

„Uwe Gardein, die letzte Hexe – Maria Anna Schwegelin.“

„Hm. Ich fürchte, sie verlieren an Niveau.“

„Und sie stimmen inhaltlich zu.“

„Ein Falle?“

„Nein, nein. Verzeihung. Das war ein dummer Seitenhieb, unnötig. Keine Falle. Ich gebe zu, das Beispiel war vielleicht nicht so glücklich gewählt. Hätte ich gleich den Hexenhammer nehmen sollen?“

„Ach, kommen sie! Wir wollen nicht zurück ins Mittelalter! Niemand, weder Mann noch Frau, weder Häretiker, Hexe, Heuchler wird verbrannt!“

„Dann frage ich sie, wo wir hier eigentlich sind. Oder auch anderswo. Wir reden doch über Aberglauben.“

„Ich dachte, über den Glauben!“

„Sehen sie – ich sehe hier, ohne alles gleichsetzen zu wollen, ein Kontinuum.“

Nun trat ein unerfreuliches Schweigen ein. Wie um zu zeigen, dass er nicht etwa beleidigt schwieg, schenkte der Priester aus seinem privaten Vorrat noch jedem ein weiteres Glas Wein ein. Wir tranken langsam, bedächtig und schweigend. Es ging weniger um den Genuss des Weines, als vielmehr uns beiden um die Frage, wie wir aus dieser fatalen Argumentationssackgasse auf gute und versöhnliche Art wieder herauskommen konnten. Er seufzte tief und öffnete schließlich und endlich den Mund, murmelte fast mehr als dass er vernehmlich sprach: „Aber warum nur, warum suchen sie mich und damit die Kirche auf?“ Ich schmunzelte: „Warum ich sie heimsuche? Nun, ein jeder trage sein Kreuz und so, aber für mich gilt doch auch: „Extra ecclesiam nulla salus.“ (Es ist kein Heil außerhalb der Kirche) Oder sollte das für mich, nur weil ich kritisch gestimmt bin, gleich nicht mehr gelten? Muss ich mir mein Heil ganz und gar selbst zusammenbasteln, alleingelassen mit der ewigen Stimme des Versuchers? Nein, nein, ich verdamme doch die Kirche und die Religion nicht zur Gänze. Verwerfe sie nicht völlig. Bin offen für das, was mir einleuchtet. Bin bereit, auch über das andere nachzudenken – nicht nur mit den bewussten Gedanken, sondern auch zutiefst Innerlich nachzufühlen: sagt mir das etwas? Klingt da etwas an, das über das uralte Eiapopeia vom Himmel, wie Heine so schön sagt, hinausgeht? Kann ich doch sowieso Heines Glaubensbekenntnis nachbeten, natürlich nicht sein Bonmot vom Eintrittsbillett in die Gesellschaft, sondern seine Exkursion zu Vater, Sohn und heiligem Geist – ohne seinen hehren Anspruch, schon ein Ritter des Geistes zu sein!“ Des Priesters Gesicht hatte einen verkniffenen Ausdruck angenommen. Er war wohl kein ebenso großer Bewunderer des großartigen Dichters wie ich. Und auch sonst mit meinen Anmerkungen nicht völlig einverstanden. Vielmehr sprach er leise vor sich hin: „Salvandorum paucitas…“ Er wollte fortfahren, aber ich winkte ab und ergänzte: „…damnamdorum multitudo.“ (Viele werden verdammt, wenige gerettet). Ich hob mein Glas und prostete ihm zu, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen. Er seufzte wieder und hob sein Glas ebenfalls.

Ich nippte und nickte bedächtig. „Und, sehen sie, wie sollte ich mit allem einverstanden sein. Ich bin nicht so vermessen und strebe der fügsamen Jungfrau nach. Möchte keines Herren Magd sein. Und dann kommen Paulus, der olle Römer, und Thomas von Aquin, nach dem eine Frau dem Manne schon deshalb untertan sein muss, weil in ihm der Verstand regiert! Im Mann! Und dieser schlaue Thomas argumentiert weiter, dass ein Vater vom Kinde mehr geliebt werden soll, als die Mutter, weil der Vater den größeren, den aktiven Anteil an der Empfängnis hat als die passive Mutter! Spricht er eigentlich von einer Vergewaltigung als Normalfall? Und wertet er das Herumgezappel wirklich so hoch? Dass er so Kleinkram wie monatelange Schwangerschaft und Geburt geringschätzt, abtut mit der passiven und rein materiellen Rolle der Frau in der seltsam männlich dominierten Angelegenheit, sei’s drum.“ Er wollte etwas erwidern, doch ich war schneller: „Und nein, kommen sie mir nicht mit den Interpretationsversuchen der neuen Christusjünger, die die aufgeschriebene, eindeutige Geschichte der Unterdrückung der Frauen in der Gesellschaft, zumal in der römischen und in der nahöstlichen, betreten wegleugnen, sagen, das stehe ja in Bibel und Thora und Koran und wo auch immer ganz anders, man müsse das ganz anders lesen. Im verlogenen Interpretieren waren Theologen immer schon groß, jeden noch so machtlüstern geborenen Krieg konnten sie rechtfertigen, Mord und Totschlag mit Deus lo vult und Allahu akbar verbrämen, vom alten Testament rede ich gar nicht! Die Unterdrückung der Massen, der Leibeigenen, Sklaverei und, ganz selbstverständlich, der Frauen. Und jetzt hätten sie das Ganze gern um ein paar Spiralen gewunden, damit es hübscher aussieht? Nein, danke. Bitte keine Leugnung der aufgeschriebenen und historisch verbürgten und architektonisch, stellen sie sich mal vor so einen alten, hochaufragenden Dom mit oder ohne steinern anklagender Sau, noch dem Begriffsstutzigsten dargestellten Unterdrückungsgeschichte. Frauen und andere Unfreie, Arme und andere Unfreie, die jeweils Ungläubigen – unterdrückt gemäß verkündetem Gotteswillen!“

„Wir verlaufen uns in müßigen Diskussionen über Theologie und vor allem über sicher kritisch zu sehende vergangene Zeiten. Und sitzen hier vor einer nassen Wand. Vor einem dunklen Schandfleck, der sich typischerweise immer mehr auszubreiten gedenkt.“

Zur Bestätigung schlugen dröhnend, jedes also unnötige Wort übertönend, zum andachtsvollen Schweigen weniger gemahnend als zwingend, die Glocken vom eben erwähnten Turm. Es wurde dämmrig. Und ich zog mein Jäckchen enger um meine Schultern.

