(599.) Vierdale schlotza. Oder: der Wein ist von hier

Es ist gemütlich in der Probierstube der Kelterei. Keiner Großen! Nein, eines kleinen, fast dörflichen Weinkellers.

„Der Wein ist von hier. Hier ausgebaut.“ „Ja, das ist ja eigentlich eine hügelige, schöne Weinbaugegend.“ „Bisher, ja. Aber jetzt haben wir ja auch noch Industrie! Zum Glück. So haben wir mehr Arbeitsplätze, Zukunft, Möglichkeiten. Vor allem hat unsere Gemeinde so mehr Geld.“ „Keine Probleme mit Abgasen, Umweltverschmutzung?“ „Ach was, das wird doch völlig übertrieben! Zum Glück sind diese Naturschützer von diesen Schulschwänzern, den Klimaschützern verdrängt worden, haha, ausgerottet würde man sagen, nicht wahr. Schauen sie, hier das Atomkraftwerk. Das hat man ja leider zwischenzeitlich abgeschaltet. Aber wieso denn? Wir haben das nie verstanden. Da ist nie etwas passiert! Und Geld hatte die Gemeinde genug für mehrere Turnhallen, Schwimmbäder, Reithallen, Golfplätze – es wurde grad eng hier im Tal, das stimmt schon.“ „Hmja. Das ist wohl so. Sagen hier vor Ort ja fast alle, auch die Gemeindeverwaltung. Das Umweltamt hat immer alles gemessen, und immer alles in Ordnung, schon damals unter der Atomphysikerin, nicht wahr?“ „Sag ich doch!“ „Und das Besondere hier an der Gegend, die roten Nasen der Einwohner, die kommen traditionell vom Wein?“ „Haha, ja, sagt man so! Freilich, die hatten schon unsere Vorfahren. Immer schon.“ „Aber doch immer nur eine, oder?“ „Ach, das sieht auf den alten Bildern eben grad so aus. Das haben die alten Maler nicht so hinbekommen. Hier war ja kein Dali, kein Picasso tätig, sondern ganz einfach, naive Maler von Landstilleben. So wie hier auf dem Bild über der Bank – die Viertalesschlotza, die Weintrinker!“ „Ja, da hat jeder Bauer nur eine Nase.“ „Aber das ist doch das Besondere hier! Mehrere rote Nasen, manchmal mehrere Köpfe, beliebig viele Finger und Zehen. Das ist eine Eigenart unserer Gegend, alles Tradition.“ „Jetzt ehrlich: ihr Wein, er ist gut. Aber enthält er nun mehr radioaktive Isotope als andere Weine?“ „Na, vergleichen sie ihn doch mit Weinen aus Frankreich! Bestimmt nicht! Oder mit solchen aus der Ukraine, mit Krimsekt meinetwegen. Und ein bisschen von dem Zeug ist ja nun mal ganz normal, überall, das wurde von diesen Dummköpfen nicht gesehen, die gegen die moderne Welt protestieren, zurück in die Steinzeit wollen, als man noch keine Riesenrebstöcke pflegte, an die dreißig Meter hoch und ertragreich, die wollten zurück auf die Bäume, aber die sind doch eh inzwischen vertrocknet. Also, was soll denn der Unsinn? – Aber, ein Glück, diese Trottel wurden alle krank. Sterben an Folgen. Dieser blöden, lächerlichen Radioaktivität, unser bester Dünger. Können nicht mehr protestieren.“ „Was? Was, wir sterben?“ „Aha! Oh ja, ihr sterbt. Ihr haltet das halt nicht aus. Ha! Ein guter, ein robuster Kerl hält das aus. Um die anderen ist’s nicht schad. Nicht jeder hat mehrere Nasen, rote Nasen!“

Es war kein Clown. Es war nicht der Wein. Es war nicht einmal die immer wieder erneuerte Laufzeitverlängerung einhergehend mit der Verlängerung der Risse, die die Kräfte des Bösen bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit aus ihrem höllischen Zauberhut zauberten. Es waren die Auswirkungen dieses verdammten Giftes der modernen Zeiten, die die Gegner der rücksichtslosen wirtschaftlichen Ausbeutung verdarben, schwach machten. Sie aus Grünen zu grünlichem Unkraut verwandelten.

Panzer für Frieden. Radioaktivität für die Welt.

Die neue, die letzte Zeit kann beginnen.

Aber der Wein war gut. Wohnt ihm doch die Wahrheit inne! „Ah, bäh, also der jetzt war schlecht. Ich hätt gesagt, der korkt, aber das ist was anderes!“ „Ach, spucken sie’s aus. Das ist nur das Plutonium. – Da, nehmen sie noch von dem. Der ist gut. Das ist eine Kernschmelze – Spätlese, INES zertifiziert.“ „Ja dann! Das wär dann der dritte. Aller guten Dinge sind drei.“ „Genau. Obwohl – in Wirklichkeit waren es schon viel mehr. Aber die Aufmerksamkeit richtet sich immer nur auf die großen, schrillen Dinge, die auch in den Nachrichten kommen.“ „Ihr Wein war schon in den Nachrichten?“ „Freilich. Eine Empfehlung hat er bekommen! Ist sowohl Radio-, als auch Chemotherapeutisch nutzbar.“ „Toll. Das nenn ich doch mal einen Fortschritt.“ „Den Fortschritt! Darauf noch ein Glas!“ „Ah, ich will ihnen nicht zu nahetreten. Aber ihnen wächst da gerade noch eine Nase…“ „Oh. Tatsächlich. Na ja. Hoffentlich erkennt mich meine Frau noch, ha! Alle Nasen des Mannes…“ „Ja, es gibt halt nichts ohne Nachteile. Kleine, vernachlässigbare Nachteile.“ „Genau. Wie das gute Blei im Benzin!“ „Oder das Zeug, das in den Kühlschränken war! Oder dieses Ass, wenn’s um Feuerfestigkeit ging.“ „Ja, ja. Oder das Nicki, Niko, Nickerchentintin… Teer in den Rauchstangen!“ „Gut. Ich glaub fast, wir haben für heut genug.“ „Ja, ja, stimmt. Nur noch ein Viertele zum Abschluss!“

(598.) Gerechtigkeit. * Eine mittelalte Geschichte.