„Ich bin eine Frau und mir des Vorranges bewusst, was das Leben, das lebendig machen betrifft, was das nicht bloße Angewiesensein auf künstliche Schöpfung oder gar nur Wortklauberei, Auslegung angeht. Auch wenn es nicht gefällt. Exegese, Ontogenese, Schnapsnese. Was sagen denn die heiligen Sakramente oder das ebenso fromme Wort aus? Dass wir uns an männergemachte Regeln halten sollen. Und diesen krummen, in sich gewundenen Hirtenstab, diesen vorzugsweise penisförmigen Zauberstab, der, wenn wir ihn sehen könnten, vermutlich ähnlich einem Otternhemipenis mit Widerhaken besetzt wäre,“ ich musste Luft holen, meine Sätze wurden selbst mir zu lang, „den hält die Mutter Kirche, beherrscht vom Stellvertreter, vom Papa, vom Papst, hoch. Und Mutter Kirche verfolgte Leutchen wie die verrückten Katharer stets ärger als jemals den feindlichen Sarazenen, denn die Bedrohung aus der Nähe, die Bedrohung von innen, die Bedrohung durch freiheitliche Gedanken wäre unerträglich.“ „Jetzt wird’s wirr. Verstehe ich recht, sie wünschen die Kirchenreform, eine feministische Revolte, eine…“ „Nein. Lassen sie’s gut sein. Das ist mir einfach nur Wurst. Mir genügte ein offenes und öffentliches Bewusstsein der Institutionsvertreter, für was sie einstehen, für was ihr Laden steht – nicht nur wenn der Hosenladen offen steht – und wo sie herkommen. Mir dreht sich alles um, wenn ich so einen neumodischen Pfaffen auf eine Weise, die einem Jesuiten die Schamröte ins Gesicht treiben würde, so sprechen höre, begründen höre mit einer Wortverdreherei, die in 1984 das Wahrheitsministerium auf den Plan rufen würde, dass die Bibel und die Propheten, dass Adam und Abraham und die ganzen anderen nahöstlichen Machos nicht frauenfeindlich gesinnt waren. Dass sie ihre Frauen nicht als rechtlose Sklavinnen gehalten haben und nicht genau das in den 10 Geboten steht, sich durch den gesamten Text zieht. Dass alle überlebenden großen Religionen Ausdruck einer männerdominierten, Herrschaftsstrukturen verfestigenden Gesellschaft waren und sind. Dass genau diese Art von unterwürfiger Demut gemeint ist – vor Gott, vor dem König oder irgendeinem dahergelaufenen Fürsten, natürlich auch vor dem zweiten Stand. Und jede Frau vor dem Mann. Und da sage ich schlicht: nein, danke!“ „Zugestanden, dass, wollen sie die Bibel, wollen sie all die religiösen Texte auf diesen einen, isolierten Punkt reduzieren?“ „Nein. Aber solange er nicht ehrlich zugestanden ist: ja. Und weitere Diskussionen über all die Weisheiten und Wahrheiten und walbewohnenden Propheten und wahlverwandten Gottesabkömmlinge überflüssig. Oder, positiv betrachtet: vorzeitig. Vielleicht kommt ja noch in 1000 Jahren die Einsicht, die altehrwürdige Mutter Kirche hat ja Zeit. Und hat ja schon vieles eingesehen, gelernt. Immer wieder. Alles gerne zugestanden, wenngleich Jan Hus Jahrhunderte warten musste und Darwin nicht ganz so lange, im Übrigen auch nicht verbrannt wurde, da will ich gerne noch ein bisschen zuwarten. Aber so lange, tut mir leid, gibt es keine echte gemeinsame Basis. Und solange es eben nicht ehrlich heißt: ja, das war das Leben damals und das verkünden wir heute noch und darauf beruht eben unsere aktuelle, weiterhin altüberlieferte, im Kerne gleichgebliebene patriarchalisch feindselig unterdrückerische Frauenpolitik. Und nicht nur die. Gerne!“ Er schenkte nach. Um meinen Redeschwall zu stoppen? Dann war es vergebens.

„Ach ja. Das Weib denkt ihr euch duldend. Stark der Mann, nicht nur bei Liliencron und dem alten Herrn Stahlgewitter und all den Faschisten, Faschistoiden und Neofaschisten: immer als Muskelstärke, als Körperstärke gemeint. Und diese naturgegebene Überlegenheit des durchschnittlichen Mannes gegenüber der durchschnittlichen Frau ausgespielt. Das Weib aber habe seine Stärke nur, insofern sie Dulderin ist, Erduldende! Schön, spätestens wenn sie geschwängert ist, spätestens, wenn sie gebiert, was ihr da mit oder ohne Einwilligung eingepflanzt wurde, spätestens dann ist sie die große Dulderin, nicht gut zu übertreffen, und opferten sich die Männer noch so sehr für fragwürdige Sachen auf, die sie zumeist selbst zurechtkonstruiert haben – Nationen, Religionen, sonstige Erfindungen! Und so seid ihr zugleich neidisch auf dieses Vermögen: zu dulden. Das Vermögen: Leben zu schenken. Das Vermögen: in scheinbarer, nämlich körperlicher Schwäche stark zu sein! Und begründet daraus kunstvoll oder eben zur Not kunstlos mit einem beiläufigen Fausthieb die Notwendigkeit der Unterdrückung. Aber sie wollen nicht mehr, die Weiber – ach ja, zugegeben, manche anscheinend tatsächlich um keinen Deut mehr.“

Er schüttelte den Kopf. Und die offenbar geleerte Flasche. „Bleibt, unbesprochen, der Kirchturm. Der Schandfleck.“ „Ja, bei Mauern hilft Besprechen nicht viel.“

  • Zeit zu gehen. Denn ein jedes Ding hat seine Zeit.