Vor dem hohen, dem hochnotpeinlichen Halsgericht war er, jener Unglücksbringer, dann auch noch der Bezeuger seiner Untaten. Und sie glaubten ihm.

Als sich die getreue Schnur der Gerechtigkeit um seinen unschuldigen Hals zusammenzog, fragte er sich noch einmal, was seine Sünde, sein Verbrechen war, das ihn dies alles erleiden ließ. Sicher war der Mensch an sich schon sündig, aber um dies zu rechtfertigen, was war denn nun seine Tat? Er starrte über den Richtplatz auf ihn und fragte sich, wer den anderen wohl zur Rechenschaft ziehen würde. Ihn, der falsch Zeugnis ablegte. Selbst den letzten Richter würde er doch noch anlügen!

Und es wurde ihm eine Antwort. Er sah neben dem Zeugen statt der bei einer Hinrichtung nun einmal üblichen Menschenmassen auf einer jeden Seite mit einem Mal Fratzen auftauchen, Teufelsfratzen ohne Frage. Er war sich nun sicher, dass es eine Gerechtigkeit geben werde. Freilich war das, was er da für einen kurzen Augenblick sah, auch jener Moment, in dem ihm alles verschwamm. In dem der Sauerstoff seinem Gehirn fehlte, er das Bewusstsein verlor und schließlich starb. Ihm genügte aber dabei dieses letzte Bild, um gerne hinüberzugehen.

Noch vor wenigen Wochen war er ein geknechteter, unwichtiger Diener seines mächtigen Herren gewesen. Dies war der Platz, der ihm in der Welt zukam, so tat er, was immer ihm geheißen wurde und stellte keine Fragen. Freilich war der Aufseher, ein Hansjörg, sehr streng. Ahndete auch geringste Versäumnisse. Ließ man sich erschöpft einmal hinfallen, so sprach er von Faulheit und sparte auch, um dies zu beweisen, nicht mit Rutenhieben, die einen wieder auf die Beine bringen sollten.

Er selbst gehörte zu den Lieblingsopfern des Hansjörg. Er war ein schmächtiger, wenn auch flinker Bursche. Ein Auftrag jagte den nächsten. Und er wusste oft nicht mehr, wo ihm der Kopf stand.

So wie damals, als er den Herrschaften die Ochsenzungen auftragen sollte. Und er vor der Türe nicht an Hansjörg vorbeikam. Der dastand und einen Weinkrug leichter machte, indem er in großen Zügen aus ihm trank. Ein ritterlicher Herr, der dringend seine Weinration hatte loswerden müssen, kam eben dazu. Hansjörg wusste sofort, was zu tun war, noch bevor der leicht angetrunkene Bewaffnete irgendetwas sagen konnte, rief er: „Den Krug, edler Herr, habe ich eben diesem Nichtsnutz abgenommen! Wollte er ihn doch zu eigenem Nutzen und Genuss leeren, statt ihn, wie es sich gehört, wohl gefüllt euch Herren darzubieten!“

Eine Unverschämtheit! Das dachten alle. Und so wurde er unter Schlägen und Schimpf und Schande vom Hofe gejagt. Der getreue Hansjörg aber belohnt, da er so gut auf seines Herren Angelegenheiten aufpasste. Mag sein, dass auch die guten Worte der edlen Frau eine Rolle gespielt hatten. Die ihren Hansjörg, einen kräftigen, erwachsenen Mann von gutem Wuchs und einiger Gewandtheit, über alles lobte und seine Ergebenheit keinen Augenblick bezweifeln wollte. Ganz gewiss, dieser Hansjörg passte auf den Besitz seines Herrn auf. Auf alles und auf alle, wer und was immer zu diesem Besitz zählte.

Gerade auch, wenn dieser großmächtige Herr auf Reisen war.

Der soeben verjagte und verprügelte Junge schlich sich über die Landstraßen. Das Gehen fiel ihm schwer. Ihn schmerzte die Ungerechtigkeit der Welt und ihn schmerzten alle Glieder, besonders aber der gesamte Rücken.

Aus den Büschen brachen sie mit Gejohle. Räuber, die ihn anriefen, er möge rasch seine Wertsachen hergeben, wenn ihm sein Leben lieb war. Beinah hätte er, bei all seinem Schreck, der beinah seinen Herzschlag anhielt, gelacht. „Ihr Herren, Gnade! Ich bin nur ein armer, verjagter Dienstbote, ich trage kein langes Schwert bei mir, wie ihr, und kein einziges Münzstück! Trage nur eben, was ich am Leibe hab!“

Noch nicht überzeugt, zerrten die Räuber an ihm und schrien ihn an. Doch dann sagte der Räuberhauptmann: „Sei’s drum. Was du am Leibe trägst? Na, macht mit dem Burschen, was ihr wollt!“

Bisher hatte er nicht daran gedacht gehabt, dass der Inhalt seiner ohnehin von der durch die Prügel aufgerissenen Haut blutigen Hose interessant für andere Burschen sein könnte. Er wurde eines Besseren belehrt. „Au! Was tust du? Das tut doch weh!“ „Oh nein, das macht Spaß. Das gleiche würdest du doch mit den Weibern machen wollen! Und auch du musst für irgend etwas gut sein, uns mit irgend etwas bezahlen, oder sollen wir dir nur die Kehle aufschlitzen?“ Irgendwann sagte er nichts mehr. Seine Kleider oder besser ihre Überreste hatten jetzt die Räuber. Und der Hauptmann lachte: „Der ist ja ganz nackend! Ihr könnt doch euer neues Mädchen nicht nackt laufen lassen!“ Sie gaben ihm einen Sack, den solle er als Rock tragen, da er ja nun einem Weibsbild gleich sei, und dann musste er mit.

Immerhin, bei den Räubern gab es etwas zu essen. An eine Flucht vor den wachsamen und bewaffneten Waldleuten war nicht zu denken.

Es vergingen Tage. Oder waren es Wochen? Er zählte nicht mehr. Er schlief, er aß, er bekam Prügel, wurde missbraucht, musste arbeiten, Feuerholz schleppen und andere, ihm ja ausreichend gewohnte Dienste verrichten.

Einmal, da kam ein Mann ins Lager. Sprach angelegentlich mit dem Hauptmann.