Das Mädchen kam zu mir. Ich kannte sie vom Sehen. Sie war die Tochter eines Bauern, mehr wusste ich nicht von ihr. Aber jetzt saß sie mir gegenüber. Tränenüberströmt, in sich zusammengesunken. Sie hatte gegen die ungeschriebenen, uralten Gesetze verstoßen.
Unehelicher Sex? Ja, natürlich, aber wo denken sie hin, das war zu allen Zeiten nicht unüblich. Zwar sündhaft, zu beichten, oft auch der Reputation – der Frau, des Mädchens! – abträglich. Aber doch nichts Dramatisches, zumindest, so lange der eine dem anderen Beteiligten nicht, wie es im bayrischen Schnodahüpfl aufklärerisch heißt, etwas machen würde, was „zwoa Händ und zwoa Füaß hot.“ Und dann war da immer noch die schlechte Möglichkeit der guten alten Notheirat. Und eines weiteren Siebenmonatskindes. Andernfalls blieb, wieder nur die Frau, versteht sich, in Schande.

Nein, sie hatte Schlimmeres getan. Der Penis des herumstochernden Knaben war verunreinigt worden. Mit, man denke, Menstruationsblut! Nach aller alten Sitte geht’s fast nicht schlimmer. Ich freilich, ich musste, als nach längerem Herumgedruckse die eigentliche Schändlichkeit zu Tage trat, äh, ausgesprochen wurde, schwer an mich halten, nicht albern loszukichern. Für das Mädchen aber war es ernst, und sie wusste niemand anderen, an den sie sich hätte halten können. Für alle anderen, gerade auch für die alte Dorfhexe, war sie ein von allen bösen Geistern vor sich hergejagtes Luder, das man nur noch in die große Stadt verjagen könnte. Oder sonst ganz unschädlich machen müsste. Ich überlegte: „Hm ja. In grauer Vorzeit, zum Beispiel bei den alten Römern, da war das so… Es macht den Most sauer, die Flur unfruchtbar, Pfropfreiser sterben ab, Keime verdorren, Baumfrüchte fallen ab, eiserne Schneiden werden stumpf, Elfenbein stumpft ab, Erze oxydieren. Hunde – wer weiß, auch Männer? – die das Blut lecken werden toll, selbst Ameisen lassen damit besudeltes Material wieder fallen. Ideal fürs Picknick. Das ist mein Übergang, das Stichwort: man kann es demnach für Schad-, aber auch Schutzzauber einsetzen. Was war denn das für eine Nacht, für ein Tag? Erinnerst du dich? Genau?“ Das Mädchen war entsetzt. Es starrte mich aus übergroßen Augen an, und für meinen Hexenruf brauchte ich wahrhaftig nichts mehr zu tun. Sie brachte nur stotternd hervor: „Ja. Ja. Ich weiß es noch. Es war diese Nacht. Die Nacht des großen Gewitters. Wir waren in der Feldscheune. Und ich hatte solche Angst!“ „Hm. Und diese Angst hat der Bengel wohl ausgenutzt?“ Verschämt nickte sie. Na, sie hatte wohl auch gewollt. Aber ohne das Gewitter, die zuckenden Blitze in finsterer Nacht, ihr Angewiesensein auf tapfere männliche Heimgeleitung hätte sie wohl noch länger widerstanden. Den Teil, ich kann mich manchmal schon beherrschen, behielt ich für mich.

„Hm, hm,“ machte ich wieder bedenklich, wackelt dazu mit dem Kopf. Ist der Ruf erst ruiniert lebt es sich auch als Hexe ganz gut. „Entblößt sich eine Menstruierende Person bei Schadgewitter, bei Blitzen, so wird deren schädliche Wirkung abgewehrt. So der alte Römer. Danach hast du ja wohl gehandelt, und dass der Bursche das ausgenutzt hat ist seine eigene Schuld.“ Wenn es möglich war waren ihre Augen jetzt noch größer. Sie starrte mich an. Tränen flossen keine mehr, sie wusste selbst nicht, ob Entsetzen oder Erleichterung in ihren Empfindungen überwogen.