Er, eben mit einem Stapel Holzscheite auf dem Arm vorbeikommend, riss erstaunt die Augen auf. Konnte das sein?

Der Hauptmann gab Anweisungen. Der Fremde habe ihnen Ort und Zeit genannt. Ein Zug wohlhabender Edelleute werde durch den Wald kommen, große Beute sei zu erwarten. Der Junge war entsetzt: „Aber er, Hansjörg, er ist ein Lügner. Ein Verräter! Er sagt euch gewiss nicht die Wahrheit. Er sagt nie die Wahrheit!“

Natürlich glaubte ihm niemand. Die Räuber bezogen ihre Stellungen. Angriffsbereit lauerten sie. Da! Das Trappeln der Hufe. Stimmen wurden vernehmbar, auch so etwas wie Gesang.

Er lag unter einem Busch und zitterte.

Dann war Getöse. Die Häscher kamen von überall. Oh ja, da war ein Zug Edelleute. Besser gesagt, bewaffneter Ritter! Aber noch andere Waffenknechte kamen durch den Wald geschlichen, fingen die Räuber ein. Es war eine Falle gewesen. Hansjörg lachte, als er die Gefangenen sah: „Ihr Gimpel! Ihr seid mir schön auf den Leim gegangen!“ Dann wandte er sich ihm zu: „Und unser kleiner Weindieb hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als unter die Räuber zu gehen. Nun, die Gerechtigkeit holt alle ein. Jeder bekommt seine gerechte Strafe. Oft schon hier auf Erden.“

Die hohe Frau lächelte zu den wohlgesetzten Worten. Die Richter hörten nicht auf das Flehen des Jungen. Die Galgen für die Räuberbande wurden bereit gemacht.

(*Meine Antwort auf die eindrückliche Ballade Vergeltung: da gibt es dieses ominöse Holzstück, Batavia 510. Aber, Freiin von Droste – Hülshoff, ich glaube nicht an das Treibholz des Schicksals. Und fürchte, dass diejenigen, die sich darauf verlassen, entweder nicht ganz bei Troste sind oder, wie alleine schon die allzeit wohldotierten Diener jener höheren Gerechtigkeit, einen Vorteil davon haben. Ich schätze die Bewohnerin der Meersburg wirklich sehr, ihre Sprachgewalt, auch wenn ich immer versucht bin, Dronte statt Droste zu lesen, das wird mir die große Dichterin wohl nachsehen.)

Ich vergaß noch zu erwähnen, dass die hohe Frau in ihrer Kemenate für das Seelenheil ihres ehemaligen Dienstboten, des gehängten Räuberjungen, betete. Das ließ sie sich nicht nehmen! Sie war getröstet, da ja der Junge gar keine Zeit gehabt hatte, ein richtig böser, brutaler Verbrecher zu werden, sondern rechtzeitig geschnappt und gehängt worden war. So war seine Seele noch nicht verloren! (- Ich muss aufhören, jetzt geht es schon in die Lagerlöf – Richtung.)

Mit dem Gebete fertig, legte sie das Brevier und den Rosenkranz beiseite. Es hatte an der Türe gekratzt. Sie lächelte: „Ist er schon fort?“ Hansjörg schlüpfte herein. Er hatte einen Krug Wein und zwei Becher dabei. Seine weite Hose beulte sich verdächtig und das Lächeln der Burgherrin wurde noch breiter.

(597.) Heimsuchung

Es dauert lang, sehr lang, minutenlang, bis endlich die Tür aufgeht. Mein Klopfen und Rufen scheint sinnlos, weltlärmvermehrend, zu verhallen. Unruhig habe ich schon mehrmals beschlossen, einfach zu gehen. Was soll’s? Wird halt nicht zu Hause sein, nicht in dem Haus, das ohnehin unbewohnt aussieht, verlassen. Die alte Frau, die seit Jahr und Tag ihr Domizil nicht mehr verlassen hatte. Wenn man der Meldung trauen konnte.

Der Meldung der alten Frau, die der noch älteren bisher immer die Einkäufe getätigt hatte. Und die jetzt unter starken Analgetika mit gebrochenem Schenkelhals, eine laterale Schenkelhalsfraktur mit Adduktions – Dislokation, in ihrem Krankenhausbett liegt und sich um die hilflose Alte sorgt. Nicht um sich selbst, um die andere.

Wenn sie uns, schmerzmittelgesättigt, denn Tatsachen berichtet hat und keine aus tieferen Angstschichten aufsteigenden Phantasien. Aber würde ich mir verzeihen, überprüfte ich das nicht? Die Anfrage bei der Stadt, ein wenig unwillig beantwortet, ergab schon mal, dass Name und Adresse stimmen.

Und jetzt stehe ich hier vor der Tür und poche und rufe.

Es ist ein altes und halb verfallenes Haus. Sehr hübsch als Requisite in einen Märchenfilm einzubauen. Aber bewohnbar, nach heutigen, mitteleuropäischen Ansprüchen? Da habe ich schon bei der Betrachtung der Außenfront meine Zweifel. Ich kann mir den Unwillen der Stadtverwaltung allmählich erklären. Vermutlich hätte die alte Frau hier schon längst ausziehen sollen, so oder so, das Haus abgerissen und gewinnbringend durch eine modernistische Scheußlichkeit ersetzt werden sollen. Unser Dorf respektive Stadtviertel soll hässlicher werden und dafür gibt es sogar noch Preise. Ergänzend kommt dann irgendwo unmotivierte Kunst am Bau hinzu, ebenfalls hochdotiert und Steuerzahlers drängendster Wunsch. Worüber sonst, als über interpretationsbedürftige, sinnnotleidende Kunst ließe sich länger und gewollt sinnloser am Stammtisch und vor der Haustüre diskutieren? Wobei der ursächliche Abriss der Vergangenheit manchem ein tief empfundenes, manchem Bauunternehmer ein reelles Anliegen ist. Ich grinse grämlich in mich hinein. Klopfe erneut an eines der undurchsichtigen, gewiss seit Jahrzehnten nicht mehr geputzten Fenster. Dieser alten, kleinteiligen Fenster, durch Holzrahmen in überschaubare Gevierte geteilt. Überall scheint das ausgegilbte Holz durch die abgeblätterte Farbe.

Dann donnere ich meine Faust nochmals gegen die Türe, Staub, erzeugt von fleißigen Holzwürmern und abbröckelndem Putz, rieselt über das altdunkle Holz und das schwarze Metallschloss, für einen riesenhaften, schweren Schlüssel gedacht. Ich rufe nochmals Namen und Anliegen meiner aufsuchenden Wenigkeit. Nein, ich verkaufe keine Versicherungen, keine Staubsauger und auch nicht das ewigwährende Seelenheil. Ich verkaufe gar nichts. Sondern verursache völlig unnötige Kosten für Gesundheitswesen und Staatssäckel, das ist mir klar und wurde mir von dem einen oder anderen Kommunalpolitiker und auch von dem einen oder anderen Chef, den fachlich versierten wie den reinen Verwaltungs- und Finanzleuten, schon mal mehr oder weniger versteckt nahegebracht. Manche Dinge kann man doch einfach abwarten!

Verblüffend ist, dass mein Lärmen nicht, wie sonst oft, die Nachbarn lockt, sondern zu vertreiben scheint. Niemandes Neugier scheine ich zu wecken. Nochmals rufe ich, noch lauter. Meine Stimme droht, sich zu überschlagen. Ich werde langsam heiser und höchst unwillig. Was tue ich hier, ungebeten? Da höre ich etwas. Spricht da wer? Höre ich Schritte? Kann sein. Immerhin sind an diesem warmen Tag schwere, dunkle, mit nicht mehr erkennbarem Schnitzwerk gezierte Türe und alle die blinden Fenster zu.

Tatsächlich. Hinter der Türe steht jemand, scheint zu flüstern. Womöglich geht es nicht mehr lauter. Wer denn da sei? Wieder rufe ich, antworte ich, so laut ich nur kann.

Zaghaft und knarzend wie in spätnächtlichen, schwarzweißen Horrorstreifen öffnet sich die Türe. Aber es ist ja heller Tag. Es ist schon so, ich starre jetzt in die Schwärze. Vor mir steht eine winzig kleine, gebeugte Uralte. Gestützt auf ihren Stock, von der Last der Jahre, der Einsamkeit, der Krankheiten geplagt und zurechtgebogen.

Die mit ihrer maßgeblich von der fortgeschrittenen Osteoporose mitverursachten Gehunfähigkeit im Krankenhaus Liegende war gemäß eigener Aussage die Einzige, die sich noch um die Frau in dem allmählich zerfallenden Haus kümmerte. Dieses Haus in der Straße, das als einziges Gebäude noch älter als die Frauen sein mochte.

Was ich möchte kommt erneut die Frage. Wieder rufe ich meine Antwort, komme mir vor wie der Herold eines mittelalterlichen Vogtes, ein Ausrufer, denn an der Türschwelle dieses Hauses bin ich nicht mehr im 20. Jahrhundert, sondern an der Schwelle einer anderen, früheren, längst vergangenen Zeit. Ich sehe in die Schwärze, ins Dunkel einer tiefen Verlassenheit, einer Vergessenheit und damit Zeitlosigkeit.

Das Hellste, was ich allmählich erkennen kann, sind neuere, gräuliche Spinnweben, die sich über die Schichten unzähliger nachgedunkelter Vorgenerationen legen. Alles andere ist Dunkelheit, ist Schwärze. Auch die Frau, die mir gegenübersteht – lange, überlange, schmutzige Fingernägel, eine von Dekaden gegerbte, tief gefurchte Haut, in der längst die nicht mehr abwaschbaren Ablagerungen der Zeit ihre Heimstatt gefunden haben, Kleidung eingeschlossen das Kopftuch, das Jäckchen, den langen Rock im Stile der alten Hexe aus den Märchenfilmen, aber konsequenter von der Requisite aufbereitet, seit Jahr und Tag bei jeder Verrichtung getragen – wirkt düster, erhellt ihren dunkelhölzernen Türrahmen nicht.

Ich schlucke. Versuche nochmals, mich verständlich zu machen. Endlich werde ich hereingebeten. Ja doch, sie versteht. Ich sei so eine Gemeindeschwester, oder? Erst verziehe ich, Kind einer anderen Zeit, das Gesicht, dann nicke ich eifrig. Warum nicht!

Ich erkläre geduldig, setze immer wieder an, warum ihre Bekannte nicht kommen kann, nicht einkaufen kann. Sie nickt bedächtig: „Ja, ja. In dem Alter sollte man ein bisschen vorsichtiger sein! So jung ist sie nicht mehr, habe ich ihr oft gesagt.“ War das Humor, eine Art Galgenhumor? Oder meinte sie das ernst? Ich weiß es nicht. „Wie alt sind sie denn,“ fragte ich. Eine Art kichern aus dem zahnlosen Mund: „Hihi, raten sie mal! Na, jetzt auch schon – 100.“

Das stimmte wieder mit den Angaben von Stadt und der Verletzten überein. Und dem Augenschein.

Ich musste nicht lügen: „Dafür sind sie aber wirklich noch gut beisammen!“ Vor allem, dachte ich, wenn man die Bemühungen unserer modernen Versorgungswirklichkeit an diesem Exempel dagegenhält. Trotz unseres Sozialstaates, der sich absolut nicht zu kümmern imstande oder auch nur Willens ist, aus Eigensinn so alt geworden!

Welche Hilfen wir dann organisierten und an welchen Hürden wir scheiterten, das will ich heute und hier nicht erzählen. Es führt zu weit und verdirbt mir nur die Laune am Geschichtenerzählen.

Nein, ich will von meinem Besuch im Mittelalter erzählen. Ich saß also in einem alten, also trotz der Sommerhitze bauartbedingt innen recht kühlen Haus unter altersschwarzen Balken auf seit vielen Jahren nicht mehr gereinigten Kissen auf uralter Bank. Gewiss, diese Holzbank war älter als ich. Nahebei die Alte, die mir erzählte. Es war nicht gänzlich dunkel. Strom gab es keinen mehr, aber die Fenster ließen doch so viel Licht ein, dass man, nachdem sich das Auge gewöhnt hatte, nach und nach die Einrichtung erkannte. Düstergrau die Wände, einst weiß getüncht, gelblich vergilbt die Gardinen. Vergeblich suchte meine Blicke nach gebrauchtem Geschirr. Was aß sie, die alte Frau? Hatte sie noch Vorräte?