„Was… was sagen sie da,“ fragte sie verwirrt, „ich habe gehext? Ich bin eine Hexe? O mein Gott!“ „Unsinn, Mädchen,“ entgegnete ich noch schärfer als beabsichtigt, „du bist doch keine Hexe, beinahe hätte ich gesagt, so wenig wie ich. Nein, ich bin keine Hexe, auch wenn ich von dir so angesehen werde. Und du bist ganz sicher keine. Ganz, ganz sicher. Du bist ein armes Hascherl. Ein, wenn ich mal so sagen darf, dörflich ungebildet dummes Huhn. Könntest bei einer Sekte in Amerika mitspielen, die alle Elektronik und anderes neumodisches Zeug ablehnt und deren Bildungsmaximum heißt: man, sogar Frauen, sollte die Bibel lesen können. Nie an mehr als den notwendigsten Alltagszusammenhängen interessiert, was eine Hexe jedenfalls sein müsste. Fast so blöd wie so ein Großstadtgör, das nicht mal das alles kann und weiß, was du von deiner Mutter und über Hof und Haushalt gelernt hast. Ok, ok, fang nicht gleich wieder an zu heulen,“ denn das tat sie gerade, nicht sicher, ob sie eher beleidigt sein sollte oder sich nichts wert fühlen sollte, „ich war nur so drastisch, weil ich dir irgendwie klar machen wollte, dass eine Hexe nicht einfach so passiert, sondern, wenn überhaupt jemand, das eine Person sein muss, die Bildung, zumindest in gewissen Bereichen, sucht, will und endlich hat. Jemand, der auf die Welt neugierig ist. Gerade dort, wo sie gefährlich, unheimlich, nicht ganz geheuer, verboten erscheint. Na, lassen wir das.“ Ich holte tief Luft: „Kurzum, du bist keine Hexe.“ „Aber, aber sie haben mir doch gerade gesagt? Ich hätte gezaubert? Den Blitz, das Gewitter weggezaubert?“ „Deswegen, meine Liebe, habe ich so drastisch dummes Huhn gesagt. Jawohl. Du hast nicht zugehört. Die alten Römer glaubten, wie viele Völker früher und wie viele Naturvölker heute noch, dass das Menstruationsblut, aber auch andere Sachen, ganz besonders spezifisch weibliche Sachverhalte, wirkmächtig sind, zauberisch sind, teilweise schlicht böse sind. Und genau das ist doch der Unsinn daran! Das ist Unsinn, Blödsinn, Aberglaube! Nichts davon stimmt, nichts davon ist wahr! Das ist wie das mit der Kröte, die, ja, ich glaube, deine Mutter war das, also deine Mutter erschlagen hat!“ „Ja – die verderben unseren Salat. Und fressen ihn!“ „Nein. Die Kröte frisst die Schnecken und andere kleine Tiere, die sich dort einfinden. Das wurde schon längst bewiesen, in langen Beobachtungen festgehalten, gefilmt und so weiter! Das ist genau die gleiche abergläubische Geschichte. Wie die mit dem Ziegenmelker – dabei will die Nachtschwalbe nur Mücken fangen!“ „Woher wissen sie denn das alles?“ „Oh, jetzt müssten wir aber viel und lange reden. Wobei es kein Geheimnis ist – unter anderem bin ich lange zur Schule gegangen, habe studiert. Und manchmal lernt man da ja was Sinnvolles und Brauchbares, nicht wahr! Für jetzt ist nur wichtig: Du bist keine Hexe. Aber für die abergläubischen hast du so etwas wie Hexerei betrieben: die Entblößung der weiblichen Genitalien an sich schon, noch dazu in der Menstruation kann Schadzauber abwehren. Und du hast das nicht bewusst getan, sondern halt aus dem Gefühl heraus, wusstest nicht, was passieren würde. Am Allerwenigsten freilich, dass der Junge das als Aufforderung sehen sollte – obwohl, wer dir das glaubt ist nicht abergläubisch, sondern bloß noch blöd.“ Ich sah, dass ein Kichern in der Kehle des Mädchens aufstieg und begann selbst damit.  Nach kurzem entspannte sich die Atmosphäre. Und wir luden die Mutter des Mädchens zu unserer geheimen Sitzung ein. Ihr erzählte ich die leicht veränderte Geschichte nochmals. Und so festigte sich mehrlei: zum einen und ganz unerwünscht mein Ruf, eine durchtriebene, listige und womöglich mächtige Hexe zu sein. Zum anderen, ebenfalls unerwünscht, der dörfliche Urglaube an die geheime Macht der Monatsblutung. Und auch, erwünscht, der Ruf der Maid stabilisierte sich. Allerdings um den Preis, dass sie etwas Hexisches an sich habe. Zwar womöglich unbewusst, aber da und wirksam war es ja doch!

Jedenfalls hatten die anderen, gerade auch die männliche Jugend, im Dorf ab damals gehörigen Respekt vor ihr. Bis auf den Pfarrer und mich. Und bis auf die andere, die eigentliche Hexe und deren Klüngel, für die die arme junge Frau seit dieser Zeit als eine Elevin meiner bösen Künste galt. Die Ärmste, ich dachte oft an sie uns sang vor mich hin: „Wir winden ihr den Jungfernkranz von blutig Dornenröschen!“ Der Freischütz des Carl Maria von Weber war mir an dieser Stelle immer schon etwas zu mild gewesen. Veilchenblaue Seide! Nein, um Blut geht es. Wie meistens, wenn etwas wichtig genug ist, mit Bedeutungen belegt ist und ja auch tatsächlich Folgen zeitigen kann.

So weit, so halbwegs erfolgreich. Bis ich einmal jenen bestimmten jungen Mann im Walde antraf, er zerteilte gerade Stämmchen, die dafür bereit am Boden lagen, unter ohrenbetäubendem Lärm mit seiner Kettensäge. Als er mich sah, mich erkannte, grinste er mir entgegen. Die Kettensäge in seinen Händen knatterte im Leerlauf weiter. Obschon offensichtlich war, dass er pausierte, nicht gleich weitersägen wollte, war er ein entschiedener Anhänger jener verbreiteten Religion, die das Abschalten von Lärmerzeugern verbietet. Denn kurzfristiges Abschalten von Motoren ist sündhaft, verdirbt die eben erzeugte, giftgeschwängerte Atmosphäre und schädigt die Ölproduzenten, also die, die das vor Urzeiten entstandene in Massen herausholen, um es in kürzester Zeit nicht etwa zu etwas Wertvollem zu verarbeiten, sondern kurzerhand zu verbrennen.

Sein Grinsen war unverschämt. Ich dachte mir nicht allzu viel dabei, erzeugte ein halbes Lächeln und wollte vorbei. Er aber sprach mich an: „Na, alte Hexenvettel? Wieder am Rumzaubern? Den Mädchen, meinem Mädchen“ er benutzte freilich andere Ausdrücke, sprach von einer Föhl, aber zwecks Verständlichkeit belasse ich es wie auch im Ganzen bei überwiegend im Schriftdeutschen üblichen Ausdrücken, „Flausen in den Kopf setzen, dass sie sich sonst was einbilden?“ Ich war perplex. Dieser junge Mann schien mit dem im Orte doch spürbaren, schier greifbaren überlieferten Aberglauben nicht allzu viel anfangen zu können. Oder dachte er nur, Angriff sei die beste Verteidigung und schlotterte innerlich? Na, das ließe sich herausfinden! Ich wandte mich also um: „Na, Junge,“ ja, klar, ich sagte auch „Bua,“ versteht sich, „dir scheint die ganze Sache ja nicht eben nahezugehen. Dass du derart mit einem Mädchen umgehst, eure Geschichten überall rumerzählst, man nennt das nun nicht eben gentlemanlike.“ Sein Grinsen wurde womöglich noch breiter: „was hätt ich denn davon? Wenn meine Kumpels nicht Bescheid wüssten? Die dumme Tussi ist mir doch sowas von egal!“ Ich hätte etwas dafür gegeben, wenn die junge Frau das mit hätte anhören können. Ich sagte aber nur: „Du bist also nur ein weiteres dieser üblichen widerwärtigen männlichen Schweine.“ Da hob der Bursche doch glatt seine Maschine und drohte mir: „Du altes Hexenweib, von dir brauch ich mir nichts gefallen zu lassen. Sei du froh, wenn du heil aus unserem Dorf herauskommst, es wird jedenfalls Zeit, dass du verschwindest.“ Provokativ steckte ich die Hände in die Hosentaschen und stellte mich recht lässig hin: „Wollen mal sehen, du Held. Gehörst du zu den Parteigängern der alten Dorfhexe? So hätte ich dich gar nicht eingeschätzt.“ „Was? Unsinn, mit dem Quatsch kann ich nichts anfangen.“ „Nun, dann erklär es mir. Woran glaubst du?“ Er hob seine Säge noch höher: „Na, da dran. An Dinge, die man anfassen kann, die funktionieren. Die nützlich sind.“ „Also Technik, Maschinen?“ „Ja, was denn sonst?“ „Mähdrescher, Melkmaschinen, Mopeds?“ Er nickte: „Du scheinst gar nicht so blöd zu sein. Sicher, nochmal, was denn sonst?“ „Na ja, laß uns mal überlegen. Wenn die Maschine kaputt ist und du nicht mehr weiterweißt gehst du in die Werkstatt damit. Was ist denn zum Beispiel, wenn du krank bist?“ Er zuckte die Achseln: „Ja, sicher. Da hat mich meine Mutter schon mal zu der Alten mitgeschleppt. Aber wann bin ich schon mal krank?“ „Ist schnell passiert. Man kann vom Moped fallen, sich mit so einem Ding“ und ich zeigte, indem ich eine Hand aus der Tasche zog, auf seine Säge, „rasch mal in den Fuß sägen.“ Er ließ das Ding sinken und nickte: „Stimmt schon. Aber es reicht doch wohl, dann da dran zu denken?“ Ich schüttelte heftig den Kopf: „Das wäre ein bisschen zu einfach. Sicher, bloß noch an mögliche Ungelegenheiten zu denken ist auch Quatsch. Aber so ein bisschen – fängt bei der Arbeitssicherheit an und hört beim Verbandskasten ja längst nicht auf. Und jemand muss sich da doch richtig drum kümmern? So wie die Werkstatt?“ „Ja, das ist das Krankenhaus.“ „Und die Leute, die dort arbeiten? Die zumindest nicht vorrangig nur Maschinisten oder Mechaniker sind?“ „Schon recht. Aber das sind doch eher eigenartige Typen. Oder Frauen.“ Ich lachte: „Ja, da ist er wieder. Der dummdreiste Macho. Für dich ist der Chefarzt der Chirurgie wohl eine halbe Frau und der Chefarzt der Psychiatrie eine Ganze, auch wenn er einen Bart im Gesicht trägt! Ich glaube fast, du verstehst deine Melkmaschine besser als die Kuh, die da dranhängt!“ Das machte ihn wütend und er fauchte: „Es stimmt schon, du bist ein böses Weib, eine Hexe. Und du sollst verschwinden!“ Ich wandte mich lachend ab und ging: „Ach Jungchen, pass du mal lieber auf mit deinem doch etwas zu gefährlichen Spielzeug! Dass dich der Papa aber auch schon allein damit hantieren lässt!“

Dass er sich am selben Tag, sicher aus Unachtsamkeit und Zorn, noch schwer verletzt hatte, war natürlich eine böse Sache. Weniger die Verletzung, die würde verheilen, doch schließlich hatte ich so ein Geschehen prophezeit! Und offenbar, von seiner Mutter und den anderen Tratschkäthen – im Original heißts Ratschkattln – abgesehen, kann auch das diesseitigste, maschinengläubigste Mannsbild im Falle eines Falles ganz arg abergläubisch sein, ans Besprechen glauben. So jedenfalls er und sein Vater und mit ihnen die ganze verstockte Bande.

Kennt der Leser das Haberfeldtreiben? Ja, die Leute hier in der Gegend eigentlich auch nicht. Aber Ähnliches ist auch anderswo und unter anderen Namen bekannt. Als Katzenmusik zum Beispiel. Und geht auch gern viel ungeordneter zu als das klassische Haberfeldtreiben. Dessen besonderes Kennzeichen ja gerade ist, dass, wenn alles regelhaft abläuft, niemand körperlichen Schaden erleidet. Das öffentliche Anprangern genügt. Dass es immer wieder Exzesse gab, Regelverstöße, und dass es diese erst recht dann gibt, wenn es gar keine klaren Vorgaben, tradierten Regeln gibt ist ebenfalls klar.