Mit einem Mal packte mich die Uralte am Arm, krallte sich fest, rief: „Spüren sie es nicht?“ Es waren ihre Gespenster, die aktiv waren. Und nun auch mich betrafen: mir lief es eiskalt den Rücken hinab. Alle Härchen stellten sich auf. Langsam befreite ich meinen Arm, auf dem die Eindrücke der Nägel noch lange blieben: „Nein, tut mir leid. Ich spüre Nichts.“ So gesehen war das ja gelogen. Und ob ich eben etwas gespürt hatte. Was spürt man, wenn einen plötzlich jemand gewaltsam am Arm packt, und man nicht damit rechnet? Ich wäre jetzt gern gegangen.

Ich glaube nicht an Gespenster. Nicht in alten, düsteren Häusern. Aber ich glaube an die Gespenster in dem wirren Seelenleben der Menschen, zumal der Einsamen.

Das ist ein Glaubenssatz, den ich mir in solchen Situationen immer wieder vorsagen muss. Bevor ich an den Erscheinungen und Wahnvorstellungen der verloren gegangenen Seelen teilnehme, was ich partout nicht will!

Was die Besucher tun würden? Immer wieder, immerzu, so erläuterte sie: „kommen sie herüber, herein. Stehlen oder verräumen meine Sachen, einfach so!“ Jetzt weinte sie fast. Zeigte ihre Verlassenheit und ihre auch durch das Alter bedingte Wirrheit. In der sie sich verstrickt hatte.

Ich begann, sie zu beruhigen. Und mich mit der Frage zu beschäftigen, gleichzeitig auch zu beruhigen, ob sie wohl einer psychiatrischen Untersuchung zugeführt werden sollte.

Nach und nach entspannte sie sich wieder, die Eindringlinge hatten sie wohl für den Moment verlassen. Ich half ihr dann noch, ein oder zwei der verloren geglaubten Dinge zu suchen. Sie zeigte mir, mit welchen heiligen und unheiligen Mitteln sie sich gegen diese Übergriffe zur Wehr setzte. Jedes ihrer Amulette kam mir lächerlich vor. Und jagte mir einen neuen Schauer über den Rücken. Endlich konnte ich mich verabschieden und trat hinaus.
Die späte Sonne blendete mich. Hinter mir fiel eine alte Holztür ins Schloss.

Nun sinniere ich, etwas erschöpft auf eigenem Sofa sitzend, darüber, was ich wohl eines Tages vor mich hinbrabbeln werde, kaum mehr etwas sehend – das zeichnet sich ja bereits hinter meinen dicken Brillengläsern ab! – und mit krummgichtigen Fingern vergeblich nach der flüchtigen Wirklichkeit greifend.

Ach, möchtest du auch ein Glas? Warte. Ich hole noch ein Weinglas für dich. Was, du trinkst aus der Flasche? Hör mal, das geht mit Bier – aber mit Wein! Das laß mal. Du bekommst doch ein – nein, partout nicht? Es soll niemand sehen, dass du hier warst? Ja, wer sollte denn zu Besuch kommen! Bei mir! Aber deine Anwesenheit, die muss unter uns bleiben. Das ist mir klar. Wer weiß, was die von mir denken würden.

Du hast mich ja auch ganz schön erschreckt, als du zum ersten Mal, so ganz unvermittelt, aufgetaucht bist. Zuerst dachte ich ja an Einbrecher! Dann an eine Erscheinung, daran, dass ich hier in meiner Einsamkeit allmählich verrückt werde. Dann wurde mir alles klar. Du wohnst jetzt eben bei mir. Das alte Haus werden sie abgerissen haben, nachdem sie gestorben war, nicht wahr?

(Der freizügige Umgang in dieser Geschichte mit der Erzählzeit ist beabsichtigt. Zu verwirrend?

An was könnte diese Erzählung mit freilich anderem Schwerpunkt, in anderem Kapitel untergebracht, korrespondieren? (571., 573., Kap. 5) Das ist eine gute Geschichte. Gemeinsamkeit? Im Kern wahr… Man könnte auch an die Konzentration des menschlichen Abschäumens in (308., Kap. 4) In einer Wohnung (ff) denken. Natürlich (224., Kap. 5) Der Sozialarbeiter (ff). Oder andere. Aber wie angedeutet geht es diesmal um das, was derartige Erlebnisse mit dem Subjekt, dem Ich, dem Erzähler machen können. Äh, ja, vielleicht noch ein Hinweis für den allzu unvoreingenommenen Geschichtengebraucher (= interessierte Leser): die häufige Erwähnung konsumistischer Alkohol – Verzehr – Eskapaden ist im Wesentlichen* symbolisch gemeint. Bedeutet die Veränderung der Bewusstseinslage, das Verschwimmen der Wirklichkeit (kennt so gut wie jeder von den flüssigen Lösungen, die Trinkalkohol enthalten, oder anderen Rauschdrogen) und die Verdinglichung von Einbildungsnebelfiguren. Manche nennen es Traum, Wahrtraum, Wahrsagen (etwa Naturvölker, was man so hört), manche Wahn (persönlich gefällt mir: Wahnwitz) … Jedenfalls geht es mir nach einschneidenden Begegnungen mit interessanten Eindrücken & Personen, na, anders… und meistens nicht besser, was vielleicht auch daran liegt, dass diese Begegnungen selten einen guten Anlass und ebenso selten ein gutes Ende haben. Das ist so ähnlich wie bei den Reportern: eine gute Nachricht ist keine… Obwohl, ich stecke auch gute und schöne Erlebnisse nicht einfach so weg.

Was gibt es eigentlich für Behandlungsmöglichkeiten für Überempfindlichkeit? Danke, ich war nur neugierig: ich würde für nichts auf meine manchmal regelrecht krankmachende Empfindsamkeit verzichten wollen. Und das was dann hier steht. In der unbescheidenen Hoffnung, dass es den hierher verirrten Lesern ebenso ergeht.

War das jetzt nötig? Nein. Geschichten sollen für sich stehen. Streichen! Bzw. vergessen, dass das eben gelesen wurde.)

(*In Geschichten beschriebene Handlungen sind nicht zur Nachahmung empfohlen. Grundsätzlich.)