Also kurz beschrieben: bei einem gesitteten, na schön, geregelten Haberfeldtreiben wird der zu offenbarende Übeltäter, sehr häufig betroffen eine Übertäterin, die etwas tat, was die Männer mit den Frauen tun wollen, aber die Frauen nicht mitmachen sollen, aufgesucht. Von einer verkleideten, bewaffneten Gruppe, die eine klare Aufgaben- und Rangteilung hat. Der Anführer ruft an, die Ankläger – das ist die Tücke: Verteidiger gibt es nicht – beschuldigen, möglichst in Reimform, die Menge wird dann aufgerufen – „Manner, isch’s wohr,“ – und von dieser schallt es regelmäßig zurück, dass es wahr sei, die Vorwürfe sind bestätigt. Wie gesagt, das übliche Verfahren lässt es dabei bewenden, es gibt weder Sach- noch Personenschäden. Aber natürlich kommen Übergriffe vor, Verfahrensfehler sozusagen. Und es gibt eine Regel: der Beschuldigte hat in der Türe zu erscheinen, darf aber seine Schwelle nicht verlassen, sonst begibt er sich in Gefahr! Vermeidet er das eine oder wagt er das andere, so mag es ihm oder seiner Behausung bös ergehen.

Das klappt nur bei einem altüberlieferten, tradierten Verfahren. Natürlich, und hauptsächlich deshalb wurden diese halböffentlichen prangerartigen Festivitäten verboten, nicht immer und schon gar nicht dort, wo diese Tradition fehlt, sich nie verfestigen konnte. Obschon die gute, alte Katzenmusik fast überall bekannt ist schlägt sie leicht einmal in übelste Feme, in Lynchmord um.

Und es dauerte nicht lang, dann waren die jungen Burschen und die Freunde und Spießgesellen der alten Hexe dabei, uralte Sitten auf übelste Art wiederzubeleben. Sie saßen heimlich beieinander oder steckten die Köpfe über die Stammtische hinweg zusammen. Flüsterten, wenn der arme Pfarrer, selbst in seiner Rolle und Reputation beschädigt, zugegen war. Planten bald ihr hässliches Vorhaben. Wie gesagt, der Pfarrer bekam nichts mit. Der Bürgermeister war im Weghören geübt, kannte auch seine Leute zu gut, war der Hexe zu manch gesundheitlichem Dank verpflichtet. Der Hexensohn verstand nicht alles und ging seiner eigenen Wege. Der Einzige, der mir eine Warnung zukommen ließ, das war der mir auch schon vertraute Forstmann. Ihm war nicht genau bekannt geworden, was die Übeltäter vorhatten, auch nicht bewusst, welches Ausmaß das erreichen würde. Aber er warnte mich, hatte irgendwie Tag und Stunde mehr erraten, als mitgeteilt bekommen. Was ihm ebenfalls nicht klar war bei den nachbarlichen Lästereien war, ob es jetzt eher gegen den Pfaffen oder gegen mich losgehen sollte.

Weshalb ich wieder einmal zum Pfarrer eilte und diesen meinerseits warnte. Wir stimmten allerdings überein, dass ich in der unmittelbareren Gefahr schweben würde, er doch einen hohen Schutz durch sein mächtiges Amt habe. Als sich wenige Nächte darauf der geräuschvolle Fackelzug meiner Wohnung näherte ergriff der Pfarrer zunächst das Telefon, dann das Kreuz für die Prozessionen, um mir tätig und eindringlich zu Hilfe zu eilen.

Da stand er, eindrucksvoll und manch einer aus der Horde filmte ihn mit seinem Handy, das Kreuz erhoben und predigte seinen wildgewordenen Schäfchen. Die Filme kenne ich zum Teil, es erinnerte an Don Camillo in den besten Szenen. Er warf seiner zur Stampede geneigten Herde vor, sich willig der Sünde auszuliefern statt den verirrten Schafen, wie es gebührlich sei – und mit diesem depperten Schaf meinte er wohl mich – die Hufe, äh, Hand zu reichen. Gebrüll antwortete. Er störte eine wichtige Handlung. Statt sie wie sonst, dafür hat man doch die Kirche, abzusegnen, ob Motorrad, Mähdrescher oder Maschinengewehr. Oder auch Muttersau.

Man wandte sich dem eigentlichen Anliegen zu. Manche Scheibe ging zu Bruch. Denn nicht nur, dass man unsachgemäß überschießend verfuhr, nein, ich erschien auch nicht in der Türe. Denn ich war nicht zu Hause. Nur die kleine Katze verbrannte mit meinen meisten Habseligkeiten zu Asche. Wie gesagt, die Bande war nicht bereit, Regeln zu befolgen. Ich aber auch nicht.