(596.) Was N. seinerzeit vergaß

(dem alten Weiblein oder Z. in den Mund zu legen):

a) Darstellung:

Also Zarathustra sprach:

Wein nicht, Fraue, sondern lach!

Sieh, du bist zwar Witwe jetzo

Aber das, ein Intermezzo,

stör dich nicht, du hast ja alles,

ausgenommen des einen Pfahles,

den hab ich und leih ihn dir,

darum, Fraue, koche mir!

So der Weise tröstet Weiber

Die noch haben schöne Leiber.

b) Lösung:

Sagt doch der alte Bock zu mir!

Ich sagt‘ zu ihm und es mich deucht‘,

ich hätt‘ ihm sauber heimgeleucht,‘

was will er ohne Peitsche hier?

Ohne Peitsche. Ohne Spiel.

So stellt‘ ich ihn zur Schüssel:

„Rühr dort mit deinem Rüssel,

rühr’s schaumig, rühr uns recht viel.“

Ach Gott, und wie er schlägt!

Was uns die Mannheit pflegt…

Komm weiter, soll der Teig aufgehn,

in kurzer Zeit, wir werden sehn!

(595.) An die Essensfreude

An die Essensfreude

(Ein froher Gesang mit Warnhinweis: nicht für geruchsempfindliche, laktoseintolerante Personen mit geringer Neigung zu deftigen Genüssen geeignet. Eigentlich nur für Berg- und Küstenvölker, deren Grasländer von zahlreichen Wiederkäuern besiedelt ist, gedacht.)

Käse! Hat es auch gestunken,

Tochter aus der Sennerei,

wir betreten ganz versunken –

Köstliche! – die Molkerei.

Deine Düfte binden wieder

Was die Käseglock geteilt –

Alle rümpfen kurz die Nase

Wo dein würz‘ger Duft verweilt.

Freude schlürfen alle Wesen

Aus dem Busen jeder Kuh.

Alle Bösen, alle Guten

Folgen deiner Spur im Nu.

Nasen gab man uns und Zähne,

einen Käs, geprüft, bewährt,

Wollust wird dem Mensch gegeben,

der ihn voll Genuß verzehrt.

(594.) eingeigeltes Lied

Was macht der Igel

in seiner Kugel drin?

Heult er vor Schmerz,

Ohnmacht und Wut?

Zittert er vor Angst,

geht es ihm gut?

Was macht der Igel

in seiner Kugel drin?

Wichst er vielleicht,

denkt an ne Igelin?

Oder spritzt er sich

            Heroin?

Was macht der Igel

in seiner Kugel drin?

Verhaltensforscher, Psycholog,

es ist nun an der Zeit

den Igel gründlich zu durchleuchten,

zu suchen Igelleid.

Raubtierigel überkompensiert,

geht zur Bundewehr,

anderer Angstigel überträgt

Füchse auf Autos –

Standardigel, der stets verdrängt

Alles aus der Kugel,

Schlauigel rationalisiert,

sieht in dem Kugeln Sinn?

Was macht der Igel

In seiner Kugel drin?

(592.) liebes kunst gedicht

Wenn ich in Giverny auf der gebogenen Brücke stehe

Und dich im Arm halte, dann denke ich nicht

An Monet, an andere Brücken, an die Seerosen nicht,

denn,

wenn ich in den Steinfeldern von Carnac stünde

und dich im Arm hielte, dann dächte ich nicht

an Obelix, wie er seine Menhire umherträgt,

und

wenn ich unsere Betten beziehe

dann stehe ich nicht im Belvedere

und sehe nicht Reiters Schlummernde

die Schenkel und Brust zeigt

sondern

nur die Figuren des Staubs, den ich

von den Decken schüttle

sonst nichts

das ist dir doch bekannt, oder?

Also frag nicht so dumm.

(591.) Nichts zu bereuen

Antonio war neu hier. Aber Luigi war geduldig. Er lehrte ihn, wie man Pizzateig machte und ihn so anmutig drehte, dass sich das weibliche Publikum unisono nach dem grazilen jungen Pizzabäcker umdrehte. Er lehrte ihn alles, was man wissen musste.

Zunächst freilich diese einfachen, mehr handwerklichen Dinge. Später, denn Antonio war ein kluger Junge, der die Dinge schnell begriff, auch die Zusammenhänge.

„Niemand ist allein auf der Welt. Wir gehören immer zu irgendwem. Deshalb ist und bleibt sie so wichtig, die Familie. Wenn du deiner Mutter helfen musst, dann musst du das tun. Natürlich gebe ich dir frei!“ Eigentlich hatte Antonio gehofft, dass er nicht frei bekäme. Das wäre eine unwiderlegbare Begründung gewesen. Aber nein, sein Chef war großzügig. Und er musste auch noch dankbar sein! Also hatte er seiner Mutter zu helfen. Obwohl er sich so gerne gedrückt hätte.

Natürlich konnte Luigi andererseits auch streng sein. Es gab Dinge, die er nicht leiden mochte. Giorgio war in den Verdacht geraten, es bei seinen Lieferungen nicht immer ganz genau zu nehmen. Luigi sagte zu Antonio, dass er mitkommen solle. Es gäbe etwas zu lernen.

Als sie wieder gingen, zitterte Antonio. Aber Luigi erklärte ihm, dass es eben notwendig gewesen war. Es gibt Dinge, die dürfen nicht passieren. Sonst würde doch völliges Chaos entstehen!

„Aber, mein Junge, du musst nichts tun, du sollst nichts tun, was dir widerstrebt. Nur solange das, was du tust, mit deinem Gewissen, deinen Werten übereinstimmt, mit deinen Gefühlen, deinen Gründen, die dich dazu geführt haben, nur so lange ist es gut. Alles, was du getan hast, ohne diese zu verraten, zu verletzen, ist gut getan, das musst du nicht bereuen!“ Trotzdem gingen sie gleich noch in die Kirche und zündeten für Giorgio eine Kerze. an. Schließlich soll man auch wissen, wann etwas erledigt ist. Basta.