Ich wartete auf den Knaben von neulich und seinen Vater am Wege. Beide hatten Fackeln und Mistgabeln und sie fühlten sich stark und bestätigt. Ich war dunkel gekleidet, wartete im Schatten und hatte vorgesorgt. Als ich sie ansprach, erschraken sie. Im Hintergrund loderte mein Haus. Die Polizei, die der Pfarrer gerufen hatte, und die Feuerwehr – die meisten der Wehrmänner waren gerade mit Fackeln auf dem Heimweg – waren immer noch nicht erschienen. Jetzt reckten die Anwesenden mutig und männlich ihre Waffen vor, hoben die Fackeln, richteten die Gabelspitzen auf mich. „Ein kleiner Pieks,“ ich lüftete unter meinem Überwurf den Gewehrlauf, „und ich drücke mit Freude ab.“ Die Gabeln sanken. „So, ihr üblen Schlawiner. So treibt ihr das also. Nun, ich will euch eine kleine Aufgabe zur Wiedergutmachung stellen. Eine teure, aber hochanständige. Und eine böse. Entweder ihr richtet den Kirchturm – allein oder mit den anderen, das ist mir egal. Oder ihr fackelt gleich noch der echten Hexe ihr Haus ab. Freie Wahl!“ „Unsinn,“ rief der Junge, er sagte natürlich „Schmarrn,“ was durchaus etwas Schmackhaftes sein kann, „warum sollten wir irgendetwas tun? Wir haben nichts verbrochen, wohl aber du!“ „Na, das wüsste ich aber. Ich bin mir keines Verbrechens meinerseits bewusst. Aber das Haus eines Dorfbewohners niederbrennen, das ich, wie euch gut bekannt ist, nur gemietet habe, das ist nun mal nach jedem Gesetz strafbar! Und da gehen wir jetzt auch hin, zu ihm, meinem Nachbarbauern, dem das Haus gehört hat! Und dann könnt ihr ihm sagen, dass ihr nichts angestellt habt!“ Jetzt wurden sie unruhiger und angesichts des Gewehrlaufs auch kleinlauter. Verlegten sich aufs Betteln. Dann machte die unvorsichtige Jugend eine Bewegung, ein Stein vor ihm auf dem Boden zerknallte und splitterte ihm um die Füße, dazu folgte gleich der Schussknall, aufschreiend sprang er zurück. Mein Warnschuss hatte die gewünschte Wirkung. Die beiden versprachen hoch und heilig, den Kirchturm richten zu lassen. „Dafür brauchen wir schon noch einen Zeugen,“ bemerkte ich, „Pfarrer oder Geschädigter?“ Letztlich ließen sie sich dazu überreden, den Priester aufzusuchen. Dort bliebe alles unter der mütterlichen Zudecke der Mutter Kirche, so glaubten nicht nur die Beiden, sondern auch noch ich. Aber dann überschlugen sich die Ereignisse. Freilich, der Schwur, den Kirchturm zu richten, wurde dort nochmal bestätigt, auf meinen Wunsch sogar schriftlich gefasst. Aber inzwischen war denn doch die Polizei zwar unter Blaulicht aber ohne Sirene und Eile am eigentlichen Tatort eingetroffen, sah den Brand, war auch die äußerst freiwillige Feuerwehr dazugekommen, die ähnlich gemächlich im Tempo, sorgsam und gewissenhaft, ablud. Es war wichtig, zu vermeiden, dass der Brand auf weitere Gebäude, ja, auch nur Pflanzen, Hecken etwa, übergriff. Nicht dass noch ein Schaden entstünde! Etwas flotter folgte, man kann auf dem Land nichts Unbeobachtet tun, die rasende Fahrt der Polizisten zum Pfarrhof. Dort sprachen wir noch, der Pfarrer und ich, während die beiden Brandstifter im übertragenen wie im wörtlichen Sinne kopfschüttelnd und des Pfarrers Schnaps trinkend danebensaßen. Auch der Pfarrer schüttelte verzweifelt, trotz des erlangten Versprechens, den Kopf: „Sie sind ja doch eine Hexe!“ „Wie jetzt? Haben sie den Hexenhammer gelesen? Haben sie Teufelsmale an mir entdeckt?“ „Nein, wir wollen keinen Unsinn reden. Und letztlich wissen sie, was ich meine. Sie bringen die ganze, gewachsene Dorfgemeinschaft in unselige Verwirrung, durcheinander!“ „Hm. Wirksamer als sie mit ihrer altgewohnten Botschaft. Und ja, das ist doch auch nötig!“ „Sagt ein jeder Revolutionär. Bis dann die Revolution ihren eigenen Gesetzen gehorcht…“ „Ihre Kinder frisst, wollen sie sagen.“ „Ja. Zumindest auch. Und sie spült die radikalen Elemente hoch, überschlägt sich, bis die Gegenrevolution erfolgt.“ „Und das gerüttelte, gesittete Maß hat keine Chance.“ „Ich höre die Spitze heraus. Aber ja.“ „Ich weiß. Ich habe hier mehr Unruhe gestiftet, als ich sollte und vor allem auch als ich je wollte. Es wird Zeit, zu gehen. Das ist wie in so rührseligen Filmen, etwa dem französischen Chocolat.“ „Kein schlechtes Beispiel. Auch wenn sie nichts zum Naschen mitbrachten!“ „Oh,“ ich räkelte mich wieder einmal, bilde mir ein, recht gelungen, trotz oder auch wegen des schweren 98er Karabiners zwischen meinen Knien, „ich glaube, das haben sie nur übersehen!“ „Bitte. Nicht schon wieder diese unangemessene Vorführung.“ Ich ließ es sein, konnte aber den Mund nicht halten: „Na, immerhin hat das nicht jeder Mann übersehen.“ Jetzt konnte aber auch der Pfaffe nicht umhin, boshaft zu werden: „Meinetwegen, ja. Aber ob das auch im Drogenrausch zählt? Dagegen war die zarte Schokoladenverführung doch noch gelinde!“ „Puh, das ging ganz klar unter die sprichwörtliche und wörtliche Gürtellinie! Böses Foul!“ „Oh, Entschuldigung, das tut mir leid.“ „Nein, das habe ich wohl verdient. Wirklich. Aber das aus ihrem Munde zu hören…!“ „Wie gesagt, ich kann nur… aber ja, es war nicht bloß dumm daher gesagt, es war so gemeint. Sie regen mich auf!“ „Wie schön. Können wir uns bei der Wortwahl einigen? Ich errege sie, hm?“ „Sie sind ein Biest. Wenn sie so wollen, ja. Ich habe von ihnen geträumt. Und es waren keine priesterlichen Träume. Das letzte Mal war das so auf dem Priesterseminar… ach, lassen wir das.“ „Ich will nicht unfair sein und auf Vertiefung bestehen, auch wenn ich neugierig bin. Das genügt mir voll und ganz. Jetzt wäre der geeignete Moment, in einer Schwefelwolke zu verduften, nicht wahr?“

Doch statt des stinkenden Schwefelgeruchs wurde ein Lärm, ein aufdringliches Tatü – Tata vernehmlich. Und jetzt ging alles ungemein rasch.