Es war spät und die Pizzeria längst geschlossen. Sie hatten noch saubergemacht, die Angestellten waren nach Hause gegangen, die Familienmitglieder zu Bett. Nur Antonio saß noch bei einem Glas Rotwein Luigi gegenüber. Er hatte eine Frage und traute sich nicht recht, sie zu stellen. Luigi lächelte: „Frag! Ich seh doch, dass dich etwas drückt. Frag mich, und ich werde dir antworten. Ja oder nein. Aber ich werde dir nicht den Kopf abreißen, keine Angst!“ Antonio atmete tief durch. Nein, den Kopf würde ihm Luigi nicht abreißen. Aber sonst gab es doch auch noch Möglichkeiten. Schließlich fasste er seinen Mut zusammen und sagte: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich das fragen darf. Aber du hast zu mir gesagt, ich soll immer das tun, was mit dem, was ich fühle, übereinstimmt.“ „Oh. Nein, so habe ich das nicht gesagt. Ich habe gesagt, mit deinen Werten, dem, was du für richtig erkannt hast, muss es übereinstimmen, nur dann ist es gut getan.“ „Ja, ja genau so. Das meine ich. Und jetzt habe ich mich gefragt…“ „Hast du etwas angestellt?“ „Ich hoffe, nicht! Nein, ich frage mich andauernd – hast du das gemacht? Gekonnt? Immer?“ „Ah, ja. Eine richtige Frage. Und eine einfache Antwort: natürlich nicht! Sonst hätte ich in meinem Leben nichts zu bereuen. Es war zum Beispiel nicht richtig, was wir damals mit diesem kleinen Musiker angestellt haben.“ „Kleiner Musiker?“ „Ach, nicht so wichtig. Aber es war gemein. Vielleicht erzähl ich es dir eines Tages. Aber jetzt gehen wir erst einmal schlafen, morgen ist ein langer Tag!“

Aber Luigi konnte nicht gleich schlafen. Er träumte wild. Und von damals. Es lag ihm immer noch auf der Seele.

Jedes Jahr legte er an einem bestimmten Tag Blumen auf das Grab des so jung Verstorbenen. Und weinte. Denn er wusste, er hatte ein junges Genie, das noch viel Großartiges vollbracht hätte, getötet.

Sie hatten den jungen Burschen auf einen Stuhl gedrückt. Sie waren zu dritt. Angstvoll starrte der Junge sie an, sein Blick wanderte von einem zum anderen: „Hört mal, ich hab euch nichts getan. Bitte, was soll das hier? Lasst mich gehen!“ „Du hast nichts getan, stimmt. Zum Beispiel deine Schulden nicht zurückgezahlt. Das geht so nicht! Also wird dir Carlo hier jetzt einen Finger nach dem anderen brechen…“ Luigi konnte nicht ausreden, da schrie der junge Musiker schon panisch auf: „Nein, nein, bitte nicht! Das sind doch… ich meine, wie soll ich Klavier spielen, meine Arbeit tun, wenn ich gebrochene Finger habe? Das geht doch nicht, ich kann dann nicht mehr arbeiten, dann kann ich euch meine Schulden doch nicht zurückzahlen! Das müsst ihr doch verstehen. Ich zahl doch, ja, aber ich brauche halt mehr Zeit! Bitte…“ Carlo nahm zärtlich eine der schlanken Musikerhände in seine Pranken. Luigi zuckte bedauernd die Schultern: „Das ist das Geschäft. Du hast einen Termin. Spätestens, hieß es. Und du hast nicht gezahlt. Wenn ich bei einer Bank einen Kredit aufnehme, dann nehmen die mir auch mein Haus weg, setzen mich auf die Straße, und verkaufen mein Eigentum. So ist das. Nach gutem Recht und Gesetz.“ Wieder irrten die aufgerissenen Augen des Jungen Hilfe suchend im Raum umher: „Ja, ja. Ich sehe ja ein, ich muss zahlen. Aber wenn die Bank das Haus wegnimmt, verkauft sie es. Und brennt es nicht nieder. Die wollen einfach ihr Geld. Wenn ihr mir meine Finger brecht, kann ich keine Musik mehr machen. Dann ist es vorbei, einfach vorbei, ich kann kein Geld mehr verdienen, nichts zurückzahlen. Das ist der Unterschied! Ihr schadet mir, aber auch euch!“ Carlo nahm sich einen der Finger, zog ein wenig daran, und wieder bettelte der Musiker, man solle ihm doch bitte seine Musik lassen. Das sei sein einziges Vermögen, sonst könne er niemals mehr zahlen. Luigi nickte: „Du hast schon recht mit dem, was du sagst. Aber wenn ich dich jetzt laufen lasse, hm, bezahlst du dann wirklich?“ „Ja, ja, alles! Es dauert halt ein wenig. Aber ich bin gut, als Musiker mein ich, ich werde zahlen!“ „Das stimmt. Du bist ein guter Spieler. Am Klavier. Weißt du was, wir machen einen Vertrag.“

Der junge Musiker durfte weiterspielen. Allerdings jetzt nicht nur in den Clubs, die wie bisher schon Luigi ausgewählt hatte, sondern zusätzlich in Tonstudios. Plattenaufnahmen, und Luigi bekam dem Vertrag gemäß den gesamten Erlös. Zunächst verkauften sich die Platten nicht. Der Musiker war zu unbekannt.

Dann verkaufte man die Scheiben in den Clubs, in denen der Junge aufgetreten war. Dort wusste man bereits um sein Können. Der eine oder andere Liebhaber nicht nur der dort arbeitenden Damen, sondern auch der Musik war darunter. Die schwarzen Scheiben wurden als Geheimtipp gehandelt.

Und dann von einem der großen Labels übernommen. Einer der Manager war auf die Schellackscheiben gestoßen. „Das könnten wir machen,“ sagte er zu dem jungen Musiker, der eben wieder für ein wenig Geld, das er behalten durfte, vor dem Publikum klimperte, das seine Virtuosität zum größten Teil gar nicht schätzen konnte. Es kam zu ersten Probeaufnahmen. Und dann kam Luigi in das Büro. Wies seinen Vertrag vor. Der Manager meinte, dass die Firmenanwälte gewiss etwas an einigen Formulierungen auszusetzen hätten. Doch dass, wenn der junge Musiker einverstanden sei, man das Geschäft erst einmal so laufen lassen könne. Mit verkniffenem Gesicht stimmte dieser dem Handel zu.

Schweißgebadet wachte Luigi auf. Ging ins Bad, trank Wasser uns spritzte sich kühles Nass ins Gesicht.

Tote Künstler, tote Musiker, die gerade eben bekannt werden, lassen sich viel besser vermarkten. Und können keinem Vertrag mehr widersprechen. Aber lebende Künstler können Kunstwerke schaffen, sind kreativ und der eine oder andere vielleicht sogar genial. Hatte er ein junges, aufstrebendes Genie verhindert, sein großes Geschenk der Menschheit zu geben, sein Werk?

Luigi setzte sich auf das Klo. Es würde Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Er hatte in der Heimat ein großes Haus bauen lassen, dort könnte er seine Rente genießen.

Denn auch die Fehler, die kleinen Sünden, die man im Lauf eines langen Berufslebens begeht, muss man wegstecken können. Wenn sie einen einholen und plagen, ist man nicht mehr stark genug für die knallharte Geschäftswelt. Die einem auch die Dinge verzeiht, die man selbst als falsch erkennt, die aber Schwäche niemals vergibt.

Noch war Antonio nicht so weit, aber er lernte schnell. Er würde mit ihm reden müssen. Über Fehler. Und über die Zukunft.

(ob die Geschichte etwas mit 73., des Menschen guter Kern, auch Kap. 4, zu tun hat? Außer dass der Protagonist Luigi ist und es um eine moralische Botschaft geht eigentlich nicht.)

(590.) Eine Bedrohung für den Weltfrieden

Du weißt ja, Teresa, was damals passiert ist. Ich weiß es noch, es ist ja erst, laß mal überlegen, ja, grad mal so um die 2000 Jahre her. Damals wurde der Junge in dieser modernen, ganz dem Zeitgeist verhafteten Klinik abgetrieben. Er, der Junge, auf den wir gehofft hatten, die ganze Menschheit gehofft hatte, er, der Sohn des Einen!

Aber seine junge, unverheiratete Mutter – nun, ihre Eltern, ihr Verlobter, alle redeten auf sie ein. Und dann, es war ja so einfach, wurde der Junge weggemacht, abgetrieben!

Heute wäre so etwas nicht mehr möglich, sicher. Die neuen, aus purer, umfassender Lebensbejahung und Menschenfreundlichkeit geborenen Gesetze verbieten es.

Aber damals – war alle Hoffnung dahin. Er hätte uns gesagt, wir sollen gut sein, uns lieben. Und nicht Hass und Krieg pflegen. Nicht bewaffnet und gewaltbereit herumstolzieren und die anderen provozieren. Nicht töten.

Wenn wir nur damals schon… Ja, Teresa. Du hast ja so recht.

Dann wäre die Menschheit gerettet worden. Wir hätten auf ihn gehört, hätten alles richtig gemacht, gut gemacht. Aber so…

Hätte man den Jungen nicht einfach aus dem Leib seiner Mutter entfernt, ihm damit jede Chance auf ein Menschenleben genommen, seine Mutter damit freilich nach den damaligen Gesellschaftsregeln mit Schande bedeckt, aber der war sie ja ohnehin ausgeliefert, dann wäre alles gut geworden. Alles. Einfach alles.

Keine Todesurteile in Texas. Keine Kriege im nahen Osten. Keine bösen Taten, keine Sünden, keine Gewalt mehr. Egal wo, überall!

Ach, wäre das schön geworden. Das Paradies auf Erden!

Alles nur deswegen. Wegen dieser einen, grässlichen Untat. Haben wir immer noch Todesurteile in Texas, Krieg in Nahost, Gewaltphantasien und Waffenverkäufe der Deutschen, nicht nur der Rechtsradikalen, und sonst noch ein paar Kleinigkeiten, die nicht in Ordnung sind.

So, ohne das vielfach zurechtredigierte Buch, in dem alles stehen würde, was du tun und lassen sollst, müssen sich die Menschen selbst ausdenken, was gut und was schlecht ist. Können das nicht einfach nachlesen, ohne auch nur nachzudenken oder gar mitzufühlen. Hätten sie das Buch, so wüssten sie, was Paulus gesagt hat über das Höchste unter den Dreien, die Liebe, würden sie das fünfte Gebot kennen, wüssten, wer nur den ersten Stein werfen dürfte. Keiner, der das Buch jemals in der Hand gehalten hätte, könnte noch für Gewalt und Krieg sprechen.

Schade. Na, vielleicht wäre das ja auch zu einfach gewesen!

(Manchmal kommt mich das Bedürfnis an, etwas klarzustellen: ich war noch nie ein Fan des Schwangerschaftsabbruchs. Etwas, das im Leib wachsen soll und kann, ein einigermaßen gesunder, lebensfähiger Mensch werden könnte, einfach so herausreißen? Nicht ohne Not. Ich habe aber auch noch nie mit einer Frau gesprochen, die sich ein solches Ende ihrer noch jungen Schwangerschaft ernstlich überlegte, und nicht von ihrer Not damit erzählte. Eine Frau, die sich auf die Mutterschaft freut, weil Liebe ihre Grundbedingung und Ursache ist und sie diese Liebe dem daraus entstandenen Kind weitergeben will, die kommt ja nicht auf die Idee! Wenn nun einige verschrobene Leute, insbesondere oft ältere Männer, die sich an die gute alte Sitte, dass man möglichst viele Leute, insbesondere aber die Frauen, unterdrücken, schikanieren und bevormunden soll, erinnern und so ein halbwegs allwissender Mann der Frau erzählt, wie das mit der Schwangerschaft ist und vor allem zu sein hat, dann fällt mir schlichtweg nur noch die Kinnlade runter. Mir selbst traue ich auch nur zu, ein derart schwieriges, nur im komplexen Einzelfall zu würdigendes Thema in einer sarkastischen Geschichte anzureißen, die vor allem diejenigen meint, die der Revoluzzer von einst gewiß mit der Peitsche aus dem Tempel gejagt hätte, die Weißwestentypen, die nicht gegen Gesetze verstoßen. Ihre selbstgemachten Gesetze. Und alle anderen mit nur theoretischem Sachverstand sind freilich auch mit angesprochen. Ja, jungfräuliche Ordensbrüder und -schwestern gelten in diesem Zusammenhang auch nicht eben als erfahrene, mütterliche Wesen.)