Kurzum, ich wurde verhaftet. Unter Waffengewalt hatte ich unbescholtene Bürger bedroht. Vermutlich, nein, ganz gewiss, mein Häuschen abgefackelt. Gegen die Vielzahl der Zeugen kamen die wenigen, den Pfarrer eingeschlossen, die für meine zumindest teilweise Unschuld eintraten nicht an. Das Gewehr hatte ich dem armen Forstmann entwendet. Nach seiner Warnung war ich mit einem Kuchen zum Dank zu ihm geeilt, er hatte sich gefreut, Kaffee gemacht – und das Gewehr, das er gerade gereinigt hatte und so lange beiseitegelegt hatte, war irgendwie verschwunden gewesen. Er hatte gesucht, hatte dies zuletzt auch gemeldet. Auch er bekam natürlich eine Strafe. Waffen müssen hierzulande unzugänglich weggesperrt werden. Und er war mir jetzt auch bös, hätte er mich nicht gewarnt gehabt, wäre ich blindlings in die böse Situation getappt. Und als Dank klaue ich ihm sein Gewehr!

Ja, und ganz zuletzt erreichte mich im Gefängnis die Nachricht, dass die armen, unschuldigen Erpressten nichts mehr von der Reparatur des Turmes wissen wollten. Schließlich sei die Zusage unter ganz falschen Voraussetzungen und unter Androhung von Waffengewalt erfolgt. Beinahe hätte ich das auf sich beruhen lassen als mir zudem zugetragen wurde, dass der Pfarrer strafversetzt worden und sein Bruder seiner Krebserkrankung erlegen war. Ein paar Tage überwachte man mich stärker, da Mitgefangene und Wärter meine Wutanfälle fürchteten und die Anstaltspsychologin meinte, ich sei selbstmordgefährdet. Dann aber brachte ich einen Kassiber auf den Weg.

Ich stelle mir das Ende so vor: Der alte Bauer entfaltete das Schreiben von unbekannt, erblasste und bekreuzigte sich. Dann eilte er zur Dorfhexe. Die versuchte mit Räuchereien und anderem Hokuspokus das Böse aus dem Papier auszutreiben. Aber auch sie riet ihm, doch das eigentliche Anliegen des Textes zu beachten und mit dem neuen Pfarrherrn zu besprechen. So legten die Bauern des Dorfes zusammen und ließen den Kirchturm renovieren. Denn ich säße ja nicht für immer im Kittchen, eines Tages käme ich frei, und wehe, das Versprechen sei nicht gehalten!

Das Ende ist einsichtig. Denn es befriedet nicht nur das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und endlicher Wiederherstellung der Ordnung, insbesondere der einwandfreien Kirchenfassade. Sondern es gibt mir auch das Gefühl, bei der ganzen fatalen Sache etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Und die alte Hexe wird wohl zufrieden sein, ist sie doch dann wieder, ohne wundertätiges Abbild, die einzig anerkannte Macht im Dorfe!

(* bedeuten mehrere Hinweise auf Sagen-, speziell Hexengeschichten aus: Tiroler Sagen, Brigitte Weninger, Tyrolia 2005, Zeichnungen Jakob Kirchmayr. Ansonsten befinden sich Verweise im Text. Ich hoffe, ich habe nichts übersehen. Ach ja, das eine Buch noch und mit ihm seine Anverwandten, dessen Inhalt auf Ereignisse vor gut und gern 2 Jahrtausenden verweist. Und darüber hinaus.

Equus caballus, Felis catus, Caprimulgus europaus, also Hauspferd und -katze sowie den Ziegenmelker habe ich noch nicht eindeutig benannt. Ich hoffe, ich habe sonst nichts in dem langen Text übersehen, was noch definiert werden müsste.)

Autor: gerlintpetrazamonesh

Ich schreibe Texte und veröffentliche sie. Selbstverständlich, bitte beachten, unter Copyright, also keine gewerbliche Verwendung ohne Einverständnis, private Verwendung gestattet, aber mit Nennung des Autors! Da bin ich stur, es mag ja sein, es ergibt sich noch die eine oder andere Möglichkeit, einen meiner Texte ( um nur die Naheliegenden zu erwähnen: Literaturnobelpreis, Hollywood...) weiter zu verwenden! Selbstverständlich, nicht wahr. So selbstverständlich wie der Autorenname, wie sich der eine oder andere gleich gedacht hat, wie man heute sagt Fake ist, so ein P-Name - ganz ehrlich, so heiß ich nicht, nicht richtig, nicht wirklich. In dieser Realität, z.B. in Ausweispapieren. Aber hier, für meine Geschichten, da nennt mich Petra. Nur der Vollständigkeit halber, die Person auf dem Bild, und hier muß ich mit der Änderung des Bildes schnell auch den Text ändern, das bin nicht ich, sondern mein selbstgewähltes Wappentier, nebenbei schon seit Kindertagen. (Vormals lautete der Text zum da noch passenden ersten Bild, na ja, halt auch so ein Vierbeiner, im Blog: die Dame vom See, das bin auch nicht ich und es ist nur ein Gerücht, dass sie mir einen Füllfederhalter namens Excalibur aus dem Gewässer apportierte. Aber das war ja auch ein Hund, ein richtiger Hund - auch mein Hund (hätte ich sie Morgana le Fay nennen sollen? Vielleicht den Nächsten) - an einem Alpensee, der, nein, die, die hätte das auch gekonnt, nämlich Excalibur apportieren, so ein toller Hund!) Bestimmt schreibe ich auch über sie mal was, aber: Dackel, um das klarzustellen, sind keine Hunde. Zumindest nicht im herkömmlichen, landläufigen Sinn. Dackel sind Wesen höherer Art, wobei boshafte Menschen oft auch einwenden: niedrigerer Art. Aber dazu in ungefähr, also keine Sorge, jedem 100. Textbeitrag mehr! Also gleich im ersten, ersteingestellten, der hier der automatischen Reihung nach der Allerletzte ist. Was jeder Dackel gleich versteht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: